John Lennon in Bissendorf

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Mein Radio schaltet sich automatisch ein. Da kann es passieren, dass die Nachrichten in meine Träume reinreden. John Lennon erschossen. Als ich aufwache, bin ich nicht sicher. Zum Frühstück geh ich zu Thommie, der gerade Besuch von Mike Silver hat.

„Ich hab da sowas gehört … dass John Lennon tot sein soll.“

„Oh, no!“

Wir schalten das Radio an, es läuft gerade was von Lennon. Also doch. Mike soll mal erzählen, er hat doch gekannt, aus der Zeit mit Elton John, oder?

„I just met him in a hotel, you cannot judge a person by ten minutes.“

Nein, natürlich nicht.

„Can’t believe, John Lennon’s dead.“

Ich überlege, ob ich meinen Bruder anrufen soll, nur kurz. Der ist zehn Jahre jünger, schwärmt aber für die Beatles. Lieber doch nicht. So dramatisch ist es nun auch nicht, aber ärgerlich.

In der Nacht hat Thommie schon ein Gedicht fertig, na ja: fast fertig, zwei Zeilen fehlen noch. Erst werden alle Tagesnachrichten aufgezählt – Zuspitzung der Lage in Polen, der Tornado wird zu teuer –, und dann kommt die Meldung über John Lennon. Ganz gut, ja, ja. Ich bin nur kurz vorbeigekommen, weil noch Licht war, und wollte einfach nur sagen, dass ich den ganzen Tag dran gedacht habe, komischerweise, und dass ich es irgendwie ärgerlich finde, mehr nicht, das wollte ich nur sagen, sozusagen unter uns … weißt du, seine Stimme hat nicht …

Thommie sagt später, dass man mir kaum anmerkt, wenn ich betrunken bin, ich rede nur schneller und lauter. Auf dem Weg nach Hause bleibe ich am Geländer hänge, kotze mich aus und friere. Bei jedem Schritt habe ich das Gefühl, ich müsse nach hinten überkippen. Wirklich: so besoffen war ich selten, ich doch nicht, John Lennon hat viel gesoffen, besonders in der Zeit mit Elton John, aber ich doch nicht.

Das also war der neunte Dezember 1980.

 

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Als ich sechzehn war, hatte ich noch keine Freundin. Immer noch nicht. Nur eine Traumfrau, mit der habe ich oft geredet. Sie hieß Cynthia. Ich habe sie nach der Frau von John Lennon benannt, dabei hatte ich noch nicht einmal ein Bild von der gesehen. Egal. I think about you night and day, I need you, and it’s true. Eine Frau wie die Lieder. Wie ‚No Reply’. Seit der Platte bin ich zum harten Kern der Fans übergelaufen.

„Für ‚I Call Your Name’ könnte ich sterben“, hatte mal ein Freund aus dem harten Kern gesagt. Das war natürlich übertrieben. I call your name, Cynthia, Cynthia.

Ich will unbedingt Rhythmusgitarre spielen, wenn ich den Kurs am Konservatorium durch habe und ich will Songtexte schreiben. Ich bin sicher der einzige in Bissendorf, der die Texte der Beatles überhaupt versteht. Den Englischunterricht habe ich nur wegen der Beatles überstanden, das sollen Radde und Wimmer ruhig wissen. Ich habe denen nie geglaubt, den deutschen Schlagern erst recht nicht. Ich habe keinen großen Bruder, der zehn Jahre älter ist; ich habe aber gleich gemerkt, dass die Beatles verraten, wie die Liebe wirklich ist.

Ich bin so einer. Ich kenne jede Beatles-Platte, aber auch jede, ich habe sogar ein Tonband ‚Beatles bis Revolver’ in alphabetischer Reihenfolge, und da ist unter dem Buchstaben ‚I’ besonders viel los. Ich Ich Ich. Viele frühe Sachen fingen schon mit „I“ an: ‚I Call Your Name’, ‚I Should Have Known Better’, ‚I’m a Loser’.

Als ich Austauschschüler im Mittelwesten der USA war, war ich Langstreckenläufer und so einsam, wie Langstreckenläufer nun mal sind. Ich war auch ein Verlierer, ich musste die Haare kurz halten und ging sonntags viermal in die Kirche. Ich hätte gerne lange Haare gehabt – so gerne – und schrieb heimlich Gedichte, auf deutsch:

 

Oh, wie schön der Gegenwind
Durch die Haare jagt.
Lehrer, die dagegen sind,
werden nicht gefragt.

Das Frisörgeld spar ich,

ich bin haarig, ich bin haarig,

kann jeden erschrecken, vertreiben.

Niemand kann die Pracht beschreiben,

auch kein deutscher Dichter schafft es,

so was schlicht Spaghettihaftes!

 

Ich bin kaum noch zu erkennen.

Ich bin schöner als John Lennon.

 

Es gibt nicht nur für jeden Mann die Frau des Lebens, nicht nur das, da gibt es noch ein Geheimnis: die ideale Mischung. Deine Gruppe! Wenn du die Richtigen findest, deine passenden Nebenfiguren, dann seid ihr explosiv, ihr dürft euch aber niemals trennen. Vier Freunde finden einen Schatz. Ist dir schon aufgefallen, dass es fast nur noch Gruppen sind, die in die Hitparade stürmen? Keine Einzelgänger. Auf Gruppen, die zusammenhalten, kommt es an.

