{"id":1003,"date":"2015-03-12T11:47:34","date_gmt":"2015-03-12T10:47:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1003"},"modified":"2023-07-06T15:50:48","modified_gmt":"2023-07-06T13:50:48","slug":"ein-wort-erscheint-und-tritt-in-kraft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1003","title":{"rendered":"Ein Wort erscheint und tritt in Kraft"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<h1>Der Mann mit den Eichh\u00f6rnchen hat Geburtstag<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>Das Leben ist das Wichtigste des menschlichen Daseins.<\/em><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So sagte er einst. So kennen wir ihn, wie er leibte und lebte. Nun lebt er nicht mehr. Er w\u00e4re am 20. Februar des Jahres 2015 106 Jahre alt geworden. Die Zeit ging rasend schnell vorbei:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\">\n<p>Kaum, dass auf diese Welt du kamst,<\/p>\n<p><em>zur Schule gingst, die Gattin nahmst,<\/em><\/p>\n<p><em>dir Kinder Geld und Gut erwarbst \u2013<\/em><\/p>\n<p><em>schon liegst du unten, weil du starbst.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So hat er es einst gedichtet. Im letzten Jahr wollte ich zu seinem Geburtstag noch einen Zweizeiler hinzuf\u00fcgen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\">\n<p><em>Er ist jetzt hundertf\u00fcnfe<\/em><\/p>\n<p><em>und hat noch unbekannte Tr\u00fcmpfe.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber ich kam nicht dazu. Die Zeit ging rasend schnell vorbei. Nun muss es hei\u00dfen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\">\n<p><em>Jetzt wird er hundertsechse.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie? Tr\u00fcmpfe gibs? Entdeckse!<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht, wie wir bestimmt sofort erkannt haben, um Heinz Erhardt. Aber was soll der f\u00fcr Tr\u00fcmpfe haben? Wieso sind die unbekannt geblieben? Wir kennen doch alles von ihm. \u201eGro\u00dfe Schatten werfen ihre Ereignisse hinter sich\u201c, hat er einst gesagt. Nun liegen sie da, die Schatten, die Ereignisse. Und nun? Als neulich im Fernsehen der bisher unbekannter Kurzfilm \u201aGeld sofort\u2019 gezeigt wurde, war das jedenfalls keine gro\u00dfartige Entdeckung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1009\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/squirrel-493790_640-1-150x150.jpg\" alt=\"squirrel-493790_640-1\" width=\"82\" height=\"82\" \/>Manche halten seine Texte sowieso nicht f\u00fcr besonders geistreich, sie erkennen da lediglich oberfl\u00e4chliche Witzeleien, die auf dem Glatteis der sprachlichen Missverst\u00e4ndnisse ausrutschen und zu Kurzschl\u00fcssen f\u00fchren, als w\u00fcrden wir bei einem Starthilfekabel die Plus- und Minus-Enden nicht etwa an die Batterie eines anderen Autos anschlie\u00dfen, sondern direkt gegeneinanderhalten, so dass da ein Blitz entsteht, der wie ein Geistesblitz wirkt. Ein Auto kommt damit nicht in Fahrt. Wir vermissen bei ihm die Tiefe, die uns Deutschen so wichtig scheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sollte es da wirklich noch mehr geben? Tr\u00fcmpfe gar? Ja. Ein beachtlicher Teil der Kunst von Heinz Erhardt ist tats\u00e4chlich bisher im Schatten geblieben. Wenn wir nur den gro\u00dfen Dicken kennen, kennen wir nur einen kleinen Heinz Erhardt. Es gibt noch andere Seiten von ihm. Erstaunliche Texte und erstaunliche Musik. Jawohl, Musik. Bei Musik erwarten wir sowieso mehr Tiefe. Doch Musik trauen wir ihm gar nicht zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt sie aber. Schon zu seinem Hundertsten spielte die Konzertpianistin Chie Ishii in der Berliner Philharmonie einige seiner Kompositionen und \u00f6ffnet mit ihrem Programm \u201eHeinz Erhardt \u2013 mal klassisch. Klassik trifft Humor\u201c einen F\u00e4cher mit bisher unbekannten Facetten. Es hie\u00df wirklich: \u201eKlassik trifft Humor\u201c. Aber passt das zusammen? Ist Klassik nicht grunds\u00e4tzlich humorlos? Wer trifft sich da \u00fcberhaupt? Es klingt ja fast, als h\u00e4tte man Limericks von Kafka entdeckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Reden wir eigentlich \u00fcber denselben Heinz Erhardt? War der \u00fcberhaupt Musiker? War er nicht vielmehr das Schwergewicht des leichten Humors mit kleinen Gedichten \u00fcber kleine Tiere \u2013 wie Made, Regenwurm und Kabeljau? War das nicht diese Ulknudel? Dieser ewige Kindskopf? Diese l\u00e4cherliche Figur, die f\u00fcr uns zum Inbegriff der Peinlichkeit der fr\u00fchen sechziger Jahre geworden ist? War das nicht der, der von sich sagte, dass er nicht von der Muse gek\u00fcsst wurde, sondern von der Pampelmuse?