{"id":3160,"date":"2020-12-14T19:21:49","date_gmt":"2020-12-14T18:21:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=3160"},"modified":"2020-12-14T19:24:04","modified_gmt":"2020-12-14T18:24:04","slug":"michael-schulte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=3160","title":{"rendered":"Michael Schulte"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">Michael Schulte<\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\">\u201eIch freu mich schon auf die H\u00f6lle\u201c<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3943\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-2048x1536.jpg 2048w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-150x113.jpg 150w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_7585-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u><\/u>Michael Schulte ist am 20. Juni 2019 gestorben.\u00a0In der \u201eZeit\u201c stand einst: \u201e\u00dcber Michael Schulte brauchen wir nicht lange zu reden, ihn kennt jeder.\u201c Das stimmt nicht. Zwar hatte Michael Schulte zeitweise eine gewisse Bekanntheit, ich bin keinesfalls der einzige seiner hartn\u00e4ckigen Leser \u2013 mir fallen aus alten Tagen noch Thommie Bayer und Thomas C. Breuer ein. Doch wir waren eine verschworene Minderheit. Wir f\u00fchlten uns wie Insider, die Zugang zu Geheimwissen hatten.<\/p>\n<p>Michael Schulte war einer unserer lebenden Helden aus der Welt der Literatur, wie auch der (ebenfalls wegen seinem Humor untersch\u00e4tze)\u00a0<u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kurt_Vonnegut\">Kurt Vonnegut<\/a><\/u>, den Michael Schulte \u00fcbersetzt hat. Das hat auch\u00a0<u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Harry_Rowohlt\">Harry Rowohlt<\/a><\/u>\u00a0getan. Beide waren nicht nur Vonnegut-\u00dcbersetzer, sie waren obendrein Vonnegut-Versteher, ja, sogar Vonnegut-Botschafter, und beide geh\u00f6rten selber \u2013 wenn schon nicht zu den Schwergewichten so doch \u2013 zu den Mittelgewichten des Gro\u00dfen Humors.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>\u201eDer Humorist geht gleich dem Raubtier stets allein\u201c<\/h2>\n<p>Was meine ich damit? Ich meine einen herzlichen Humor, der die Welt aus den Angeln hebt und uns einen Augenblick lang das Gef\u00fchl gibt, dass wir jederzeit auf Neustart gehen, noch einmal von vorne anfangen k\u00f6nnen \u2013 und dass alles auch ganz anders sein k\u00f6nnte. Es ist nicht nur irgendetwas falsch an den Zeitumst\u00e4nden, es ist eigentlich alles falsch. Die Welt passt nicht zu einem Humoristen, der \u2013 wie S\u00f6ren Kierkegaard sagt \u2013 \u201estets allein geht\u201c.<\/p>\n<p><em>\u201eEin einsamer Cowboy, der durch Texas ritt und so sehr mit seinen Gedanken besch\u00e4ftigt war, dass er nicht auf den Weg achtete, fand sich pl\u00f6tzlich in einem Film wieder. Er blickte von der Leinwand in einen dicht besetzten Kinosaal. Offenbar handelte es sich um eine Pressevorf\u00fchrung, denn sp\u00e4ter sah er, wie ein Kritiker der New York Times folgende Bemerkung in seinen Notizblock schrieb: \u201aV\u00f6llig unmotivierte Einf\u00fchrung einer neuen Hauptfigur.&#8217;\u201c<\/em><\/p>\n<p>Toll. Wir haben seine B\u00fccher nicht nur bewundert, wir haben sie gern gehabt. Sie waren voller \u00dcbermut und Leichtsinn, sie machten Laune und lie\u00dfen einen mit einem guten Gef\u00fchl zur\u00fcck. Als w\u00e4re man frisch gebadet und k\u00f6nnte \u00fcber den Zustand der Welt nur noch den Kopf sch\u00fctteln. Seine Komik war eine Trumpfkarte, mit der man jede Bitterkeit ausstechen konnte. In der \u201aStuttgarter Zeitung\u2018 hie\u00df es, dass man in den B\u00fcchern \u2013 es war sogar von einem \u201eSchulte-Virus\u201c die Rede \u2013 \u201edem Gl\u00fcck begegnen\u201c k\u00f6nne.