{"id":1254,"date":"2016-03-22T01:27:19","date_gmt":"2016-03-22T00:27:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1254"},"modified":"2016-03-22T01:33:41","modified_gmt":"2016-03-22T00:33:41","slug":"schreibende-keine-angst-die-tun-nichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1254","title":{"rendered":"Schreibende &#8211; keine Angst. Die tun nichts!"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist los mit den Schriftstellern in Deutschland? Haben sie sich inzwischen aus der Politik verabschiedet und ihren Beruf an den Nagel geh\u00e4ngt? Es sieht ganz danach aus. Manche hatten es schon geahnt: Schriftsteller! Ach, die nun wieder. Die haben doch sowieso nichts zu sagen. Schriftsteller ist auch kein richtiger Beruf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun ist es passiert. Der Berufsverband der Schriftsteller VS hat sich aufgel\u00f6st und in seine Bestandteile zerlegt. Nein. So kann man das nicht sagen. Der Verband hat sich umbenannt und sich von der Berufsbezeichnung \u201eSchriftsteller\u201c verabschiedet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum? Einige der Schriftsteller leiden unter einer neuen Unvertr\u00e4glichkeit; sie leiden unter einer Art von Allergie gegen ihre Berufsbezeichnung, die sie fr\u00fcher gemocht haben und auf die einige sogar stolz waren. Doch der Stolz ist dem Leiden gewichten und heute gilt: Wer leidet, hat recht \u2013 und so versuchen die bedauernswerten Rechthaber die inzwischen l\u00e4stig gewordene Bezeichnung \u201eSchriftsteller\u201c zu meiden. In der neuen Brosch\u00fcre des ehemaligen \u201eVerbandes der Schriftsteller VS\u201c hei\u00dft es ersatzweise: \u201eDer VS ist der <a href=\"https:\/\/vs.verdi.de\/++file++561defc0aa698e7a5f000d5c\/download\/VS-Faltblatt_2015.pdf\">Berufsverband f\u00fcr Schreibende<\/a>\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte also, wenn ich n\u00e4chstes Mal nach meinem Beruf gefragt werde, antworten: \u201eIch bin Schreibender!\u201c Ich f\u00fcrchte jedoch, dass das dann erst recht nicht als Beruf angesehen wird. Nebenbei hat sich der Schreibende damit auch aus der aktuellen Diskussion um das Urheberrecht verabschiedet. Die findet ohne ihn statt. Der Schreibende braucht keinen Schutz des Urheberrechts. Noch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Berufsverband hat noch einen zweiten Namen. \u201eBerufsverband f\u00fcr Schreibende\u201c nennt er sich auf den ersten Blick, der auf das obere Ende der ersten Seite der neuen Brosch\u00fcre f\u00e4llt. Am unteren Ende, wohin der zweiter Blick f\u00e4llt, steht: \u201eVS Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di\u201c. Dann w\u00e4re also jemand, der fr\u00fcher \u201eSchriftsteller\u201c genannt wurde, heutzutage ein \u201eSchreibender im Verband der Deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller\u201c. Was sollen wir uns darunter vorstellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1258\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/VS.jpg\" alt=\"VS\" width=\"446\" height=\"600\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/VS.jpg 446w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/VS-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/VS-112x150.jpg 112w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/VS-400x538.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 446px) 100vw, 446px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das sehen wir im Mittelteil der erw\u00e4hnten Brosch\u00fcre. Da finden wir h\u00fcbsch gestaltete Stichworte, die uns erste Hinweise geben, was wir uns unter den \u201eSchreibenden\u201c von heute und unter denjenigen, die sich neuerdings als Teil des Zweierpacks \u201eSchriftstellerinnen und Schriftsteller\u201c sehen wollen, vorstellen m\u00f6gen &#8211; n\u00e4mlich:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Performer \u2013 Schriftsteller \u2013 Schriftstellerinnen \u2013 Autorinnen \u2013 \u00dcbersetzerinnen \u2013 poetry slammer \u2013 \u00dcbersetzer \u2013 BloggerX \u2013 Wortstellerinnen \u2013 Drehbuchautoren \u2013 TV Film \u2013 Wortsteller \u2013 Romanciers \u2013 Geschichtenerz\u00e4hler \u2013 Sachbuch-H\u00f6rspiel-Autoren \u2013 Essayisten \u2013 Rhapsoden \u2013 Lyrikerinnen \u2013 Lyriker \u2013 Wortwerker <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst f\u00e4llt auf, dass die Vermeidung der ungeliebten \u201em\u00e4nnlichen Form\u201c \u2013 wie bei \u201eSchriftsteller\u201c \u2013 nicht konsequent durchgehalten wird, obwohl es doch gerade das Anliegen der Initiative zur Umbenennung war, diese Form, die man neuerdings \u201egenerisches Maskulinum\u201c nennt, zu meiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste Begriff auf der bunten Spielwiese (die vermutlich zeigen soll, wie fantasievoll die Schreibenden heutzutage sind) lautet \u201ePerformer\u201c, der letzte \u201eWortwerker\u201c. Es hei\u00dft nicht etwa, wie man erwarten kann, \u201ePerformende\u201c oder \u201ePerformerinnen und Performer\u201c, es hei\u00dft auch nicht \u201eWortwerkende\u201c oder \u201eWortwerkerinnen und Wortwerker\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehen wir mal ab von der Frage, ob \u201ePerformer\u201c und \u201eWortwerker\u201c geeignete Beispiele sind, um das Berufsbild der \u201eSchreibenden\u201c zu erkl\u00e4ren, es stellt sich ernsthaft folgende Frage: Warum st\u00f6ren sich die \u201eSchreibenden\u201c beziehungsweise diejenigen, die zuk\u00fcnftig \u201eSchriftstellerinnen und Schriftsteller\u201c genannt werden wollen, an diesen Stellen nicht an der sonst als so sch\u00e4dlich angesehenen \u201em\u00e4nnlichen Form\u201c?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum bestehen sie darauf, die Bezeichnung \u201eSchriftsteller\u201c zu ersetzen oder zu erg\u00e4nzen, nicht aber die von ihnen selbst neu in die Debatte geworfenen Bezeichnungen \u201ePerformer\u201c und \u201eWortwerker\u201c, die sie obendrein prominent platziert haben? Sie trumpfen regelrecht damit auf, als wollten sie sagen: Seht her! Es geht auch ohne Doppelnennung, es geht auch ohne Partizip.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieso geht es? Da liegt doch dasselbe Problem vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sehe es nicht als Problem. Aber wenn die empfindsamen Seelen von heute es als Problem sehen und zwar als eines, das ihnen derma\u00dfen wichtig ist, dass sie \u2013 koste es, was es wolle \u2013 auf einer Umbenennung bestehen, dann sollen sie bitte erkl\u00e4ren, warum sie in einem Fall ihre Auffassung vom ihrer Meinung nach richtigem Sprachgebrauch anwenden, in einem anderen Fall aber nicht. Mal so, mal so. Mir kommt es vor, als w\u00fcrde jemand ausrufen \u201eNieder mit dem Alkohol!\u201c, um daraufhin demonstrativ zwei Schn\u00e4pse zu trinken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehen wir uns die Bescherung n\u00e4her an. Es geht gleich mit einem Eigentor los: Performer sind keine Schreibende. Schreibende sind keine Performer. Sie k\u00f6nnen auch keine sein. Ich vermute mal, dass die Schreibenden mit diesem unerwartetem Begriff sagen wollen, dass manche von ihnen gelegentlich aus ihren B\u00fcchern vorlesen und dass diese Lesungen keineswegs so langweilig sind, wie es viele in Erinnerung haben, so dass ihnen herk\u00f6mmliche Bezeichnungen wie \u201eVorleser\u201c oder \u201eVorlesende\u201c nicht geeignet erschienen und sie eine Lesung lieber als etwas sehen wollten, das einer Kunst-Performance nahe kommt. Oder einem Ausdruckstanz. Mag sein. Doch es bleibt dabei: Performer und Schreibende \u2013 das passt nicht zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es sei denn, es handelte sich bei dem Akt um eine Performance, die darin besteht, dass der Performer gerade schreibt. Dann stimmt es. Sonst nicht. Denn dem Performer geht es nicht um das Ergebnis seiner Performance, also in unserem Fall um das Produkt des Schreibens, sondern um die Performance selber, also allein um den Vorgang des Schreibens, der zun\u00e4chst f\u00fcr niemanden au\u00dfer f\u00fcr denjenigen, der gerade damit besch\u00e4ftigt ist, von Interesse ist. Sicher: Urs Widmer hat einst in seinem Buch \u201aDas Paradies des Vergessens\u2019 geschrieben: \u201e &#8230; das Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch\u201c. Aber: Das war ein Scherz!