{"id":1381,"date":"2017-03-14T12:01:46","date_gmt":"2017-03-14T11:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1381"},"modified":"2017-03-14T13:41:13","modified_gmt":"2017-03-14T12:41:13","slug":"peter-handke-im-wald","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=1381","title":{"rendered":"Peter Handke im Wald"},"content":{"rendered":"<h3>Wie sollen wir leben? Was ist das Gl\u00fcck?<\/h3>\n<p>Zusammen mit dem Schriftsteller Ludwig Lugmeier war ich in dem neuen Dokumentarfilm von Corinna Belz \u00fcber Peter Handke. Wir waren neugierig. Was w\u00fcrde uns erwarten? W\u00fcrden wir etwa einen Showdown virtuoser Formulierungsk\u00fcnstler erleben, als w\u00fcrde ein Herausforderer wie Michael Kr\u00fcger gegen Peter Handke antreten, um sich einen Kampf der Wortgiganten zu liefern, bei dem sich noch in der neunten Runde nur ein knapper Sieg nach Punkten abzeichnet und immer noch keiner den anderen k.o.-gequatscht hat?<\/p>\n<p>Die Eintrittskarte wirkte verd\u00e4chtig. Der vollst\u00e4ndige Titel \u201aPeter Handke \u2013 bin im Wald. Kann sein, dass ich mich versp\u00e4te\u2019, war nicht in voller L\u00e4nge ausgedruckt, der Titel ist zu lang, er passt nicht in eine Zeile und mitten in \u201ebin im Wald\u201c h\u00f6rte die Zeile auf und lie\u00df nur das \u201ei\u201c aus dem \u201eim\u201c zur\u00fcck, so dass auf der Eintrittskarte der Film auf gut Bayrisch hie\u00df: \u201ePeter Handke bin i\u201c \u2013 und damit zu Bef\u00fcrchtungen Anlass gab, dass wir es mit einer Beweihr\u00e4ucherung zu tun haben w\u00fcrden, die das abgehobene Ego eines Gro\u00dfschriftstellers in den Mittelpunkt stellt.<\/p>\n<p>So war es nicht. Ganz und gar nicht. Es war ein bewegender Film zu der gro\u00dfen Frage: Wie sollen wir leben? Ich will nicht allzu viel verraten; ich will nur einen Teil der Fragestellung aufgreifen, die Frage eingrenzen und etwas umformulieren: Mit wem sollen wir leben?<\/p>\n<p>Zwar wusste ich schon, dass Handke mit seiner Tochter \u2013 wie wir heute sagen w\u00fcrden \u2013 als \u201eAlleinerziehender\u201c gelebt hatte, doch ich hatte es glatt wieder vergessen, nun konnte ich Handke wiederentdecken als jemanden, f\u00fcr den das Leben mit einem Kind zu einer bedeutenden Selbstverst\u00e4ndlichkeit geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Sein Buch mit dem unscheinbaren Titel Kindergeschichte war sein letzter Bestseller, jedenfalls fand es sich auf entsprechenden Listen \u2013 das war, lang ist es her, im Jahre 1981. Da war er als \u201eHeranwachsender\u201c mit seinem Kind zusammen.<\/p>\n<p>Peter Handke spricht auch heute noch \u2013 auch im Film \u2013 \u00fcber sich in der dritten Person, er tut es offenbar gerne, so wie ich es fr\u00fcher auch getan habe, als ich als Kind Indianer gespielt und mich als gro\u00dfen H\u00e4uptling Spitze Feder gesehen habe. Es hei\u00dft in der Kindergeschichte:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEin Zukunftsgedanke des Heranwachsenden war es, sp\u00e4ter mit einem Kind zu leben. Dazu geh\u00f6rte die Vorstellung von einer wortlosen Gemeinschaftlichkeit, von kurzen Blickwechseln, einem Sich-dazu-Hocken, einem unregelm\u00e4\u00dfigen Scheitel im Haar, eine N\u00e4he und Weite in gl\u00fccklicher Einheit.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Schon beim ersten Anblick des Kindes sp\u00fcrt der Heranwachsende, dass er nun ein f\u00fcr alle Mal mit dem Kind eine verschworene Gruppe bilden wird, die ihm zur \u201eeinzig g\u00fcltige Wirklichkeit\u201c wird. Er nimmt es der Mutter \u00fcbel, dass sie das Berufsleben vorzieht und sich nicht der unbedingten Notwendigkeit stellt und er verachtet all diejenigen, die ihm eine andere Lebensweise aufreden wollen. Er sp\u00fcrt deutlich, dass er den gesamten Zeitgeist gegen sich hat und dass ihn die Dringlichkeit des politischen Lebens immer wieder herausruft aus der Enge und Gefangenschaft des H\u00e4uslichen mit dem bequemen Gl\u00fcck der Zweisamkeit.