<\/p>\n<p><em>\u201eIch will reich werden, m\u00f6ge es kosten, was es wolle. In Finnland bezahlt die Regierung, habe ich geh\u00f6rt, f\u00fcr jeden erlegten Wolf eine Pr\u00e4mie von ungerechnet 500 DM. Das w\u00e4re etwas \u2013 nach Finnland ziehen und heimlich eine Wolfszucht betreiben. Klein anfangen, an jedem Ersten im Monat seinen Wolf schie\u00dfen und bei den entsprechenden Beh\u00f6rden abliefern. An Ideen mangelt es nicht \u2026\u201c\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Nur Spa\u00df ist mehr als nur Spa\u00df<\/h2>\n<p>In der Tat: An Ideen mangelte es nicht, Michael Schulte war ein Ideen-K\u00fcnstler, der stets einen unerw\u00fcnschten Tipp auf Lager hatte. So schl\u00e4gt er beispielsweise einen Preis f\u00fcr die originellste kriminelle Handlung vor: das \u201eGoldene Gitter\u201c. Oder er schl\u00e4gt Briefmarken vor, die Prominente von der menschlichen Seite zeigen \u2013 Anregung: der Bundespr\u00e4sident auf einem Gartenfest, wo er sich versehentlich die Hosen mit Rotwein bekleckert.<\/p>\n<p>Elvis \u2013 jetzt kommt\u2019s raus \u2013 hatte eine T\u00e4towierung auf dem Bauch mit der Inschrift NEUSCHWANSTEIN, und nach seinem Tod kommt Elvis auf die Insel der Totgesagten, wo er den leicht vergreisten Adolf Hitler trifft, der ihn versehentlich mit \u201eErwin\u201c anredet.<\/p>\n<p>Witzig? Ich finde ja. Oder wie w\u00e4re es damit? Eine historische Trag\u00f6die, 1. Akt in der Kapit\u00e4nskaj\u00fcte der\u00a0<em>Santa Maria<\/em>. Der Offizier kommt erregt durch die T\u00fcr und meldet, dass die Mannschaft meutert. Kolumbus schl\u00e4gt vor, der Offizier solle der Mannschaft doppelten Sold versprechen. Der Offizier sagt: \u201eOkay!\u201c Kolumbus verwirrt: \u201eWas?\u201c<\/p>\n<p>Auf dem Umschlag von dem Buch\u00a0<em>Stiefmuttertag<\/em>\u00a0wird extra gewarnt: \u201eEin schreckliches Buch. Es enth\u00e4lt garantiert keine Aussage. Es macht nur Spa\u00df. Sonst nichts.\u201c Aber \u201enur Spa\u00df\u201c ist eben mehr als einfach nur Spa\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Die Spa\u00dfv\u00f6gel sind tot<\/h2>\n<p>Mit ihm \u2013 so kommt es mir jedenfalls vor \u2013 ist zugleich eine Epoche zu Ende gegangen, in der die Humoristen noch frech wie Oskar waren. Heute ist uns der Spa\u00df vergangen, den Comedians wurde schon an anderer Stelle ein Nachruf geschrieben, in den USA meiden die Spa\u00dfv\u00f6gel die Universit\u00e4ten, es ist f\u00fcr sie in Zeiten von\u00a0<em>political correctness<\/em>\u00a0zu gef\u00e4hrlich geworden. Sie halten lieber den Schnabel.<\/p>\n<p>Da wir gerade von V\u00f6geln reden: Im Englischen werden Kom\u00f6dianten und Narren gerne als\u00a0<em>canary in the coalmine\u00a0<\/em>bezeichnet. Kanarienv\u00f6gel wurden fr\u00fcher mit in die Minen genommen, wenn sie tot umfielen, war es ein Alarmzeichen; es bedeutete, dass giftige Gase aufgetreten waren und die Arbeiter sofort an die frische Luft mussten. Die V\u00f6gel waren ein lebendes Fr\u00fchwarnsystem. Erst starb der Vogel, dann der Arbeiter. Das gilt nicht nur f\u00fcr Bergm\u00e4nner. Der Tod der Spa\u00dfv\u00f6gel sagt etwas \u00fcber den Zustand der Gesellschaft.<\/p>\n<p><u><a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/vater-der-britischen-comedy-john-cleese-wird-80\/a-50969468\">John Cleese<\/a><\/u>\u00a0von Monty Python oder\u00a0<u><a href=\"https:\/\/www.stern.de\/kultur\/tv\/harald-schmidt-klagt-ueber-political-correctness-und-sprachpolizei-8780310.html\">Harald Schmidt<\/a><\/u>\u00a0klagen ohne jedes Augenzwinkern, dass sie es heute nicht mehr wagen w\u00fcrden, Scherze zu rei\u00dfen, die sie fr\u00fcher noch problemlos machen konnten. Auch Michael Schulte geh\u00f6rt noch in die Zeit vor dem Euro, vor\u00a0<em>amazon<\/em>\u00a0und vor\u00a0<em>kindle<\/em>\u00a0\u2013 er geh\u00f6rt in eine Zeit, als ein Sternchen* noch auf eine Fu\u00dfnote hingewiesen hat und nicht auf die Selbstdarstellung von Wichtigtuern, die zu den Sternen der moralischen \u00dcberheblichkeit greifen und mit ihren vorget\u00e4uschten Emp\u00f6rungen und vorschnellen Verurteilungen die Luft verpesten und das Humor-Klima vergiften.