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer interessiert sich f\u00fcr Schreibende? Ich nicht. So ein Schreibender soll erst mal fertig werden. Dann soll er das Geschriebene noch mal in Ruhe durchlesen und das ganze einem Lektor anvertrauen. Wenn es irgendwann ver\u00f6ffentlicht wird, will ich gerne einen Blick darauf werfen. Aber vorher? Nur wenn es ein Freund von mir ist \u00ad\u2013 oder gegen Geld, weil ich f\u00fcr die Lektoratst\u00e4tigkeit bezahlt werde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was also sind Schreibende? Schreibende k\u00f6nnen von sich sagen, dass sie Leute sind, die keine Schriftsteller sind. Noch nicht. Sie sind noch nicht so weit. Die neue Parole des Verbandes lautet also: Gehe zur\u00fcck auf Los, ziehe nicht 4000 Euro ein, fange von vorne an. Ganz von vorne. Mit dem nackten Akt des Schreibens, losgel\u00f6st von m\u00f6glichen Folgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Schreibende ist wie das Vieh an den \u201ePflock der Gegenwart\u201c (Nietzsche) gekettet, er bleibt an der \u201eGegenwart kleben\u201c (Schopenhauer). Er wird schon noch merken, wie weit er kommt, wenn er immer nur im Pr\u00e4sens schreibt. Ein Schriftsteller von fr\u00fcher wusste, dass er damit nicht weit kommt. Ein Schriftsteller von fr\u00fcher wusste auch, dass ein Partizip stets einen Vorgang <strong>vor<\/strong> seiner Vollendung bezeichnet. Ein Schreibender hat nicht etwa \u201efertig\u201c, wie man heute gerne sagt, er hat noch gar nicht richtig angefangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann den Faktor Zeit nicht ausblenden und sich mit einer allumfassenden Gegenwart begn\u00fcgen. Zeit spielt sowohl f\u00fcr das Schreiben selber (Erz\u00e4hlzeit und erz\u00e4hlte Zeit), als auch f\u00fcr die Berufst\u00e4tigkeit eine zentrale Rolle. Der Schriftsteller von fr\u00fcher, der seine T\u00e4tigkeit als Beruf ansah, war ein Geschrieben-Habender (der Vorgang des Schreibens lag in der Vergangenheit). Er war jemand, der aus dem Umgang mit seinen fertigen und erfolgreich ver\u00f6ffentlichten B\u00fcchern und aus dem Handel mit den damit verbundenen Urheberrechten einen Beruf gemacht hat. Das Reflektierte stand dabei \u00fcber dem Unmittelbaren. Das Geformte \u00fcber dem Improvisierten. Das Geistige \u00fcber dem K\u00f6rperlichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Na gut, ich gebe zu, dass das Schreiben das eigentlich Sch\u00f6ne an dem Beruf ist, da hat Urs Widmer in gewisser Weise recht \u2013 vermutlich hat er es in dem Sinne gemeint. Es gibt viele von uns \u2013 und dazu geh\u00f6re ich auch \u2013, die selbst dann noch schreiben w\u00fcrden, wenn sie keinen Beruf daraus machen k\u00f6nnen. Viele haben einen zweiten Beruf. Denn das Schreiben selber, so sch\u00f6n es ist, ist noch nicht gesellschaftlich vermittelt, mit dem Schreiben bleibt der Schreibende (jetzt habe ich den Begriff selber verwendet \u2013 und zwar mit Absicht) bei sich. Er tut etwas, das ihn gl\u00fccklich macht. Er tut sich etwas Gutes. Sch\u00f6n. Das ist aber nur ein erster Schritt, der nicht f\u00fcr sich alleine stehen kann. Der Schreibende vergisst w\u00e4hrend des Schreibens \u2013 zumindest phasenweise \u2013, dass er in einer Gesellschaft mit anderen lebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch die Welt wird nicht angehalten. Sie dreht sich weiter. Gerade ist die Aktion \u201aAutoren helfen Fl\u00fcchtlingen\u2019 angelaufen. Da sind es Autoren. Nicht etwa Autorinnen und Autoren oder Autor-Seiende. Es sieht zwar stark nach einer Aktion aus, bei der es mehr um Selbstdarstellung als um echte Hilfe geht, aber \u2013 immerhin \u2013 da tut sich was. Es wird uns eindrucksvoll vorgef\u00fchrt, wie schwer es nicht nur \u00fcberforderten Politikern, sondern auch routinierten Autoren f\u00e4llt, ihre aufrechte Gesinnung in Worte zu fassen, die nicht grottenpeinlich wirken. Es geschieht etwas, wenn Autoren die \u00fcberfl\u00fcssige und sch\u00e4dliche Trennung der Geschlechter einen Moment lang nicht in den Vordergrund stellen, wenn sie zusammenfinden und solidarisch als Gemeinschaft t\u00e4tig werden. Autoren k\u00f6nnen dann vielleicht sogar anderen helfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schreibende k\u00f6nnen nur schreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist los mit den Schriftstellern in Deutschland? Haben sie sich inzwischen aus der Politik verabschiedet und ihren Beruf an den Nagel geh\u00e4ngt? Es sieht ganz danach aus. Manche hatten es schon geahnt: Schriftsteller! Ach, die nun wieder. Die haben doch sowieso nichts zu sagen. 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