{"id":1091,"date":"2015-10-31T23:00:39","date_gmt":"2015-10-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1091"},"modified":"2019-02-10T14:46:39","modified_gmt":"2019-02-10T13:46:39","slug":"moegen-deutsche-schriftsteller-gruppensex","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1091","title":{"rendered":"Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1182\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/william-150x150.png\" alt=\"william\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<h1>M\u00f6gen deutsche Schriftsteller Sex in der Gruppe?<\/h1>\n<h1>Wollen sie aufkl\u00e4ren oder wollen sie betr\u00fcgen?<\/h1>\n<h1>Sie m\u00fcssen sich entscheiden.<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im ersten Teil wurde berichtet, dass der Verband der deutschen \u201eSchriftsteller VS\u201c \u00fcberlegt, sich in Verband deutscher \u201eSchriftstellerinnen und Schriftsteller VSS\u201c umzubenennen, um den Gleichstellungsaspekt zu ber\u00fccksichtigen. Ich habe erkl\u00e4rt, was Gleichstellung bedeutet: Es setzt ein gruppenbezogenes Denken voraus, bei dem die Gruppenbildung nach einem sexistischen Kriterium erfolgt \u2013 n\u00e4mlich nach der nackten Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit. Damit hat sich eine neue Art von Sexismus breit gemacht. Die neuen Sexisten haben ein nat\u00fcrliches \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl, was dazu f\u00fchrt, dass sie ihre Vorstellungen vom richtigen Sprachgebrauch gar nicht erst zur Diskussion stellen, sondern mit Macht durchsetzen wollen. Was bedeutet das f\u00fcr Schriftsteller?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Teil 2<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(es gibt f\u00fcnf Teile)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen sind nicht gleich. Dass man sie nicht gleichstellen kann, ist offensichtlich. <strong>Gruppen sind auch nicht gleich<\/strong> und lassen sich genauso wenig gleichstellen. Doch bei Gruppen f\u00e4llt es nicht auf den ersten Blick auf. Damit es nicht doch irgendwann auff\u00e4llt, werden bei der Gleichstellungspolitik <strong>immer nur Quantit\u00e4ten gesehen, nie Qualit\u00e4ten<\/strong>. Quantit\u00e4ten kann man gleichstellen. Jedenfalls dann, wenn man sich nicht f\u00fcr Qualit\u00e4ten interessiert. Es z\u00e4hlt dann nicht die Bedeutung der Worte, sondern die H\u00e4ufigkeit, mit der sie verwendet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einem Schriftsteller ist das alles fremd. Ihm ist der Sexismus fremd, vor allem aber das gruppenbezogene Denken. Ein Schriftsteller \u2013 wie jeder andere K\u00fcnstler \u2013 ist ein individueller Fall. Schreiben ist etwas sehr Pers\u00f6nliches. Ein sexuelles Erlebnis ist es auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn sich ein Schriftsteller einer Sichtweise unterwirft, die gruppenbezogen ist, dann verliert er seine Individualit\u00e4t und damit gleichzeitig seine Qualit\u00e4t. Doch darauf kommt es, wenn er sich der Gleichstellung unterwirft, nicht mehr an. Es ist dann nicht mehr so wichtig, ob sein Text gut oder schlecht ist, wichtiger ist, wie oft die m\u00e4nnliche und wie oft die weibliche Form vorkommt. <strong>Wer so schreibt, ist kein Schriftsteller mehr.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er muss auch keinen eigenen Text mehr schreiben, es gen\u00fcgt, wenn er den Text der Gruppe, in der er aufgeht wie ein Aspirin in einem Glas Wasser, zusammen mit den anderen Gruppenmitgliedern unterschreibt. Albert Einstein hat es auf die ber\u00fchmte Formel gebracht: \u201eUm ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu k\u00f6nnen, muss man vor allem ein Schaf sein.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1093\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/NetzSchafe.jpg\" alt=\"NetzSchafe\" width=\"250\" height=\"170\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/NetzSchafe.jpg 250w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/NetzSchafe-150x102.