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1009\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/squirrel-493790_640-1-150x150.jpg\" alt=\"squirrel-493790_640-1\" width=\"82\" height=\"82\" \/>Genau der. Ihm m\u00f6chte ich zum Geburtstag gratulieren, ihm m\u00f6chte ich einen sp\u00e4ten Gru\u00df nachtragen. Dazu will ich kurz etwas \u00fcber seine Musik schreiben und ihn dreimal hochleben lassen f\u00fcr seine kurzen Gedichte, die eben doch nicht so ganz ohne sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie war das mit dieser Konzertpianistin? Sollte das ein Scherz sein? Ausgerechnet eine Japanerin will uns Heinz Ehrhardt nahebringen? Wie das denn? Sie ist doch eine Frau, die den Resonanzboden seiner Texte \u00fcberhaupt nicht kennt; eine Exotin, die \u00fcberhaupt nicht eingebunden ist in die deutsche Kultur und Geschichte; eine Fremde, die keinen Sesshaftigkeitshintergrund hat! Geht das \u00fcberhaupt? Nun: Falls wir denken sollten, dass wir keine Vorurteile haben, dann w\u00e4re das ein Vorurteil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So war es (Es klingt wie in einem Roman von Klaus Modick): Auf dem Dachboden wird zuf\u00e4llig ein Karton mit handgeschriebenen Zetteln gefunden. Es sind Noten, die Heinz Erhardt als Siebzehnj\u00e4hriger geschrieben hat. Dass er aus einem musikalischen Haus stammt und gro\u00dfe Pl\u00e4ne in Sachen Musik hatte, wissen wir aus seiner \u201aLebensgeschichte\u2019, wie sie Rainer Berg und Norbert Klugmann aufgeschrieben haben. Doch wie klingt das? Seine T\u00f6chter Grit Berthold, Verena Haacker und Marita Malicke, die ein bezauberndes Buch \u00fcber Heinz Erhardt \u201eprivat\u201c zusammengestellt haben, treffen auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa die Pianisten Chie Ishii, die zu den Stars auf hoher See geh\u00f6rt. So fing es an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1009\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/squirrel-493790_640-1-150x150.jpg\" alt=\"squirrel-493790_640-1\" width=\"82\" height=\"82\" \/>In den USA hat man bei der Zusammenstellung einer Jury manchmal das Problem, dass man bei besonders prominenten F\u00e4llen niemanden findet, der nicht schon mal davon geh\u00f6rt hat und daher nicht unvorbelastet ist. Im Fall von Heinz Erhardt war Chie Ishii die ideale Besetzung: Sie mochte die Musik, hatte aber noch nie von Heinz Erhardt geh\u00f6rt, sie kannte kein Gedicht von ihm und hatte noch keinen seiner Filme gesehen. Sie hatte keine Vorurteile \u2013 oder besser gesagt: nur ein Vorurteil der besonderen Art.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In ihrem Programm lernen wir Heinz Erhardt erst richtig kennen. Wir sehen ihn in seiner Ganzheit. Denn erst wenn man ihn von Weitem sieht, erkennt man die ganze Gr\u00f6\u00dfe. Wenn man zu dicht davorsteht, sieht man nur einen Teil. Chie Ishii hatte als Kollegin die Bereitschaft, ihn von Anfang an als ernsthaften K\u00fcnstler zu sehen. Sie stellte die richtigen Fragen, die gro\u00dfen Fragen: Wo kommt er her? Was hat er f\u00fcr ein Verh\u00e4ltnis zu seiner Heimat? Was f\u00fcr ein Verh\u00e4ltnis zur Kunst und zu seinen Vorbildern? Was f\u00fcr eines zur kleinen Form, zum Handwerk und zur Arbeit? Was f\u00fcr eins zum Krieg? Zu seiner Frau?