{"id":1228,"date":"2016-03-20T10:37:49","date_gmt":"2016-03-20T09:37:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1228"},"modified":"2020-02-09T17:54:19","modified_gmt":"2020-02-09T16:54:19","slug":"vietnam-und-der-traum-von-der-familie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1228","title":{"rendered":"Vietnam. Und der Traum von der Familie"},"content":{"rendered":"<p>Es f\u00e4ngt gut an. Ich mag die Leute, die hier vor\u00fcbergehen, sie sind mir auf Anhieb sympathisch. Ich sitze etwa eine Stunde lang in Hanoi auf einer Bank am Hoan-Kiem-See &#8211; dem See des zur\u00fcckgegebenen Schwertes &#8211; und gucke sie mir einfach nur an: junge Familien, die heiter und entspannt wirken und sich zwanglos ber\u00fchren. Es liegt eine Stimmung in der Luft wie an einem Urlaubsort. Na, gut. Es ist ein zuf\u00e4lliger Blick, ein subjektiver Eindruck. Doch ich bin nicht allein damit. Auch Erich Wulff hat das so erlebt und beschreibt es in seinem Buch \u201a<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Vietnamesische-Vers%C3%B6hnung-Tagebuch-Vietnam-Geburtstag\/dp\/3886194736\/ref=sr_1_3?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1370183049&amp;sr=1-3&amp;keywords=erich+wulff\">Vietnamesische Vers\u00f6hnung: Tagebuch einer Vietnam &#8211; Reise 2008 zu Buddhas und Ho Chi Minhs Geburtstag<\/a>\u2019. Er kennt den Unterschied. Er, der lange an der Universit\u00e4t in Hu\u00e9 lehrte, hatte auch ganz andere Stimmungen erlebt: Da trafen sich Paare am See, die noch mal ausgehen wollten, die sich verabschiedeten &#8211; und vielleicht nie wieder sehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1243\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/VietFRAU-150x150.jpg\" alt=\"VietFRAU\" width=\"150\" height=\"150\" \/><br \/>\nVietnam hat den Krieg \u00fcberstanden. Die Familie hat den Kommunismus \u00fcberstanden. Vor jedem Haus \u2013 und auf jedem Schiff \u2013 sieht man eine rote Fahne, die ein Bekenntnis ablegt zu der gro\u00dfen Zugeh\u00f6rigkeit zum vereinten Vietnam. Doch auch die kleine Zugeh\u00f6rigkeit zur Familie ist stark. In Vietnam gibt es beides. Einen gro\u00dfen Zusammenhalt und einen kleinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einmal hat sich ein Freund von mir, der die Sprache gelernt und sich in Hu\u00e9 niedergelassen hat, in eines der kleinen Caf\u00e9s auf einen der kleinen Plastikst\u00fchle gesetzt und sich einen Kaffee mit s\u00fc\u00dfer Kondensmilch bringen lassen und erst beim Bezahlen gemerkt, dass er gar nicht in einem Caf\u00e9 war, sondern bei Leuten, die da wohnten und die \u2013 so wie alle anderen auch \u2013 ihre St\u00fchle nach drau\u00dfen gestellt hatten. Das private Leben mischt sich unmerklich mit dem \u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein B\u00fcrgersteig ist nicht zum Flanieren f\u00fcr \u201eB\u00fcrger\u201c gedacht. Er ist das \u201emissing link\u201c zwischen au\u00dfen und innen. Wer hier spazieren gehen will, muss sich auf einen Hindernislauf einstellen, auf ein Gedr\u00e4ngel zwischen Verkaufsst\u00e4nden und geparkten Motorr\u00e4dern, auf denen die Vietnamesen morgens ihre Gymnastik machen und die sie am Mittag als Sofa f\u00fcr einen Schl\u00e4fchen nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1238\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Viet07-150x150.jpg\" alt=\"Viet07\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Man hat den Eindruck, als st\u00fcnden die T\u00fcren grunds\u00e4tzlich offen, als ginge es st\u00e4ndig rein und raus, als sch\u00fcttelten die Ventilatoren unabl\u00e4ssig ihre K\u00f6pfe, um den frischen Lufthauch hinein- und wieder herauszupusten: Stra\u00dfen, G\u00e4rten und Reisfelder gehen