Wir sind auch eine Art Gruppe und gehen nach der Schule in die Plattenabteilung, zusammen mit dem, der für ‚I Call Your Name’ sterben könnte. Da haben wir jede Neuerscheinung von den Beatles abgehört, und keiner wollte zugeben, dass ‚Magical Mystery Tour’ ein Flop war. Wir haben uns angeguckt und wollten wieder so begeistert sein wie bei ‚Michelle’; die Beatles sollten die Besten bleiben, ‚We Can Work It Out’, ‚Penny Lane’ – bei ‚Girl’ mussten wir noch alle die Luft anhalten, wirklich.

Wir machen einen gemeinsamen Klassenausflug nach London und wissen natürlich, wo wir hinwollen: Abbey Road. Ich muss reingehen und fragen, ich kann am besten Englisch, dann kommen die andern nach, jetzt nicht kneifen.

„Excuse me, please, is it possible to visit … the studio?“

„No.“

„No?“

„No.“

Da sind wir aber erleichtert. Immerhin. Gefragt haben wir mal.

 

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Ich kenne welche, die waren zwei Wochen lang traurig, in meinem Alter wohlgemerkt, dem Alter, in dem er gesagt hat: The dream is over. Einer von den Schulfreunden (nicht der, der für ‚I Call Your Name’ sterben könnte) ist inzwischen Musiklehrer und hat den ganzen Tag im Unterricht LPs abspielen lassen, ‚Help’.

Ein anderer Freund hat noch ein Autogramm, das er sich ergattert hatte, bevor John Lennon in einen Bobschlitten stieg mit den Worten: „May bet he last one.“ Da wäre selbst der Mörder neidisch.

In einem Traum stimmt die zeitliche Reihenfolge nicht: ein schwarzer Cadillac rollt langsam vor das Haus meiner Eltern, Leute steigen aus, es ist sehr gefährlich, gleich werden sie klingeln und ich holen. Ich bin nackt und verstecke mich. Aber was ist das? Wieso klingelt keiner? Ich hab doch selber den Cadillac gesehen. Meine Eltern glauben mir nicht. Als ich beteuere, dass ich das schwarze Auto wirklich gesehen habe, kommt derselbe Cadillac noch einmal vorgefahren, als liefe ein Film ab, in dem dieselbe Stelle zweimal gezeigt wird. Ich muss einen Nachrichtentext vorlesen, die rote Lampe ist an, ich bin auf Sendung; da sehe ich, dass ich den Text nicht lesen kann, überall sind Fehler, da wimmelt es von afrikanischen Ausdrücken, die ich nicht aussprechen kann, ich will wenigstens die genaue Zeit durchsagen. „Es ist jetzt genau …“, sage ich, gucke auf die Uhr, aber da bewegt sich die digitale Anzeige so schnell, klack-klack-klack, dass ich nichts ablesen kann. Es gibt keine genaue Zeit. Endlich treffe ich John Lennon. Paul McCartney ist auch dabei, aber die beiden scheinen sich gut zu vertragen, auch Thommie ist dabei, Mike Silver und Elton John, wir sind alle befreundet. John kann ich vertrauen, mit ihm kann ich mich am besten unterhalten, ich darf nur eine Sache nicht erwähnen. Paul gibt mir noch seinem Rücken Zeichen, dass ich ihn ja nicht darauf ansprechen soll, dass er erschossen wurde, bloß nicht, ich tappe natürlich voll rein und frage ihn. Aber John verzeiht mir meinen Fehler, er umarmt mich sogar, es ist alles wieder gut, wir steigen alle zusammen in das große Auto.

Die meisten rücken erst später damit raus, als wollten sie sagen: Jetzt kann ich es ja verraten, so unter uns. Einer hat sogar geweint, ausgerechnet ein Kabarettist, der boshafte Witze macht. Eine kleine Träne für Lennon. Ich nicht. Ich habe nicht geweint.

Irgendein Prominenter berichtet, dass er sich immer an den Tag der Ermordung, an den 8. Dezember 1980, erinnern wird, weil der Nachrichtensprecher fast weinen musste und fragt uns: „How will you remember it?“

How? Für mich war es der neunte Dezember. Ich wollte den ganzen Abend einer Frau erzählen: Weißt du, heute haben sie John Lennon abgeschossen, ärgerlich so was. Nicht, dass es mir viel ausmacht, aber ärgerlich. Aber das kann man nicht machen. Die Frau ist wieder eine Cynthia, ich erschrecke, wenn ich sie sehe und bin sechzehn Jahre alt. Why am I so shy, when I’m beside you? It’s only love, and that is all. Why should I feel the way I do?

Der kann ich damit nicht kommen, das ist doch pubertär, sexualidealistisch, das muss doch auch irgendeinen Bezug haben zu den Problemen, in denen wir gerade stecken. Ich will sie so gerne beeindrucken, doch ich habe keinen Zauber und betrinke mich, was ich sonst nicht tue, weil sie mich nicht mag, deswegen. Nicht wegen John Lennon. Und nachher geh ich zu Thommie, weil da noch Licht ist.

Das war alles.

 

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Der Text ist ein Auszug aus ‚Liebe in den großen Städten‘, die Fotos sind von Duane Osborne. 

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