{"id":276,"date":"2014-03-12T14:30:57","date_gmt":"2014-03-12T13:30:57","guid":{"rendered":"http:\/\/bernhard-lassahn.de\/BERNHARD-LASSAHN\/?p=276"},"modified":"2014-10-01T13:03:28","modified_gmt":"2014-10-01T11:03:28","slug":"land-mit-lila-kuehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=276","title":{"rendered":"Allen Ginsberg: Heul doch!"},"content":{"rendered":"<p>Ausgerechnet meine Lieblingsstellen aus <i>Howl<\/i> kamen nicht vor. Aber das konnte ich nat\u00fcrlich erst wissen, als der Film zu Ende war.<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er besteht aus mehreren Teilen: Es wird einerseits eine Lesung aus dem ber\u00fchmten Langgedicht in einer verr\u00e4ucherten Lokalit\u00e4t in San Francisco simuliert \u2013 in Schwarzwei\u00df. Dann wird in Farbe ein Selbstgespr\u00e4ch mit dem jungen Allen Ginsberg nachgestellt, der sich l\u00e4ssig einen Beutel Tee aufbr\u00fcht, st\u00e4ndig raucht und dabei in ein Tonbandger\u00e4t redet. Dabei offenbart er uns, dass er sich die Frage gestellt hatte, was wohl sein Vater zu so einem schamlosen Text sagen w\u00fcrde und er verr\u00e4t ein wenig von seine Intentionen: Er wollte die Trennung aufheben, die darin besteht, dass man im privaten Kreis anders redet als in der Welt der Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird der Prozess nachgespielt, den die Ver\u00f6ffentlichung des schmalen B\u00fcchleins im Jahre 1955 nach sich gezogen hatte \u2013 es ist der beste Teil des Filmes mit wirklich k\u00f6stlichen Szenen, mit Befragungen von \u201eExperten\u201c und dem bew\u00e4hrten Geschick amerikanischer Filme, aus einem Prozesstag ein richtiges Drama zu machen. Man wartet nur noch auf den Applaus nach dem Pl\u00e4doyer. Ein weiterer Teil des Filmes ist nicht nur einfach bunt, sondern aufgemotzt bunt mit 3D-Effekten, die versuchen, das Gedicht in Animationen umzusetzen. Schon eindrucksvoll \u2013 aber: Je l\u00e4nger die Eindr\u00fccke zur\u00fcckliegen, umso bedenklicher und kitschiger wirkt gerade das in der R\u00fcckschau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei kommt ein Problem zum Vorschein, das auch vor Gericht angesprochen wurde. Da war man n\u00e4mlich bei der Beurteilung einer m\u00f6glichen Gef\u00e4hrdung der Jugend bei der Frage angekommen, ob die \u00fcberhaupt Zugang zu so einem Text hat. Die Herrschaften, die dar\u00fcber urteilen sollten, gingen selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass sie selber keinerlei Gef\u00e4hrdungen zu bef\u00fcrchten h\u00e4tten \u2013 was aber ist mit der Jugend?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war den Herrschaften schon klar, dass die Jugend durch die komplexe Sprache eher ausgeschlossen als angelockt wurden. <i>Howl<\/i> ist nicht nur obsz\u00f6n, sondern auch anspielungsreich, da ist nicht nur von Drogen, Psychiatrie und Homosexualit\u00e4t die Rede, sondern auch von William Blake, von dem ein gef\u00e4hrdeter Jugendlicher wom\u00f6glich noch nie geh\u00f6rt hat. Der m\u00fcsste sich, um sich an der verdorbenen Sprache zu delektieren, erstmal durch einen Griesbreiberg von unverst\u00e4ndlicher Lyrik durchfuttern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Animation besteht das Problem nicht. Da sieht man Bilder, die man auch versteht, wenn man keine Anspr\u00fcche hat. Da offenbart es sich: Es wird nicht etwa ein Inhalt in ein anderes Medium transferiert und damit einem anderen Publikum zug\u00e4nglich gemacht \u2013 Nein: Der Inhalt wird nicht nur verkitscht und vereinfacht, er wird ver\u00e4ndert. Es gibt im Animationsteil keine H\u00e4sslichkeiten mehr, \u00fcber allem liegt eine \u00c4sthetik, die sich auch in der Vorweihnachtszeit bew\u00e4hren w\u00fcrde, eine Ejakulation wird so romantisiert, dass ich sie mir die auch als Werbung f\u00fcr Sekt vorstellen k\u00f6nnte. Man fragt sich, aus welcher Textzeile man wohl die Anregung aufgegriffen hat, eine vollbusige Frauensch\u00f6nheit, die an Barbarella erinnert, schwerelos durch den Raum schweben zu lassen. Gegen solche Teenager-Poster kann niemand etwas haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Richtig spannend war der Film nat\u00fcrlich nicht. Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Die Anklage wurde abgewiesen. Das Geheul durfte leben. \u201eHeul doch!