ohne Schwelle in die Privatwohnung \u00fcber. Wenn es doch Treppenstufen gibt, dann gibt es auch kleine Rampen, damit das Motorrad bis in die K\u00fcche rollen kann. Und so stehen die Motorr\u00e4der mit an der Bar, sie warten im Fris\u00f6rsalon und \u00fcbernachten in Schaufenstern von Schuhgesch\u00e4ften. Ein Motorrad geh\u00f6rt mit zu einer m\u00f6glichst kinderreichen Familie. Es passen allerdings nicht mehr als drei Kinder auf einen Motorroller, zugelassen sind nur zwei plus Eltern, doch solche Regeln werden eher als Vorschl\u00e4ge angesehen; es wird auch schon mal ein Schwein auf dem Motorrad transportiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ab dem dritten Kind wird es teuer. Dann muss wie zur Strafe mehr Schulgeld bezahlt werden, den Beamten wird sogar das Gehalt gek\u00fcrzt. Die Geburtenregelung ist streng, wenn auch nicht so drastisch wie beim gro\u00dfen Nachbarn China; da fehlt es nun aufgrund der Einkindpolitik vor allem an M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Verst\u00e4ndigung ist schwierig, aber die freundliche Frau versucht es, so gut sie kann. Sie will mir etwas mitteilen und legt die Hand aufs Herz: die Chinesen, will sie mir sagen, haben kein Herz. Sie fallen ins Land ein und rauben M\u00e4dchen. Den Chinesen \u2013 das kriegt man schnell mit \u2013 wird alles erdenklich Schlechte nachgesagt. Dass sie gezielt M\u00e4dchen entf\u00fchren, h\u00f6re ich mehrmals, so dass ich geneigt bin, es nicht als blo\u00dfe R\u00e4uberpistole abzutun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1230\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/2013-02-23-08.06.43-150x150.jpg\" alt=\"2013-02-23 08.06.43\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Die junge Vietnamesin ist begehrt, sie ist eine \u201eTraumfrau\u201c. Sie ist ein beliebtes Motiv auf Postkarten und Umh\u00e4ngetaschen. Ich habe mir schlie\u00dflich auch eine zarte Vietnamesin gekauft \u2013 als Lesezeichen. Junge Frauen fehlen inzwischen auch hier. Es gibt \u2013 wie in China \u2013 einen \u00dcberschuss an Jungs. Allerdings werden die Jungs ebenfalls gebraucht, sie \u00fcbernehmen die Verantwortung f\u00fcr den Kontakt mit den Ahnen und f\u00fchren Regie bei der Aufbereitung von Opfergaben. Sie ern\u00e4hren die Familie und sorgen f\u00fcr ihr Wohlergehen. Der Sozialismus tut es nicht. Zwar haben sie in Vietnam \u2013 wie in Cuba \u00ad\u2013 versucht, eine kostenlose Krankenversorgung einzuf\u00fchren, doch die konnten sie nicht aufrechterhalten. Es gibt auch keine Altersversorgung. Die gibt es lediglich f\u00fcr die \u201eHeldinnen des Krieges\u201c, f\u00fcr Frauen also, die ihre M\u00e4nner oder S\u00f6hne, von denen sie sonst versorgt w\u00fcrden, verloren haben. Der Staat bietet vor allem ein starkes Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. Die Sozialleistungen erbringt die Familie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht nur Chinesen, auch Amerikaner schw\u00e4rmen von einer vietnamesischen Frau. Er jedenfalls. Er ist Maler und sagt als erstes, dass eine Frau aus Vietnam schon immer sein Traum gewesen sei. Er kommt aus Cleveland, Ohio, er ist knapp \u00fcber sechzig und stellt uns stolz seine Frau vor, eine Vietnamesin, Anfang zwanzig, schwanger. Sie spricht kein Englisch. Den beiden steht nun ein jahrelanger Papierkrieg bevor, eh die junge Frau nach Amerika ausreisen und da mit ihm ein \u201eFamilienleben in der Fremde\u201c f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1239\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Viet08-150x150.jpg\" alt=\"Viet08\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Amerikaner sind erstaunlicherweise gern gesehen. Manche reisen mit ihren