<\/p>\n<p>Es ist kein reines Gl\u00fcck. Es ist nicht immer nur das Anwehen des Paradieses zu sp\u00fcren, das sowieso nur unauff\u00e4llig und beil\u00e4ufig auftritt, es ergeben sich genauso tiefe Momente des Versagens, des Ungen\u00fcgens und Momente einer Schuld, die so heftig sind, dass er das Gef\u00fchlt hat, als w\u00fcrde er \u2013 um es ausnahmsweise in meinen Worten zu sagen \u2013 vor der h\u00f6chstm\u00f6glichen Instanz in Ungnade fallen. Als Peter Handke sein Kind in einem Zornesanfall schl\u00e4gt, schreibt er (wieder \u00fcber sich in der dritten Person):<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Entsetzen des T\u00e4ters war fast gleichzeitig. Er trug das weinende Kind, selber bitter ermangelnd der Tr\u00e4nen, in den R\u00e4umen umher, wo \u00fcberall die Tore des Gerichts offenstanden, mit den schalltoten Hitzest\u00f6\u00dfen der Posaunen &#8230;\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Formulierung von den \u201eschalltoten Hitzest\u00f6\u00dfen der Posaunen\u201c, fand ich damals schon \u00fcbertrieben, ja geradezu l\u00e4cherlich, das war 1981, als ich, selber noch kinderlos, das Buch zum ersten Mal gelesen hatte. Ich dachte nur: Geht\u2019s vielleicht auch ne Nummer kleiner? Doch wom\u00f6glich war es gerade die \u00dcbergr\u00f6\u00dfe der Formulierung, die bewirkt hatte, dass mir der Wortlaut bis heute in Erinnerung geblieben ist. Weiter hei\u00dft es \u00fcber die erw\u00e4hnte dritte Person, also \u00fcber den T\u00e4ter:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eErstmal sah sich der Erwachsene da als einen schlechten Menschen; nicht blo\u00df ein B\u00f6sewicht war er, sondern ein Verworfener; und seine Tat konnte durch keine weltliche Strafe ges\u00fchnt werden. Er hatte das einzige zerst\u00f6rt, das ihm je das Hochgef\u00fchl von etwas dauerhaft Wirklichem gegeben hatte, das einzige verraten, das er je zu verewigen und zu verherrlichen w\u00fcnschte. Als Verdammter hockt er sich zu dem Kind und redet es an &#8230;\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ludwig, der selber keine Kinder hat, erz\u00e4hlte mir, als wir wenig sp\u00e4ter bei Rotwein und Tapas den Film verdauten, dass er vor vielen Jahren einer Frau ins Gesicht geschlagen und dass es das Widerw\u00e4rtigste gewesen w\u00e4re, das er jemals getan h\u00e4tte. Zwar w\u00e4re er besoffen gewesen, doch das k\u00f6nne keine Entschuldigung sein. Ich wiederum wei\u00df von einer Frau, die vor \u00fcber zwanzig Jahren ihren Dreij\u00e4hrigen verpr\u00fcgelt hatte, die es immer noch bereut, ihn schon mehrfach um Verzeihung gebeten hat und es immer noch tut. Von einer anderen Frau, die sich inzwischen in Fr\u00f6mmigkeit gefl\u00fcchtet hat, wei\u00df ich, dass auch sie eine unselige Zeit mit ihrem Kleinkind hatte und dass sie dann, wie sie es nannte, \u201eden anderen Weg\u201c gegangen ist.<\/p>\n<p>Wir haben viel geredet. \u00dcber Peter Handke, \u00fcber Edmund Husserl und seine Methode, einzelne Ph\u00e4nomene aus Zusammenh\u00e4ngen zu l\u00f6sen, aber eben auch \u00fcber private, \u00fcber sehr intime Dinge. Ich erw\u00e4hne das, um erneut zu unterstreichen, dass dies kein Literatur-Fuzzi-Film ist. Es geht nicht um Papierkram. Der Film l\u00f6st gro\u00dfe Gef\u00fchle aus. Wer h\u00e4tte das gedacht? Man erwartet von Peter Handke, dass er andersgelbe Nudeln in Einzelheiten beschreibt und jedes Blatt, das vom Baum gefallen ist, zweimal umwendet, ehe er es wieder beiseitelegt und dass er sich im Kleinen und Klitzekleinen verliert.<\/p>\n<p>Doch er schreibt \u00fcber die gro\u00dfen Tatsachen des Lebens, die erst erkennbar werden, wenn wir uns ungesch\u00fctzt ausliefern, wenn das Ger\u00fcmpel des Vorgestanzten und Vorgemeinten beiseite ger\u00e4umt ist und die eigengesetzliche Lebenswelt mit seiner ganzen Wucht wirksam wird. Dann erscheinen uns auch seine \u00fcbergro\u00dfen Worte, die ins Subjekt gegossenen Gedenksteine aus den pers\u00f6nlichen Weltkriegen, am rechten Platz.