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><iframe src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/bA_89j-VjXg\" width=\"425\" height=\"350\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Chie Ishii hat das gro\u00dfe Verdienst, dass sie bei ihrem Programm nicht einfach nur so viele Lacher wie m\u00f6glich abgreift, sondern mit einer Ernsthaftigkeit an die Kunst herantritt, bei der wir pl\u00f6tzlich \u2013 falls wir es nicht doch schon geahnt haben \u2013 bemerken, dass auch seine Texte eine bisher untersch\u00e4tzte Qualit\u00e4t haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch wenn seine Gedichte nicht gerade tiefsinnig sind, so sind sie nicht flach. Sie sind auch nicht hochsinnig, sie sind \u2013 sagen wir mal \u2013 ebenerdig. Sie bauschen sich nicht auf, sie raunen nicht, sie lassen keine falsche Gr\u00f6\u00dfe zu. Keine L\u00fcge. Das ist schon mal was.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Uwe Friesel, der in diesem Jahr seinen f\u00fcnfundsiebzigsten Geburtstag feiert, erinnert sich noch gut an die Schulzeit: \u201eNie wieder Krieg! \u2013 lautete damals die Parole. Die P\u00e4dagogen, die gerade erst einen \u00fcberlebt hatten, wollten alles besser machen. Sie wollten die Ideale von Klassik und Humanismus von den Besch\u00e4digungen, die sie erleiden mussten, reinigen und endlich wieder zum Guten, Wahren und Sch\u00f6nen vordringen. Doch was die Sch\u00fcler damals viel lieber lasen, fiel unter das Schlagwort \u201aKahlschlagliteratur\u2019. Die war n\u00fcchtern, sie vertrug kein Pathos.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll notierte: \u201eMan hat noch nicht begriffen, was es bedeutete, im Jahre 1945 auch nur eine halbe Seite deutscher Prosa zu schreiben.\u201c So war die Stimmung damals. Wie sollten da Gedichte entstehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1009\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/squirrel-493790_640-1-150x150.jpg\" alt=\"squirrel-493790_640-1\" width=\"82\" height=\"82\" \/>Uwe Friesel schreibt weiter: \u201eDas Alte war toter als tot, das Neue war noch nicht zu erkennen. Da konnte nicht einfach an die Klassik ankn\u00fcpfen. Den Sch\u00fclern kamen Schillers \u201aFest gemauert in der Erden\u2019 und Goethes \u201aBedecke Deinen Himmel, Zeus\u2019 wie Botschaften von einem fremden Stern vor, egal, wie sich die Deutschlehrer auch abm\u00fchten.\u201c Auch die Gedichte von Heinz Erhardt verweisen oft auf einen klassischen Hintergrund, den ein Leser oder H\u00f6rer von heute, der die Zitate nicht parat hat, gar nicht mehr erkennt. Egal. Nun ist es sowieso vorbei. Schon bei Heinz Erhardt gab es nichts zu retten. Man konnte nur noch dar\u00fcber lachen. Doch das Lachen von Heinz Erhardt enthielt auch eine Portion Traurigkeit und eine heimliche Verehrung. Es war immer auch ein Lachen \u00fcber sich selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er war ein gef\u00fcrchteter Lehrerschreck. Nicht nur, dass er den P\u00e4dagogen ihr Vorhaben, die deutsche Klassik wiederzubeleben und mit neuem Wert auszustatten, gr\u00fcndlich vermasselte, in seinen Gedichten findet ein grunds\u00e4tzliches Misstrauen gegen die Sprache selber, die wie ein d\u00fcnnes Eis erscheint, wo man jederzeit einbrechen kann, oder wie ein glattes Eis, auf dem man leicht ausrutscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen wird das \u00ad\u2013 wenn auch erst in Ans\u00e4tzen \u2013 gew\u00fcrdigt. \u201eWas man pl\u00f6tzlich wahrnimmt\u201c, schreibt Uwe Friesel weiter, \u201eist die f\u00fcr viele erstaunliche, f\u00fcr mich aber seit Sch\u00fclertagen unumst\u00f6\u00dfliche Gewissheit, dass Erhardts Verse aus derselben hintergr\u00fcndigen Substanz sind wie die von Busch und Morgenstern und Ringelnatz.\u201c Ich stimme zu. Und Uwe Friesel ist nicht der einzige, der die literarische Qualit\u00e4t von Heinz Erhardt entdeckt hat. Auch das Nachschlagewerk \u201a50 Klassiker Lyrik\u2019 aus dem Gerstenberg-Verlag z\u00e4hlt ihn neben Ingeborg Bachmann, Erich Fried und Peter R\u00fchmkorf zu den bedeutendsten Dichtern der Jetztzeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1009\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/squirrel-493790_640-1-150x150.jpg\" alt=\"squirrel-493790_640-1\" width=\"82\" height=\"82\" \/>Selbst in seinen Filmrollen, in denen manche Kritiker nur den Klamauk erkennen, sieht Uwe Friesel noch etwas mehr: \u201eIch sehe darin ein ziemlich genaues Abbild des Kleinb\u00fcrgers aus der Zeit des Wirtschaftswunders, der sich nicht recht zurechtfindet in der braven neuen Welt des Neckermann-Tourismus. Aber noch die bl\u00f6dsinnigste Bl\u00f6delei von Erhardt war ja nie dumm: dazu wer er zu intelligent.