Kindern in die demilitarisierte Zone und f\u00fchren die Lokalit\u00e4ten vor, an denen sie einst gek\u00e4mpft haben, andere kommen und wollen etwas wiedergutmachen. Das Politische ist die eine Seite. Das Private eine andere. Politisch haben die Amerikaner ein Verbrechen an den Vietnamesen begangen, sie sprechen selber offen von einem tragischen Fehler, privat helfen viele Amerikaner und unterst\u00fctzen das neue Vietnam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Georg W. Bush ist im Jahre 2006 wie ein Freund empfangen worden. Im Unterschied zu seinem vorangegangenen Besuch in Jarkata gab es in Hanoi keine Proteste. Er besuchte einen Gottesdienst und stieg im besten Hotel der Stadt ab \u2013 nicht im \u201eHanoi Hilton\u201c, so nannten die Amerikaner in bitterer Ironie das Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis \u2013, er logierte, wie schon Charlie Chaplin, Graham Green und Jaques Chirac vor ihm im Hotel Metropole. Am selben Ort \u2013 wenn auch zu anderer Zeit \u2013 las Lea Rosh auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus den Gef\u00e4ngnistageb\u00fcchern von Rosa Luxemburg. Kommunismus und Kapitalismus finden hier nicht nur auf engem, sondern sogar im selben Raum statt. In Vietnam geht das. Konfuzius macht es m\u00f6glich. Und ein Buddhismus, der den \u201ehappy Buddha\u201c verehrt, der auf einem dicken Geldsack sitzt und grinsend den Wohlstand herbeiwinkt. Geld ist keine Schande. Das Geld bleibt nach M\u00f6glichkeit in der Familie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1234\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/CIMG2069-150x150.jpg\" alt=\"CIMG2069\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Mit dem Namen \u201eTet\u201c verbinden wir die Tet-Offensive, die letztlich die Wende im Krieg brachte. Sie fand \u2013 v\u00f6llig unerwartet \u2013 just an diesem Tet-Fest statt, dem traditionellen Neujahrsfest, zu dem Kinder neu eingekleidet und alte Schulden beglichen werden. Das Tet-Fest ist noch mehr, es ist ein Familienfest. Die Familien kommen aus allen Teilen des Landes zusammen, auch wenn ihnen eine l\u00e4stige B\u00fcrokratie, die verlangt, alle Reisen anzumelden und zu dokumentieren, das Zusammenkommen erschwert. Alle kommen. Nun geht es. Als das Land noch geteilt war, wurde die Trennung, die in Vietnam viel gemeiner war als bei uns, gerade beim Tet-Fest schmerzlich empfunden. Nun ist es ein reines Freudenfest. Nun k\u00f6nnen sie alle zusammenkommen und k\u00f6nnen ein paar Tage unter sich sein. Wer nicht zur Familie geh\u00f6rt, darf in der Zeit das Haus nicht betreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1242\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Viet061701-150x150.jpg\" alt=\"Viet061701\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr die Frauen bedeutet das Tet-Fest: kochen, kochen, kochen. F\u00fcr die M\u00e4nner: zahlen, zahlen, zahlen. Sie besorgen sich m\u00f6glichst neue Geldscheine, die wie frisch geb\u00fcgelt wirken, so dass die Banken, die gar nicht so viel neues Geld vorr\u00e4tig haben, in Verlegenheit kommen, und dann beschenken sie die Kinder mit Geldpaketen. Sp\u00e4ter werden die dann f\u00fcr die Alten sorgen. Das tun sie hoffentlich gerne. Sie m\u00fcssen es n\u00e4mlich lange tun. Man w\u00fcnscht sich beim Tet-Fest ein langes Leben. Vietnam scheint ein Land zu sein, in dem das W\u00fcnschen noch hilft. Die Lebenserwartung ist ann\u00e4hernd so hoch wie bei uns \u2013 und das bei einem Bruchteil der Kosten, die der Staat f\u00fcr das Gesundheitswesen aufwendet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon in der Sprache zeigt sich die Verbundenheit zur Familie. Die korrekte Anrede unter Ehepaaren lautet nicht