<\/p>\n<p>Er erkl\u00e4rt ausf\u00fchrlich seine Gegnerschaft zu den Kinderlosen, zu den \u201eWustmenschen\u201c, zu denen, die die Kulissen der Aktualit\u00e4t f\u00fcr die allein g\u00fcltige Wirklichkeit halten und l\u00e4sst den gro\u00dfen H\u00e4uptling, der bekanntlich niemals mit gespaltener Zunge spricht, ausf\u00fchrlich zu Wort kommen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSp\u00e4ter sollte er es noch des \u00f6fteren mit weit \u00e4rgeren \u00fcberzeugt-Kinderlosen zu tun bekommen, einzeln oder in Paaren. In der Regel hatten sie einen scharfen Blick und wussten auch, selber in furchtbarer Schuldlosigkeit dahinlebend, im Expertisendeutsch zu sagen, was an einem Erwachsenen-Kind-Verh\u00e4ltnis falsch war; manche von ihnen \u00fcbten solchen Scharfsinn sogar als ihren Beruf aus.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Heranwachsende, der inzwischen unmerklich zum Erwachsenen und zum T\u00e4ter geworden ist, der Schuldbeladene, der Alleinerziehende lebte im st\u00e4ndigen Zerw\u00fcrfnis mit den Besserwissern und ihren wohlfeilen Naseweisheiten, die selber nur in die eigene Kindheit und in das eigene fortgesetzte Kindsein vernarrt waren und sich in der N\u00e4he als ausgewachsene Monstren erwiesen. Es gab \u2013 damals schon \u2013 die f\u00fcr ihn so bezeichnende Konstellation: Peter Handke gegen den Rest der Welt. Einer gegen alle.<\/p>\n<p>Mir wurde sofort klar, warum ich von der Prosa schon damals so tief beeindruckt war: Peter Handke meidet gew\u00f6hnliche Ausdr\u00fccke. Er bem\u00fcht sich, S\u00e4tze zu finden, die einem wie Urauff\u00fchrungen vorkommen; S\u00e4tze, die man so noch nie gelesen oder geh\u00f6rt hat und die einen die Welt so sehen lassen, als s\u00e4he man sie zum ersten Mal, auch wenn da gelegentlich die Posaunen erklingen. Und noch etwas: Ich habe dahinter stets das Bem\u00fchen um Aufrichtigkeit gesehen. Wie soll ich sagen? Um Ehrlichkeit? Wahrhaftigkeit? Dass Handke hart und hemmungslos gegen sich selbst sein kann und dass er seine Wunden vorzeigt, hat mich ermutigt, das auch im Umgang mit mir selbst zu probieren und mich besser kennen zu lernen.<\/p>\n<p>Ich habe die Kindergeschichte gleich noch mal gelesen. Diesmal als jemand, der inzwischen mit einem kleinen Kind gelebt hat. Es hat mich \u2013 um es in einem gew\u00f6hnlichen Satz zu sagen \u2013 stark ber\u00fchrt. Deshalb will ich ihm das letzte Wort erteilen, aber vorher noch einmal darauf hinweisen, dass das Zusammensein mit einem Kind nur eine Szene aus dem Film ist, \u00fcber den Ludwig zusammenfassend gesagt hat, dass es darin nichts g\u00e4be, das ihm nicht gefallen h\u00e4tte. Hier also noch etwas aus der Kindergeschichte:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEr verfluchte diese selbstgerechten kleinlichen Propheten als den Auswurf der modernen Zeiten, hob vor ihnen das Haupt und schwor ihnen die ewige Unvers\u00f6hnlichkeit. Bei dem antiken Dramatiker fand er den ihnen geb\u00fchrenden Bannfluch: Sind Kinder allen Menschen doch die Seele. Wer dies nicht erfuhr, der leidet zwar geringer, doch sein Wohlsein ist verfehltes Gl\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1439\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Corinna-300x195.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"195\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Corinna-300x195.jpg 300w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Corinna-768x499.jpg 768w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Corinna-1024x666.jpg 1024w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Corinna-150x98.jpg 150w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Corinna-400x260.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trailer zu <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=765CHiC7A98\">Peter Handke \u2013 Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich versp\u00e4te<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sollen wir leben? Was ist das Gl\u00fcck? <\/p>\n<p>Zusammen mit dem Schriftsteller Ludwig Lugmeier war ich in dem neuen Dokumentarfilm von Corinna Belz \u00fcber Peter Handke. Wir waren neugierig. Was w\u00fcrde uns erwarten? 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