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein unabh\u00e4ngiger Schriftsteller k\u00f6nnte das nicht. Er m\u00fcsste dem gruppenbezogenen Denken etwas opfern, das er nicht opfern kann, ohne sich dabei aufzugeben. Gruppenbezogenheit ist die Endstation im Lebenslauf eines Schriftstellers, der einst an seine eigene Stimme geglaubt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sexismus ist auch nichts f\u00fcr Schriftsteller. Sexismus ist Gruppensex der besonderen Art: Es geht immer nur um Sex und um das Bed\u00fcrfnis der Gruppe. Ein Schriftsteller sollte sein Bekenntnis zu dieser Art von Gruppensex lieber nicht so laut ausposaunen. Wer sich Sexismus auf die Fahne schreibt, dem flattert er wie eine Alkoholfahne voraus. Wir k\u00f6nnen uns schon denken, wie ein Text von so jemandem aussieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein zweitklassiger Text. Texte k\u00f6nnen schlecht l\u00fcgen und verraten oft mehr, als ein Schriftsteller sagen wollte. Jeder Text, bei dem schriftstellerische Anspr\u00fcche hintangestellt wurden, gibt das auch zu erkennen. Das gilt besonders f\u00fcr Texte, die sich einer politischen Mode unterordnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1095\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Jule3.jpg\" alt=\"Jule3\" width=\"250\" height=\"92\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Jule3.jpg 250w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Jule3-150x55.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Schriftstellern ist es besonders peinlich. Wenn sie sich Sprachvorgaben, die ihnen fremd sind, unterordnen, sind sie wie Soldaten, die vernichtend geschlagen wurden, die bedingungslos kapituliert haben und nun ihre Waffen abgeben. Sie m\u00fcssen die Uniform des Feindes anziehen und kriegen neue Waffen \u00ad\u2013 Waffen, die \u00e4hnlich aussehen, aber anders funktionieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Feind, der sie besiegt hat, meine ich Politiker. Mit den Waffen, die sie abliefern m\u00fcssen, meine ich das, was ich als die Werkzeuge der Schriftsteller bezeichnet habe \u2013 also: den Sinn f\u00fcr Sprache, die besondere Sensibilit\u00e4t; die liebevolle, aber zugleich kritische Aufmerksamkeit, die Selbstreflexion, das Streben nach Wahrhaftigkeit, das Ideal der adaequatio intellectus et rei. All das muss aufgegeben werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Die Bedingungen der Kapitulation<\/strong><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<p>Die Umbenennung von VS zu VSS br\u00e4chte nicht nur einen Buchstaben mehr in die Abk\u00fcrzung, es br\u00e4chte auch ein Bekenntnis zu einem neuen \u2013 n\u00e4mlich zu einem sexistischen \u2013 Verst\u00e4ndnis von Grammatik mit sich. Wenn sich der VS umbenennt und symbolisch neu taufen l\u00e4sst, verk\u00fcndet er damit, dass er zu einem Glauben konvertiert ist, bei dem drei Gebote unbedingt gelten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\">\n<p><strong>Das nat\u00fcrliche und das grammatische Geschlecht sind eins<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Plural hat ein Geschlecht<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber, aber. Wer sich nach diesen Geboten richten will, kann nicht mehr ernsthaft schreiben. Wenn sich Schriftsteller dazu bekennen sollten, dann k\u00f6nnen sie ihren neuen Namen gleich als Grabinschrift verwenden. Im Ernst: Wer mir widersprechen will, sollte im Anhang Texte beif\u00fcgen, die er unter Beachtung dieser drei Gebote verfasst hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schriftsteller haben nicht die M\u00f6glichkeit, faule Ausreden zu nutzen und zu sagen: \u201eMir ist das eh wurscht\u201c oder: \u201eSprache ist irgendwie nicht so mein Ding\u201c. Politiker st\u00fcmpern auffallend oft, wenn sie mit Sprache umgehen. Schlimm genug. Wir sollten es ihnen nicht l\u00e4nger nachsehen und uns nicht daran gew\u00f6hnen, dass es bei ihnen halt so ist. Und bei Schriftstellern?