etwa \u201eSchnuckiputzi\u201c, \u201eSchatzi\u201c, \u201eB\u00e4rchen\u201c oder \u201eHasilein\u201c, sondern \u201emeine kleine Schwester\u201c und \u201emein gro\u00dfer Bruder\u201c. Ein Onkel ist zwar nur ein entfernter Verwandter, aber er geh\u00f6rt auch dazu. Onkel Ho, wie man Ho Chi Minh nennt, geh\u00f6rt also zur Familie. Daf\u00fcr geh\u00f6rt ein Haustier wie etwa ein Hund nicht dazu. Hunde werden gegessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1241\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Viet031624-150x150.jpg\" alt=\"Viet031624\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Sie haben ansonsten keinen Wert. Das zeigt auch die Fabel von der klugen Frau, die ihrem t\u00f6richten Ehemann eine Lektion erteilen will. Dieser Mann hat einen armen Bruder, den er jedoch nicht unterst\u00fctzt, er gibt sein Geld lieber f\u00fcr Saufgelage mit seinen Freunden aus. So kann das nicht weitergehen. Also erschl\u00e4gt die Frau einen Hund und wickelt den in ein Tuch. Dann erz\u00e4hlt sie ihrem Mann, ihr w\u00e4re ein furchtbares Missgeschick unterlaufen, sie h\u00e4tte versehentlich ein Kind get\u00f6tet und m\u00fcsse das nun heimlich im Garten vergraben. Das soll er tun. Dazu ben\u00f6tigt er tatkr\u00e4ftige Hilfe (das ist eine Schwachstelle, volkst\u00fcmliche Geschichten dieser Art haben oft eine kleine Macke. Denn wieso, so fragt man sich, kann er nicht alleine ein Loch graben? Wie auch immer &#8230;) Der Mann bittet seine Freunde um Mitarbeit, die lehnen alle ab. Nur der arme Bruder hilft ihm in der Not. Die Freunde verklagen den vermeintlichen Mordgesellen am n\u00e4chsten Tag in der Hoffnung, daf\u00fcr eine Pr\u00e4mie zu kriegen. Als der Mandarin kommt und keine Kinderleiche, sondern nur einen toten Hund exhumiert, sind die Freunde blamiert und der t\u00f6richte Ehemann erkennt endlich den wahren Wert der Familie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1232\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/CIMG2067-150x150.jpg\" alt=\"CIMG2067\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Die \u00dcberwachung, die allgegenw\u00e4rtig ist, bezieht sich zuallererst auf das Familienleben. Die Vietnamesen sind zutraulich und neugierig. Zuerst wollen sie wissen, wie viele Kinder man hat. Der erw\u00e4hnte Freund kann nur deshalb in guter Nachbarschaft mit seiner Freundin in einem Haus zusammenleben, weil alle denken, dass sie schon lange verheiratet sind. Doch sie geben keine Ruhe, sie fragen weiter. Wie viele Kinder haben sie denn nun? Schlie\u00dflich hat sich das seltsame Paar aus Deutschland zwei T\u00f6chter ausgedacht, die in Europa studieren und deshalb nur selten zu Hause sind. Zufrieden waren die Nachbarn immer noch nicht. Sie wollten wissen, wie die Kinder hei\u00dfen. Sie wollten Fotos sehen. Zum \u201eGl\u00fcck\u201c war ihnen gerade der Computer geklaut worden mit all den Fotos auf der Festplatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Frauenmuseum in Hanoi ist vermutlich ein \u00c4rgernis f\u00fcr eine Feministin aus dem wei\u00dfen Westen. Es zeigt die \u201eFrau in der Familie\u201c, die \u201eFrau bei Hochzeitsfeiern\u201c und die \u201eFrau mit Kindern\u201c. Das ist immer noch so. Es gibt kein anderes Frauenbild. Ich bin mit Mingh Mingh hier. Sie hei\u00dft eigentlich nur Mingh, aber die Verdoppellung verleiht ihrem Namen ein gewisses S\u00fcdsee-Flair. Nicht n\u00f6tig. Sie ist auch so schon bezaubernd. Sie hat einen Motorradhelm mit einer kleinen Ausbuchtung f\u00fcr die Steckfrisur und ein Lacoste-Krokodil auf ihrem Mundschutz. Sie hat mich f\u00fcr 300.000 Dong auf ihrem Motorrad mit zum Frauenmuseum genommen und zeigt mir in der Abteilung \u201eMode\u201c, was ihr