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Die Entdeckung des Tiefsinns im Bl\u00f6dsinn<\/h2>\n<p>Michale Schulte, geboren 1941, war der schlechteste Mathematiksch\u00fcler Bayers. Soviel ist sicher. Auf einer Liste im Kultusministerium in M\u00fcnchen rangierte die Schule, auf die der kleine Michael ging, an letzter Stelle und er war der Letzte in seiner Klasse. Er war ein schwieriger Sch\u00fcler. Als er gefragt wurde, was er werden wollte, antwortete er: Cowboy. Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Bayern. Sp\u00e4ter ist er tats\u00e4chlich nach Amerika gegangen.<\/p>\n<p>Man darf die fr\u00fchen Einfl\u00fcsse keinesfalls untersch\u00e4tzen. Als Kind hatte ihn der geheimnisvolle Kindervers stark beeindruckt, der da lautet: \u201eDer Elefant von Celebes\/ hat hinten etwas Gelebes\/ Der Elefant von Borneo\/ der hat dasselbe vorneo\u201c \u2013 es hat ihn nicht mehr losgelassen. Er konnte nicht anders. Er musste eines Tages \u2013 Jahre sp\u00e4ter \u2013 nach Borneo und Celebes reisen und ein Buch dar\u00fcber schreiben:\u00a0<em>Bambus Coca-Cola Bambus<\/em>.<\/p>\n<p>Als er einen Plattenspieler geschenkt kriegte, in der Absicht, ihn zur klassischen Musik zu f\u00fchren, h\u00f6rt er sich Platten von\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.karl-valentin.de\/index.htm\">Karl Valentin<\/a><\/u>\u00a0an. Seine Eltern konnten nicht ahnen, dass sich damit sein Schicksal vorzeichnete, sie lachten dar\u00fcber, dass er lachte. Valentin selber fanden sie nicht komisch, sie fanden es nur komisch, dass ihr kleiner Michael diesen Valentin so komisch fand. Er selber sagt \u00fcber die damalige Zeit: \u201eDer Tiefsinn im Bl\u00f6dsinn war unbekannt, man hielt sich gnadenlos an den Bl\u00f6dsinn des Tiefsinns.\u201c<\/p>\n<p>Als er in G\u00f6ttingen studierte, ging er in eine Buchhandlung, um endlich eine Karl-Valentin-Biografie zu erwerben. \u201eDie gibt es nicht\u201c, wurde ihm gesagt. \u201eMacht nichts\u201c, sagte er, \u201edann schreibe ich sie mir selbst\u201c. Er bot den Plan dem Rowohlt-Verlag an und verliebte sich gleichzeitig in eine Buchh\u00e4ndlerin mit Brille, weil er Brillenfetischist war.<\/p>\n<p>Das wusste sie aber nicht. Als sie zu ihm nach Hause kam, hatte sie sich zur Feier des Tages Kontaktlinsen gekauft. Es war sein Katastrophentag, schon am Vormittag des Tages hatte er eine Absage vom Rowohlt-Verlag erhalten. Drei Wochen sp\u00e4ter kriegte er wieder Post. Rowohlt hatte sich das anders \u00fcberlegt, sie wollten nun doch, dass er sich an die Arbeit macht. Michael kam sich vor, als h\u00e4tte er den Nobelpreis gewonnen, er rief die Buchh\u00e4ndlerin ohne Brille an und kaufte Sekt. Aber sie entt\u00e4uschte ihn. Sie war nicht beeindruckt. Sie hatte im Lexikon nachgeguckt und festgestellt, dass Karl Valentin nicht einmal im Lexikon verzeichnet war. \u201eDann ist eben das Lexikon Schei\u00dfe\u201c, br\u00fcllte er.<\/p>\n<p>Eine Welt, in der Karl Valentin keinen Ehrenplatz hatte, war nicht die richtige Welt. Also musste er ran. Christof St\u00e4hlin \u2013 \u00fcber den es\u00a0<u><a href=\"https:\/\/www.achgut.com\/artikel\/sie_kennen_franz_kafka._lernen_sie_lieber_christof_staehlin_kennen\">hier<\/a><\/u>\u00a0ein kleines Portr\u00e4t gibt \u2013 war sogar der Meinung, dass Valentin eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung h\u00e4tte als Brecht (aber das hatte er nur so dahingesagt und hing mit seiner Geringsch\u00e4tzung von Brecht zusammen, der seinerseits Valentin sch\u00e4tze), doch die Valentin-Verehrer waren damals tats\u00e4chlich noch gewisse Ausnahmeerscheinungen.