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Mind the gap! <\/strong><\/h2>\n<p>Augustinus hatte darauf hingewiesen, dass Worte Zeichen sind, die sich von der Sache, die sie bezeichnen sollen, l\u00f6sen k\u00f6nnen und das auch tun. Wir k\u00f6nnen diese Zeichen aber weiterhin benutzen, selbst wenn wir die Sache nicht wirklich kennen und auch nicht in der Lage sind, sie zu definieren. An einer richtigen \u00dcbereinstimmung vom Wort mit dem Bezeichneten mangelt es nicht nur in bedauerlichen Einzelf\u00e4llen, sondern \u2013 schlimmer noch \u2013 in den allermeisten F\u00e4llen. Mehr oder weniger in allen F\u00e4llen. \u201eSo kann man,\u201c sagt Augustinus, \u201eden Worten nicht einmal die Rolle zugestehen, den Gedanken des Sprechenden wiederzugeben, denn der ist sich ja gar nicht sicher, ob er das, was er sagt, auch wei\u00df.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses grunds\u00e4tzliche Problem hat Humboldt zu dem Satz verleitet, dass in jedem Verstehen ein Missverstehen liegt. Auch Cicero, auf den der Begriff von der adaequatio intellectus et rei zur\u00fcckgeht, sieht, dass im menschlichen Verstande nichts besser, aber auch nichts schlechter ist als die Sprache. <strong>Weil eben die wirkliche \u00dcbereinstimmung nicht gegeben ist.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun kommt es drauf an, wie wir damit umgehen. Es kommt darauf an, was wir wollen. Wenn wir die guten Seiten der Sprache nutzen wollen, um richtig verstanden zu werden, dann m\u00fcssen wir dieses grunds\u00e4tzliche Dilemma bedenken. Dann m\u00fcssen wir bereit sein, \u00fcber diesen \u201egap\u201c \u2013 also \u00fcber die L\u00fccke zwischen den Zeichen und der Sache \u2013 zu reden und uns mit unseren Zuh\u00f6rern und Lesern dar\u00fcber verst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass viele das nicht wollen, wusste schon Augustinus: \u201eNimm hinzu alle L\u00fcgner und T\u00e4uscher, und du wirst leicht verstehen, dass die Worte den Inhalt eines Gedankens nicht nur nicht enth\u00fcllen sondern ihn sogar verbergen k\u00f6nnen.\u201c Hier liegt eine unvermeidbare Gefahrenstelle. Leider, leider. So ist es. Sie lockt alle an, die l\u00fcgen, t\u00e4uschen und betr\u00fcgen wollen. Gelegenheit macht Diebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stellen wir uns vor: Es gibt ein nicht verschlie\u00dfbares Schmuckk\u00e4stchen an einem \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Ort. Oder denken wir an wertvolle Kunstwerke in einer Kirche, deren T\u00fcren stets ge\u00f6ffnet sind. Eine Gemeinschaft kann sich das leisten, wenn diese Sch\u00e4tze von allen respektiert werden; wenn bei allen ein wirklicher Gemeinsinn vorhanden ist und wenn niemand etwas, das allen geh\u00f6rt, zu seinem pers\u00f6nlichen Vorteil verwenden will. <strong>Auch die Sprache geh\u00f6rt allen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn nun jemand auftritt, der Aufsehen erregt, weil er mit teurem Schmuck beh\u00e4ngt ist, dann muss er sich die Frage gefallen lassen, woher er den hat. Er muss die Frage beantworten, ob er ihn rechtm\u00e4\u00dfig erworben hat. Genauso muss sich ein Redner, der mit seiner Sprache als Gesetzgeber auftreten will, die Frage zulassen, wie er das eigentlich meint, was er sagt. Er muss verraten, ob er die Begriffe weiterhin in dem Sinne, wie ihn die anderen verstehen, verwendet oder ob er versucht, den Worten einen neuen Gehalt unterzuschieben. Er muss sagen, warum er Neologismen verwendet und was sie bedeuten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jedenfalls muss er mit sich reden lassen und seine Wortwahl zur