3 Fragen zu Haydn 2032

 

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Feuilletonscout: Welche künstlerischen Ziele möchten Sie mit dem Projekt erreichen? Und welche persönlichen?

Bernhard Lassahn: Die Musiker bemühen sich um eine so genannte historisch informierte Interpretation. Der Text tut es auch. Also habe ich Tatorte aufgesucht und versucht, in die Zeit zurückzureisen. Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem ich das richtig gerne tue. Dabei konnte ich natürlich die modernen Kontaktlinsen, die ein jeder heutzutage hat, nicht problemlos herausnehmen. Ich habe trotzdem versucht, unbefangen zu bleiben und als „glücklicher Dilettant“ mit einer zweiten Unschuld an die Aufgabe heranzugehen*.

 

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Feuilletonscout: Wie nähern Sie sich textlich-literarisch dem Komponisten Haydn?

Bernhard Lassahn: In Briefform. So hat sich auch die so genannte Gelehrtenrepublik, die „republic of letters“ verständigt, der Haydn als Kind seiner Zeit und als Intellektueller der besonderen Art angehörte. Die direkte Ansprache in einem Brief passt auch gut zur Musik, die uns ebenfalls unmittelbar anspricht und berührt – als wären wir persönlich gemeint.

Im ersten Text tue ich so, als würde ich meiner Tochter schreiben, die gerade in dem Alter ist, in dem Haydn war, als er seine ersten Sinfonien komponierte, und als erklärte ich ihr, welche Rolle die Leidenschaft in der Kunst und im Leben spielt und auch – es war schließlich Band 1 der Edition –, wie der erste Eindruck war, den Haydns Musik damals gemacht hat.

Im zweiten Text, in dem es um Originalität geht, tue ich so, als schriebe ich meinem Vater – einem Professor mit besonderem Faible für die Epoche der Aufklärung, in der die „auf sich selbst gestellten Persönlichkeiten“, wie Haydn einer war, auftraten. Mit ihm erörtere ich die Frage, inwieweit man seine Sinfonien als Versuch sehen kann, die „unsichtbare, innere Natur des Menschen“ mit eigenen wissenschaftlich-künstlerischen Mitteln zu vermessen, so dass man seine Sinfonien durchaus mit philosophischen Texten vergleichen kann, die ebenfalls versuchten, die Welt in ihrer Vielfältigkeit abzubilden.

 

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Feuilletonscout: Was lieben Sie persönlich an Haydn?

Bernhard Lassahn: Ich bin zum Glück im richtigen Alter mit den Beatles aufgewachsen, so dass ich da noch die Lust am Neuen spüren konnte sowie die grundsätzlich positive Lebenseinstellung, die ein lautes „Ja“ verkündet. So kommt man auf den Geschmack – und wenn man schließlich eine Art von Kunst besonders mag, bei der die Arme weit geöffnet sind, um möglichst viele Menschen zu umarmen, bei der ein Künstler aber gleichwohl auf seinen Besonderheiten und seinen Qualitätsansprüchen besteht, dann sucht man sich eben so seine Lieblinge aus. Dazu gehört Haydn.

Ein Musikfreund aus dem Jahre 1800 beschreibt sein Vergnügen an Haydn so, wie ich es selber nicht besser tun könnte: „Ich kann Ihnen nicht genug sagen, welch eine reine Behaglichkeit und welch ein Wohlsein aus Haydns Werken zu mir übergeht … Die heitere, schalkhafte, gutmütige, geistreiche Laune, verbunden mit der übermütigen Phantasie, mit der Kraft und Gelehrsamkeit und Fülle – kurz dies Schwelgen in einem Frühling von Tönen und schönen Modulationen, kann das Leben angenehm machen.“

 

* Einen Text zu schreiben … nun ja, das ist schon eine einsame Angelegenheit. Es geht aber auch in diesem Fall nicht ohne ein gewisses gemeinsames Musizieren und so danke ich für das Zusammenspiel Martin Betz, Stefan Till Schneider, Nicole Restle, Rudolf Lassahn, Christian Moritz-Bauer und Giovanni Antonini.