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun verkleidet sich Uwe Friesel selber als Lehrer und bringt uns zur\u00fcck in die Penne (auch ein Wort, das sich inzwischen gewandelt hat. Fr\u00fcher nannten wir das Gymnasium so, heute gibt es Penne beim Italiener) und er f\u00fchrt uns beispielhaft eine Gedichtinterpretation vor. Damit lassen wir ihn zum ersten Mal hochleben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\">\n<p><em><strong>Der F\u00f6rster<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Mitten im Wald<\/em><\/p>\n<p><em>Stand der F\u00f6rster und schalt:<\/em><\/p>\n<p><em>denn er fand auf seiner Suche<\/em><\/p>\n<p><em>eine ungeeichte Buche,<\/em><\/p>\n<p><em>und im selben Waldbereiche<\/em><\/p>\n<p><em>eine ungebuchte Eiche.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Was sehen wir da? Magister Friesel erkl\u00e4rt es so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWie man sieht, herrscht hier im deutschen Wald, der uns seit der Romantik heilig ist, eine Unordnung, die ein deutscher F\u00f6rster schlechterdings nicht durchgehen lassen kann, weshalb er in Schimpfen ger\u00e4t: \u201a<em>Mitten im Wald\/<\/em> <em>stand der F\u00f6rster und schalt.\u2019<\/em> \u201aSchalt\u2019 von \u201aSchelte\u2019, nicht etwa von \u201aschallen\u2019: ein genialer, unvermuteter, ja eigentlich unerlaubter Reim, wie so viele aus Erhardt\u2019scher Feder. Die Leute verstanden solch naiv daherkommenden Wortwitz, der es in Wahrheit faustdick hinter den Ohren hat, sofort.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier ahnt man schon, dass ein musikalisches Empfinden zugrunde liegt: Die Gedichte sind formal perfekt, man hat gleich den Eindruck, dass hier jemand lange an der Sprache gefeilt und geschliffen hat. Auch wenn der Inhalt banal wirkt, mit der Form hat sich Heinz Erhardt gro\u00dfe M\u00fche gegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1009\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/squirrel-493790_640-1-150x150.jpg\" alt=\"squirrel-493790_640-1\" width=\"82\" height=\"82\" \/>Das kann man auch von Robert Gernhardt und F.W. Bernstein sagen. Sie hatten ein \u00e4hnliches Problem. Die modernen Gedichte, die sich von jeder Form verabschiedetet hatten, behagten ihnen nicht. Ausgerechnet die komische Dichtung versuchte, die Form zu wahren. Sie brauchte n\u00e4mlich eine Formvorgabe f\u00fcr ihr Timing und f\u00fcr die komischen Effekte. So kommt es, dass sich gerade bei der komischen Dichtung die Handwerker und Techniker versammeln. Da finden sich die Dichter, die in der \u00dcberwindung oder in der Zerst\u00f6rung einer Form keinen Wert sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martin Betz, der knapp \u00fcber f\u00fcnfzig ist, sieht in Heinz Erhardt vor allem eine Figur des Wirtschaftswunders: \u201eRadioauftritte tragen zur Ber\u00fchmtheit bei, die im selben rapiden Tempo zunimmt wie der materielle Wohlstand in der jungen Bundesrepublik. Der Komiker, der denselben Nachnamen tr\u00e4gt wie der Wirtschaftsminister, hat sich gewandelt, aus dem schmalbr\u00fcstigen Musensohn am Piano ist der gewichtig-gewitzte Familienvorstand geworden, der in Filmkom\u00f6dien ideal die Rolle eines umtriebigen Firmenchefs verk\u00f6rpern kann.