Diskussion stellen und offenlegen, warum er etwas so und nicht anders formuliert. Schriftsteller schreiben nicht nur, sie interpretieren auch. Das k\u00f6nnen andere auch. Das k\u00f6nnen Lehrer. Das k\u00f6nnen Sch\u00fcler. So schwer ist es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwar hei\u00dft es bei Karl Kraus: \u201eIn keiner Sprache kann man sich so schwer verst\u00e4ndigen wie in der Sprache\u201c, aber so schlimm ist es auch nicht. Man kann die Sprache durchaus zur Aufkl\u00e4rung nutzen, mit den allgemein zug\u00e4nglichen Werkzeugen der Interpretation kann man Manipulationsversuche auffliegen lassen; ja, man kann sich mit der Sprache sogar \u00fcber die speziellen Fallstricke der Sprache verst\u00e4ndigen. Da geht was. In keiner Sprache kann man das so gut wie in der Sprache. Das sollte sich Karl Kraus mal gesagt sein lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir akzeptieren, dass die Sprache grunds\u00e4tzlich die beschriebenen M\u00f6glichkeiten und T\u00fccken bereith\u00e4lt, dann sind wir wieder bei der Frage angekommen, die sich schon bei Augustinus aufgetan hat, bei der Frage n\u00e4mlich, wie wir damit umgehen und was wir eigentlich wollen. Wer Erkenntnisse gewinnen und sich verst\u00e4ndlich machen will, der l\u00e4sst Fragen zu, der gesteht Fehler ein, der l\u00e4sst andere teilhaben an seinen Versuchen, die richtigen Schl\u00fcssel auszuprobieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer dagegen blenden will, wer seine Zuh\u00f6rer betr\u00fcgen und t\u00e4uschen will, der kneift. Der steigt aus. Es gibt zwei Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler auf dem Bazar. Der eine ist redlich und sagt seinen Kunden ehrlich, woher er seine St\u00fccke hat und wie alt sie sind. Er gibt es auch offen zu, wenn er es mal nicht wei\u00df. Der andere trachtet nur danach, seinen Kunden \u00fcbers Ohr zu hauen, er bel\u00fcgt ihn bewusst und t\u00e4uscht ihn \u00fcber den wahren Wert und \u00fcber die tats\u00e4chliche Herkunft seines Angebotes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier scheiden sich die Geister. Gl\u00fccklicherweise haben wir die M\u00f6glichkeit, Sprachbetr\u00fcger zu entlarven. Mit Fragen. Ob sie Verantwortung f\u00fcr ihre Formulierungen \u00fcbernehmen, erkennen wir daran, ob sie Fragen beantworten. Die Fragen kommen im dritten und im vierten Teil. Es sind Fragen, die sich redliche Schriftsteller und Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler sowieso st\u00e4ndig stellen. Ich wette jedoch um eine Jean-Paul-Gesamtausgabe, dass die Bef\u00fcrworter der sprachfeministischen Vorschriften, die mit der Gleichstellungspolitik einhergehen, der Befragung nicht standhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe mir die M\u00fche gemacht, den Werkzeugkasten der Schriftsteller auszupacken und die Formulierungen, um die es geht, in seinen Einzelheiten zu beleuchten. Wom\u00f6glich erinnert es uns daran, wie Deutschunterricht fr\u00fcher einmal war, es erinnert uns an Fragen wie: Was will uns der Dichter damit sagen? Oder an Aufgaben wie: Interpretieren Sie diesen Text im Zusammenhang! Es ist lang geworden \u2013 es gibt f\u00fcnf Teile \u2013, aber es ist leicht zu verstehen. Es ist keine Hexerei. Jeder, der diesen Text bis hier hin lesen konnte, wird keine Schwierigkeiten haben, er kann gerne mitmachen, er kann gerne zu eigenen Antworten und auch gerne zu eigenen Erkenntnissen kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir reicht es: Ich habe noch einmal kurz schlucken m\u00fcssen, eh ich mich zu der Formulierung durchgerungen konnte, die nun in aller Deutlichkeit kommt: Ich habe keine Nachsicht mehr mit Falschspielern und Gaunern. Schriftsteller, Politiker und Wissenschaftler k\u00f6nnen keinen Jugendschutz geltend machen, sie k\u00f6nnen nicht auf eingeschr\u00e4nkte Zurechnungsf\u00e4higkeit pl\u00e4dieren