\u201c, lautete die Botschaft der liberalen Rechtssprechung. Dazu mussten zuvor zwei Fragen beantwortet werden: Zum einen ging es um das Recht auf k\u00fcnstlerische Freiheit. Dazu musste gekl\u00e4rt werden, ob es sich bei dem \u201eMachwerk\u201c \u00fcberhaupt um Kunst handelt. Ja, tut es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann wurde besprochen, ob man etwas dokumentieren darf, dass es tats\u00e4chlich gibt. Eine kluge Strategie der Verteidigung: Dahinter steckte der Gedanke, dass ein Verbot des Textes gleichzeitig darauf hinausgelaufen w\u00e4re, dass man damit auch die Wahrheit verbieten &#8211; zumindest nicht zur Kenntnis nehmen w\u00fcrde. So war denn am Ende der Richterspruch nicht nur ein Sieg f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Freiheit, sondern auch einer f\u00fcr die Schwulen, f\u00fcr die Ausgegrenzten, f\u00fcr all die, die schon in der ersten Zeile als die \u201ebesten K\u00f6pfe meiner Generation zerst\u00f6rt vom Wahnsinn\u201c bezeichnet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur selben Zeit, als dieser Film, der den sch\u00f6nen Triumph eines Buches \u00fcber die Zensur zeigt, in die Kinos kommt, lesen wir, dass <i>Huckleberry Finn<\/i> in einer Neuausgabe ohne das \u201en-word\u201c \u201enigger\u201c auskommen muss. Ganze 219 Mal wird es ersetzt. Auch John Lennon hatte Pech; seine von Yoko Ono inspirierte Hymne <i>Woman Is The Nigger of The World<\/i> wurde nicht etwa wegen der pro-feministischen Aussage, sondern wegen des Wortes \u201enigger\u201c zensiert. Allen Ginsberg durfte von \u201eNeger-Stra\u00dfe\u201c sprechen. Andere durften nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnte Mark Twain mit Hilfe desselben Anwalts &#8211; wenn beide noch leben w\u00fcrden &#8211; mit denselben Argumenten auftrumpfen. Auch sein Buch ist ein Kunstwerk. Selbst wenn er selber den Wert nicht besonders hoch angesetzt hatte, er hielt <i>Prinz und Betteljunge<\/i> f\u00fcr das bessere Buch und hatte schon \u00fcberlegt, die Arbeit an <i>Huckleberry Finn<\/i> einzustellen. Es ist aber Kunst, ein detailverliebtes Bild einer Wirklichkeit mit genau den sprachlichen \u00c4u\u00dferungen, die es zu der Zeit gab. Gerade in dem Punkt ist die Bedeutung von Mark Twain herausragend. Anders als Ernest Hemingway etwa, der ebenfalls Umgangssprache verwendete, aber gleichzeitig einen reduzierten Stil anstrebte, brachte Mark Twain eine \u00fcppige Bereicherung des Vokabulars mit allerlei Besonderheiten und Spezialausdr\u00fccken in die Literatur ein, so dass man allein schon, um die Artenvielfalt zu sch\u00fctzen, kein einziges Wort davon streichen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wollte Mark Twain nicht provozieren und hatte &#8211; im Unterschied zu Allen Ginsberg &#8211; nicht das Gef\u00fchl, eine Grenzverletzung zu begehen. Er war trotz all der Gro\u00dfschn\u00e4uzigkeit, die wir so an ihm sch\u00e4tzen, enorm r\u00fccksichtsvoll. Er vertrat sogar zeitweise die Meinung, seine biographischen Texte d\u00fcrften erst hundert Jahre nach seinem Tod erscheinen. Auch seine literarischen Figuren waren behutsam montiert, f\u00fcr Tom Sawyer hatte er mindestens vier lebende Vorbilder verarbeitet und verfremdet. Er wusste selber, dass es mit einem geplanten dritten Teil, der Tom und Huck zu den Indianern gef\u00fchrt und nicht nur mit der Vorstellung des Edlen Wilden aufger\u00e4umt, sondern obendrein das Thema Vergewaltigung aufgew\u00fchlt h\u00e4tte, zu weit gegangen w\u00e4re. Er lie\u00df es. Einen dritten Teil gibt es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass nun die Parole \u201eNigger raus!\u201c ausgerechnet auf seine B\u00fccher angewendet wird, w\u00fcrde ihn vermutlich wundern, wom\u00f6glich sogar w\u00fctend machen. Nebenbei fragen wir uns: Was ist eigentlich mit den anderen? Mit Joseph Conrad, mit James Fanimore Cooper? Kommt das Wort nicht auch in <i>Onkel Tom\u2019s H\u00fctte<\/i> vor? Mark Twain benutzte es doch gerade deshalb, um die Zust\u00e4nde in deutlichen Worten anzuprangern; er war \u2013 \u00fcbrigens im Unterschied zu seiner Mutter \u2013 ein entschiedener Gegner der Sklaverei und m\u00fcsste eigentlich mit seiner Gesinnung genau auf der Linie von denjenigen liegen, die ihm das Wort nun herausstreichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier zeigt sich, wie durch die political correctness aus Tatbest\u00e4nden T\u00e4terbest\u00e4nde geworden sind. Es kommt nicht mehr darauf an, WAS getan wird, sondern WER es WANN tut. Mark Twain mag ein bedeutender Dichter gewesen sein, er hatte einen Nachteil: Er kann keine Diskriminierungsmerkmale vorweisen, er war nicht mal schwul.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun zum Schluss die Zeilen, die im Film fehlten, in der \u00dcbersetzung von Carl Weissner. Es sind keine spektakul\u00e4ren Zeilen, aber immerhin welche, die uns deutlich machen, wie zeitbezogen unsere \u00c4u\u00dferungen sind. Es ist von denen die Rede, die &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201edie ihre Armbanduhren vom Dach warfen und sich eine Ewigkeit jenseits der Zeit erw\u00e4hlten, und w\u00e4hrend der n\u00e4chsten zehn Jahre fiel ihnen jeden Tag ein Wecker auf den Kopf,\/ die sich dreimal hintereinander die Pulsadern \u00f6ffneten, ohne Erfolg, es aufgaben und gezwungen waren, Antiquit\u00e4tenl\u00e4den zu er\u00f6ffnen, in denen sie sich alt vorkamen und weinten.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgerechnet meine Lieblingsstellen aus Howl kamen nicht vor. 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