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martin Betz sieht auch, dass die Bilder, die wir von unserem Geburtstagskind haben, die \u201eartistischen Feinheiten des K\u00fcnstlers Erhardt verstellen\u201c und m\u00f6chte sich f\u00fcr eine n\u00e4here Untersuchung seiner Stilmittel stark machen. Besonders hat es ihm ein Gedicht angetan \u2013 das kurze, ausnahmsweise reimlose, metrisch gebundene Gedicht \u201aSchal und Rauch\u2019, das Martin Betz sogar zu den besten ernsten Gedichten seiner Zeit z\u00e4hlen w\u00fcrde \u00ad und das gleichwohl, wie zur Entschuldigung, eingangs und ausgangs je ein Wortspiel pr\u00e4sentiert. Damit soll er zum zweiten Mal hochleben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\">\n<p><strong><em>Schal und Rauch<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Und der Rauch der Zigarette<\/em><\/p>\n<p><em>kr\u00e4uselt sich und steigt zur Decke,<\/em><\/p>\n<p><em>und da oben wird er breiter.<\/em><\/p>\n<p><em>Und nun sieht er Deinem blauen<\/em><\/p>\n<p><em>Schal so \u00e4hnlich, dem ich z\u00fcrnte,<\/em><\/p>\n<p><em>weil er das tat, was du st\u00e4ndig<\/em><\/p>\n<p><em>mir verbotest, n\u00e4mlich dieses:<\/em><\/p>\n<p><em>Dich ganz z\u00e4rtlich zu umhalsen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Doch nun ist der Rauch verflogen.<\/em><\/p>\n<p><em>nichts erinnert an den Schal mehr,<\/em><\/p>\n<p><em>h\u00f6chstens der Geschmack im Munde,<\/em><\/p>\n<p><em>den ich habe, weil er schal ist.<\/em><\/p>\n<div><em>\u00a0<\/em><\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martin Betz schreibt: \u201eErhardt kann als die Repr\u00e4sentationsfigur der westdeutschen Nachkriegsgeschichte schlechthin gelten. Der Dichter, der kein Au\u00dfenseiter, der Komiker, der kein Sonderling ist, sondern vielmehr Prototyp und, aufgrund seiner gro\u00dfartigen Selbstironie, auch Karikatur des Bundesb\u00fcrgers, der es zu etwas gebracht hat.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch das hat seinen Preis: \u201eDie Rastlosigkeit, die Vorliebe f\u00fcr komfortable Hotels und Autobahnfahrten, bei denen der Mercedes-Fan Erhardt stets selbst am Steuer sitzt, teilt der Komiker mit dem neuen Berufsstand der Manager, nach dem sogar eine in den Sechziger Jahren grassierender Krankheits-Komplex benannt wird: die \u201aManagerkrankheit\u2019. Ihre Wirkung bekommt der \u00fcbergewichtige und dauergestresste Erhardt schlie\u00dflich selbst zu sp\u00fcren: indem er schlie\u00dflich einen schweren Schlaganfall erleidet. Halbseitig gel\u00e4hmt, muss Erhardt seine Auftrittskarriere beenden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1009\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/squirrel-493790_640-1-150x150.jpg\" alt=\"squirrel-493790_640-1\" width=\"82\" height=\"82\" \/>Hier kommt wieder die Musik ins Spiel. Heinz Erhardt kann nicht mehr sprechen. Er verbringt seine letzten Tage damit, seine Lieblingsmusik aus alten Tagen zu h\u00f6ren. An dieser Stelle kommen im Programm von Chie Ishii gro\u00dfe Gef\u00fchle auf: Sie wei\u00df, welche St\u00fccke er von Chopin gerne geh\u00f6rt hat. Es sind zuf\u00e4llig auch ihre Lieblingsst\u00fccke, die sie schon fr\u00fcher gespielt hat, ohne wissen zu k\u00f6nnen, dass es eine unsichtbare, aber doch starke Verbindung zu Heinz Erhardt gab. An der Stelle im Programm hat man das Gef\u00fchl, es w\u00fcrde eine unbekannte Enkeltochter ihrem kranken Opa einen letzten Gefallen tun und damit ein weltweites Netz einer Verst\u00e4ndigung spannen, wie es nur die Musik vermag. Da haben wir alles, was man sich von Heinz Erhardt w\u00fcnschen kann: Missverst\u00e4ndnisse in der Sprache und Einverst\u00e4ndnis in der Musik. Und das alles in einem Programm. Da kann man nicht nur lachen, man m\u00f6chte fast schon weinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Lieblingsgedicht von Heinz Erhardt will ich auch noch erw\u00e4hnen. Dreimal soll er hochleben. Es hat drei Fragezeichen als Titel und handelt von Eichh\u00f6rnchen \u2013 oder sollte gar von etwas ganz anderem die Rede sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><strong><em>???<\/em><\/strong><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>Warum hei\u00dft blo\u00df das Eichhorn &#8218;Eichhorn&#8216;?