und mildernde Umst\u00e4nde erwarten. Auch Frauen k\u00f6nnen das nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer in unserem Alter schreibt und spricht, muss wissen, was er tut und er muss es verantworten k\u00f6nnen. Wir unterscheiden bekanntlich zwischen Totschlag und Mord, weil es bei der moralischen Bewertung eine Rolle spielt, ob jemand vors\u00e4tzlich handelt oder nicht. Das gilt auch f\u00fcr das Sprechen, das Sprachhandeln. Wenn ich sehe, h\u00f6re und lese, wie die selbstverliebten Sexisten unsere Sprache verunstalten, dann will ich keine Entschuldigungen mehr gelten lassen. <strong>Ich sehe die Femi-Sprech-Aktivisten und Gralsh\u00fcter der geschlechtergerechten Sprache nicht als Schlampens\u00e4cke, sondern als Sprachm\u00f6rder.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Die Monster kommen demn\u00e4chst mit Begleitung<\/strong><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die feministisch durchtr\u00e4nkte Politikersprache hat sich mehr und mehr von der Kultursprache entfernt. Die treibende Kraft dahinter war das Ministerium f\u00fcr \u201eFrauen\u201c, das sich in jeder Saison eine andere Bezeichnung gab, sich jedoch durchgehend als Kultusministerium aufspielte und nach eigenem Bekunden einen Kulturwandel bewirken wollte. Den hat es auch bewirkt. Alle Politiker \u00fcben sich inzwischen artig im verordneten Feministen-Deutsch, verneigen sich vor dem Hut von Frau Gessler und sprechen nur noch von \u201eB\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern\u201c, als w\u00e4ren es zwei Gruppen, die man unbedingt voneinander unterscheiden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Bundesgleichstellungsgesetz hei\u00dft es unter \u00a7 1 \u201eZiel des Gesetzes\u201c unter (2):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"margin-left: 10px; background-color: lightgray; padding: 10px;\"><strong>Rechts- und Verwaltungsvorschriften des Bundes sollen die Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern sprachlich zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch f\u00fcr den dienstlichen Schriftverkehr.<\/strong><\/div>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Das gilt auch sonst. Es gilt f\u00fcr alle. Alle sollten die Gleichstellungspolitik sprachlich zum Ausdruck bringen. Am Wahlabend wird nur noch von \u201eW\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern\u201c gesprochen, als w\u00e4ren wir nicht etwa eine Gemeinschaft von W\u00e4hlern mit gemeinsamen Interessen, sondern missg\u00fcnstige Konkurrenten, die l\u00e4ngst vergessen haben, dass sie zusammengeh\u00f6ren. Doch bei einer Wahl geht es gerade darum, dar\u00fcber abzustimmen, was das Beste f\u00fcr die Gemeinschaft ist. <strong>Ein \u00fcbergeordnetes Gemeinschaftsgef\u00fchl ist die Voraussetzung f\u00fcr Demokratie<\/strong> \u2013 sonst k\u00f6nnte jeder w\u00e4hlen, auch derjenige, der nicht am Wohl der Gemeinschaft interessiert ist, weil er sowieso nicht dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stellen wir uns vor, bei der n\u00e4chsten Landtagswahl in Stuttgart w\u00fcrden die freundlichen Moderatoren nicht mehr von \u201eW\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern\u201c sprechen, sondern von \u201eBadensern und W\u00fcrttembergern\u201c, als w\u00e4ren es zwei verschiedene Gruppe, bei denen man sich ernsthaft fragen muss, wieso sie einen Landtag w\u00e4hlen, der beide vertreten soll. Die Moderatoren l\u00e4cheln auch immer so s\u00fcffisant, weil die Badenser vorher klar und deutlich erkl\u00e4rt haben, dass sie sich ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Interessen der Badenser interessieren und dass die ihnen viel, viel wichtiger sind als irgendein gemeinsames Interesse f\u00fcr ganz Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So verh\u00e4lt es sich mit den \u201eW\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern\u201c: W\u00e4hlerinnen sind ausschlie\u00dflich f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr ihre exklusive Frauenpolitik zust\u00e4ndig, die sich dem bekannten politischen System, das verschiedene Parteien mit verschiedenen Farben (rot, schwarz, gelb, gr\u00fcn) hervorgebracht hat, \u00fcbergeordnet hat. Wenn heute immer wieder zwanghaft von \u201eW\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern\u201c gesprochen wird, dann wird damit verk\u00fcndet, dass es kein Gemeinschaftsgef\u00fchl mehr gibt \u2013 was wir daran erkennen, dass unsere Demokratie \u201edie W\u00e4hler\u201c verloren hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nur in der Prosa haben die \u201eW\u00e4hler\u201c \u00fcberlebt. Noch. Da gibt es sie noch, die alten, bisher g\u00fcltigen Pluralformen, die neuerdings bei Feministen als \u201em\u00e4nnliche\u201c Formen \u2013 als so genannte generische Maskulina \u2013 verschrien sind und abgeschafft werden sollen. Wie lange werden sie durchhalten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die \u201eFu\u00dfg\u00e4nger\u201c \u00fcberleben nur noch in der Prosa und im t\u00e4glichen Sprachgebrauch. In der neuen Stra\u00dfenverkehrsordnung \u2013 wo sie eigentlich hingeh\u00f6ren \u2013 kennt man sie nicht mehr, sie wurden durch \u201ezu Fu\u00df Gehende\u201c ersetzt. Aus Studenten wurden \u201eStudierende\u201c, aus Teilnehmern wurden \u201eTeilnehmende\u201c. Alles im Namen der Gleichstellungspolitik. Sie beschert uns mit dem R\u00fcckenwind einer angeblich g\u00fcltigen gesetzlichen Regelung eine verkrampfte Propagandasprache, die unsere Muttersprache ersetzen soll, als w\u00fcrde eine neue Datei mit anderem Inhalt aber mit gleichem Namen die alte \u00fcberschreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00dcbergriffe mehren sich. Den gr\u00f6bsten leistete sich die scheinheilige Bibel\u00fcbersetzung (die keine \u201e\u00dcbersetzung\u201c ist, sondern eine Interpretation, was eine gute \u00dcbersetzung eben gerade nicht ist) in \u2013 wie sie es selbst nennen \u2013 \u201egerechter Sprache\u201c (die es nicht gibt, Formulierungen sind entweder zutreffend oder nicht, aber nicht gerecht oder ungerecht). Sie hat uns die \u201eMakkab\u00e4erinnen und Makkab\u00e4er\u201c und die \u201eJ\u00fcngerinnen und J\u00fcnger\u201c auf den Altar gelegt, und hat damit aus dem Wort Gottes die Wahrhaftigkeit herausgefiltert, hat die Christenheit noch nachtr\u00e4glich in Teile zerlegt und hat aus den \u201eJ\u00fcngerinnen\u201c Kampflesben gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es auch Beispiele an Stellen, wo man sie nicht vermutet. In einem aktuellen Bestseller ist mitten im munteren Pl\u00e4tschern einer gef\u00e4lligen Prosa von \u201eDichterinnen und Dichtern\u201c die Rede. Wir haben auch die Kunde vernommen, dass sich in einigen Fantasy-Romanen die \u201eZwerginnen und Zwerge\u201c vorgek\u00e4mpft haben, und es ist anzunehmen, dass ihnen demn\u00e4chst die \u201eMonsterinnen und Monster\u201c folgen werden. Ich h\u00f6re sie schon schnaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Politiker und Schriftsteller sprechen nicht dieselbe Sprache. Das Nebeneinander schafft eine st\u00e4ndige Unruhe. Das geht nicht lange gut. Das Dilemma offenbart sich bei jeder Pluralbildung. Das Gebot der Gleichstellungspolitik hei\u00dft: Jeder Plural soll ein Geschlecht haben. Damit es geschlechtergerecht behandeln werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei so einer Sache macht man mit oder nicht. Eins von beiden. Es gibt keine Kompromisse. Es ist nicht etwa so, dass die Sprache der Politiker fehlerhaft w\u00e4re und dass man nur ein paar Missgriffe korrigieren m\u00fcsste, schon w\u00e4re alles im Lot. Nein. Die feministisch verpestete Sprache der Politiker ist nicht fehlerhaft, sie ist falsch. Sie beruht auf falschen Voraussetzungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele sehen das nicht so streng, sie bemerken zwar wirre Ausw\u00fcchse wie die besch\u00e4menden Vorschl\u00e4ge, die der\/die\/das (im ersten Teil) erw\u00e4hnte Profx Hornscheidt in die Debatte geworfen hat, sie halten das jedoch f\u00fcr Petitessen, f\u00fcr harmlose Kuriosit\u00e4ten und sehen nicht, dass es die Symptome einer schweren Krankheit sind und dass es nicht hilft, die Symptome gelegentlich zu \u00fcberpudern und ansonsten alles daf\u00fcr zu tun, dass sich die Krankheit weiter ausbreiten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Sprache der Gleichstellungspolitik folgt unerbittlich den drei Geboten, die ich weiter oben genannt habe. Dazu sagt man entweder Ja oder Nein. Es gibt keine dritte M\u00f6glichkeit. Der Vorschlag, sich in \u201eVSS Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller\u201c umzubenennen, ist ein Zeichen, das den Politikern signalisiert:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir geben auf. Wir laufen zu euch \u00fcber. Eine Politikerinnen- und Politikersprache ist uns wichtiger als die Sprache der Schriftsteller, die diesen Verband einst gegr\u00fcndet haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im <a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1105\">dritten Teil<\/a><\/strong> schauen wir Schriftstellern \u00fcber die Schulter, wenn sie sich fragen: Wohin mit Herta M\u00fcller?<\/p>\n<p><strong>Im <a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1108\">vierten Teil<\/a><\/strong> geht es um die Frage, was Sexisten wirklich wollen.<\/p>\n<p><strong>Im <a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1110\">f\u00fcnften<\/a><\/strong> (und letzten) Teil. Da geht es um die grunds\u00e4tzliche Frage, ob das grammatische und das nat\u00fcrliche Geschlecht eins sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum <strong><a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1080\">ersten Teil<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnote<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1044\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Haydn3-150x150.jpg\" alt=\"Haydn3\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>*Man muss schon sehr genau hinschauen. Das meinte auch Jule Uphoff, die das Bild mit der politisch-poetischen Verwechslungsgefahr gestaltet hat und die Verwendung freundlicherweise erlaubt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<\/p>\n<p> M\u00f6gen deutsche Schriftsteller Sex in der Gruppe? Wollen sie aufkl\u00e4ren oder wollen sie betr\u00fcgen? Sie m\u00fcssen sich entscheiden. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im ersten Teil wurde berichtet, dass der Verband der deutschen \u201eSchriftsteller VS\u201c \u00fcberlegt, sich in Verband deutscher \u201eSchriftstellerinnen und Schriftsteller VSS\u201c umzubenennen, um den Gleichstellungsaspekt zu ber\u00fccksichtigen. Ich habe erkl\u00e4rt, was Gleichstellung bedeutet: Es [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"qubely_global_settings":"","qubely_interactions":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[115],"tags":[95,97,102,154,155,156,157,158],"class_list":["post-1091","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-teil-2","tag-vs","tag-profx-hornscheidt","tag-sexismus","tag-bundesgleichstellungsgesetz","tag-karl-kraus","tag-cicero","tag-humboldt","tag-augustinus","odd"],"acf":[],"qubely_featured_image_url":null,"qubely_author":{"display_name":"Bernhard Lassahn","author_link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?author=1"},"qubely_comment":0,"qubely_category":"<a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?cat=115\" rel=\"category\">Teil 2<\/a>","qubely_excerpt":"&nbsp; M\u00f6gen deutsche Schriftsteller Sex in der Gruppe? 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