pers\u00f6nlich am besten gef\u00e4llt. Sie will sp\u00e4ter auch Kinder haben, am liebsten drei: zwei Jungen, ein M\u00e4dchen. Sie mag mich. Sagt sie. Ich mag sie auch. Bis zu dem Moment, als sie will, dass ich ihr Ohrringe kaufe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1237\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/CIMG2159Viet01-150x150.jpg\" alt=\"CIMG2159Viet01\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Ehe ich mir nun \u00fcberlege, was ich schlechter und was ich noch schlechter finde, m\u00f6chte ich noch etwas zu unserem Mann aus Cleveland, Ohio sagen: Er ist kein Sextourist. Daf\u00fcr ist Vietnam sowieso nicht die erste Adresse. Er will eine Familie. Er hatte schon mal eine in Cleveland, Ohio, doch seine geschiedene Frau verweigert ihm den Umgang mit den Kindern. Nun soll ihm seine Traumfrau aus Vietnam ein zweites Gl\u00fcck bescheren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Mingh Mingh ist nicht eine von denen. Sie bietet mir keine \u201eLady-Massage mit happy ending\u201c an, keine \u201eMassage Bum!\u201c Es geht nur um die Randbereiche von Sex. Das Zentrum der Sehnsucht ist die Familie. Doch ich bin nicht ihr reicher Onkel, ich geh\u00f6re nicht dazu. Einige echte Onkel hat sie bestimmt, und ein Bild von Onkel Ho h\u00e4ngt, wie sie mir erz\u00e4hlt hat, in ihrem Elternhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1236\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/CIMG2145-150x150.jpg\" alt=\"CIMG2145\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Vietnam ist voller Sehnsuchtsbilder aus der Kindheit, als die Familie noch eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war. Wenn man mit dem Nachtzug, der sich langsam aus der Stadt heraus schleicht und dicht an den gardinenlosen Fenstern vorbeif\u00e4hrt, und dabei Blicke auf das Privatleben erhascht und sieht, wie sie da auf der Erde rund um das Fernsehger\u00e4t hocken oder in H\u00e4ngematten schaukeln, wird einem wehm\u00fctig. Immerhin kann man hier, so wie das fr\u00fcher auch bei uns m\u00f6glich war, beim Zugfenster die Scheibe nach unten schieben. So k\u00f6nnen wir unsere K\u00f6pfe in den lauen Fahrtwind h\u00e4ngen und k\u00f6nnen gucken. Gucken und gucken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1235\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/CIMG2082-150x150.jpg\" alt=\"CIMG2082\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Wir sehen uns als Kinder, die in \u00fcbergro\u00dfen Puppenh\u00e4usern Familie spielen und sp\u00e4ter, wenn sie gro\u00df sind, eine richtige Familie haben wollen. Die Plastikteller sind nur Spielzeug. Die St\u00e4bchen kleine \u00c4ste. Die Millionenbetr\u00e4ge Dong wirken so, als w\u00e4re das nicht ernst gemeint, als w\u00e4re es nur ein Monopoli-Spiel. Man kommt sich vor wie in einem Montessori-Kindergarten. Maria Montessori wollte die gro\u00dfe Welt auf die Ma\u00dfe der Kinder zuschneiden, in ihrem Heim wurden die T\u00fcrklinken extra nach unten verlegt, damit die Kleinen heranreichen. Ein Stuhl musste so leicht sein, dass ein dreij\u00e4hriges Kind ihn tragen k\u00f6nnte. Kein Problem in Vietnam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal sieht da aus wie bei uns an einem Kindergeburtstag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es f\u00e4ngt gut an. Ich mag die Leute, die hier vor\u00fcbergehen, sie sind mir auf Anhieb sympathisch. Ich sitze etwa eine Stunde lang in Hanoi auf einer Bank am Hoan-Kiem-See &#8211; dem See des zur\u00fcckgegebenen Schwertes &#8211; und gucke sie mir einfach nur an: junge Familien, die heiter und entspannt wirken und sich zwanglos ber\u00fchren. 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