<\/em><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>Denn weder hinten, geschweige vorn<\/em><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>hat es ein Horn oder dergleichen,<\/em><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>auch sieht man es nicht nur auf Eichen.<\/em><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>Ein Wort erscheint und tritt in Kraft,<\/em><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>sein Sinn jedoch bleibt schleierhaft.<\/em><em>\u00a0<\/em><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>So l\u00e4sst mich noch etwas nicht ruhn:<\/em><\/div>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><em>Was hat der Mensch mit &#8218;Mensch&#8216; zu tun?<\/em><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass mir diese Eichh\u00f6rnchen \u00fcberall begegnen. \u201eEin Wort erscheint und tritt in Kraft, sein Sinn jedoch bleibt schleierhaft\u201c \u2013 dieser Spruch war schon lange mein treuer Gef\u00e4hrte. Den wollte ich schon oft an den Rand einer Zeitungsnotiz schreiben. Schon als Kind hatte ich mich gefragt, ob etwas, wenn es kein Wort daf\u00fcr gibt, \u00fcberhaupt existiert, ohne dass ich sagen k\u00f6nnte, ob sich diese \u00dcberlegung auf irgendeinen Philosophen bezieht. Ich erinnere mich noch, wie die Worte \u201eSex\u201c, \u201eStress\u201c, \u201eFrust\u201c und \u201eNostalgie\u201c als Modeworte auftauchten und wie ich mich damals fragte, ob es die Sachen, die damit benannt werden sollen, schon gegeben hatte, ehe es die Worte gab oder ob die Worte sie erst geschaffen haben und so etwas sind wie Deckel ohne T\u00f6pfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich frage mich das heute immer noch. Wenn ich etwa Begriffe lese wie \u201eNachhaltigkeit\u201c, \u201eGeschlechtergerechtigkeit\u201c, \u201eDiskriminierung\u201c oder \u201eMenschenrechtsaktivist\u201c (um nur einige Beispiele zu nennen). Da frage ich mich, ob es das alles \u00fcberhaupt gibt oder ob es sich dabei vielmehr um eine neue Art von Eichh\u00f6rnchen handelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie man sieht, kann einem die Dichtung von Heinz Erhardt echte Lebenshilfe bieten. Und was zu lachen gibt es auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Happy Birthday! Hoch soll er leben! Dreimal hoch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Der Mann mit den Eichh\u00f6rnchen hat Geburtstag <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p> Das Leben ist das Wichtigste des menschlichen Daseins. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So sagte er einst. So kennen wir ihn, wie er leibte und lebte. Nun lebt er nicht mehr. Er w\u00e4re am 20. Februar des Jahres 2015 106 Jahre alt geworden. Die Zeit ging rasend schnell vorbei:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p> [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"qubely_global_settings":"","qubely_interactions":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[76],"tags":[],"class_list":["post-1003","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ein-wort-erscheint-und-tritt-in-kraft","odd"],"acf":[],"qubely_featured_image_url":null,"qubely_author":{"display_name":"Bernhard Lassahn","author_link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?author=1"},"qubely_comment":0,"qubely_category":"<a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?cat=76\" rel=\"category\">Ein Wort erscheint und tritt in Kraft<\/a>","qubely_excerpt":"Der Mann mit den Eichh\u00f6rnchen hat Geburtstag &nbsp; Das Leben ist das Wichtigste des menschlichen Daseins. &nbsp; So sagte er einst. So kennen wir ihn, wie er leibte und lebte. Nun lebt er nicht mehr. Er w\u00e4re am 20. Februar des Jahres 2015 106 Jahre alt geworden. Die Zeit ging rasend schnell vorbei: &nbsp; [...]","jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1003","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1003"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1003\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1003"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1003"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1003"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}