<\/p>\n<p>Nun googeln Sie mal: Wenn Sie nach \u201eMichael Schulte\u201c suchen, dr\u00e4ngelt sich sofort der Schlagers\u00e4nger gleichen Namens vor, doch wenn sie den Suchbefehl \u201eMichael Schulte Valentin\u201c eingeben, sehen Sie, dass der Humor von K\u00fcnstlern, die in keine Schublade passen, nicht totzukriegen ist. Auch nicht in einer Zeit, in der die Kanarienv\u00f6gel tot umfallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Die richtige Frau zur richtigen Zeit<\/h2>\n<p>Ich kannte ein paar B\u00fccher von Michael Schulte und hatte ihn schon angeschrieben. Ich glaube, ich hatte auch eine Postkarte von ihm. Mehr nicht. Eines Tages klingelte das Telefon \u2013 Es war nicht \u201eeines Tages\u201c, es war genau gesagt Silvester, ich lebte damals in Hamburg. \u201eHier ist Michael Schulte\u201c, hie\u00df es am anderen Ende der Leitung, \u201eich bin gerade in Hamburg und telefoniere mein Adressenverzeichnis durch und bin beim Buchstaben L. Wenn du zuf\u00e4llig gerade eine Party hast, dann w\u00fcrde ich kommen.\u201c Ich hatte zuf\u00e4llig gerade eine Party. So lernten wir uns kennen. Michael wollte bei der Gelegenheit wissen, ob ich zuf\u00e4llig auch noch eine Freundin f\u00fcr ihn h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das war nicht n\u00f6tig. Michael hatte Gl\u00fcck bei Frauen (abgesehen von seiner ersten Ehefrau, einer Amerikanerin, die ihn um \u201eHab, Gut und Geld\u201c brachte). Besonders mit einer Frau hatte er richtig Gl\u00fcck. Bei seinen Pl\u00e4nen mit Karl Valentin stie\u00df er \u00fcberall auf Hindernisse und kam nicht an das Material heran. Keiner, der etwas von Valentin hatte, wollte ihm das zur Verf\u00fcgung stellen, alle wollten das selber ausschlachten. In seiner Verzweiflung rief er die Tochter von Karl Valentin an, die noch lebte. Er konnte sie begeistern \u2013 und sie gab ihm alles.<\/p>\n<p>Auch mit Freunden hatte er Gl\u00fcck. Im \u201eFroschk\u00f6nig\u201c und im \u201eDiener\u201c arrangierte er Treffen, zu denen einige Freunde extra von weit her nach Berlin anreisten. Er war auch mit toten Literaten befreundet und fragte in die Runde, welchen Schriftsteller man gerne zu Lebzeiten getroffen h\u00e4tte, um wom\u00f6glich mit ihm befreundet zu sein. Ich hatte mich spontan f\u00fcr Mark Twain entschieden. Er selber f\u00fcr Jean Paul, der bekanntlich ein Buch als \u201elangen Brief an Freunde\u201c bezeichnet hat.<\/p>\n<p>Wie mit Frauen, so auch mit Freunden. Michael hatte nicht nur Gl\u00fcck. In seinem wohl pers\u00f6nlichsten Buch\u00a0<em>Ich freu mich schon auf die H\u00f6lle<\/em>\u00a0erw\u00e4hnt er seinen \u201ebesten Freund, der sich erh\u00e4ngt hat, wof\u00fcr ich ihn heute noch umbringen k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und hier noch von Ludwig Lugmeier ein \u2026<\/p>\n<h2><strong><em>Nachruf auf Michael Schulte<\/em><\/strong><\/h2>\n<p><em>\u201eIch freu mich schon auf die H\u00f6lle\u201c \u2013 vor 14 Jahren brachte der Picus Verlag dieses autobiographische Buch auf den Markt, sch\u00f6n aufgemacht, ordentlich lektoriert, auf dem Cover ein anfangs der 50er Jahre geschossenes Foto: Familienbild mit Michael Schulte, einem blonden, schmalbr\u00fcstigen Jungen in gestreifter bis zum Nabel hochgezogener Wollbadehose. Mit 78 Jahren, am 20. Juni nachmittags 4 Uhr, ist er schlie\u00dflich zur H\u00f6lle gefahren. Ich ruf ihm ein Farewell hinterher und: Sei so gut alter Freund, beleg f\u00fcr mich einen Platz, nicht zu nahe am Feuer, sonst verkohlt mir der Bauch, nicht zu fern, sonst vereist mir der Arsch, und so, bittesch\u00f6n, dass ich die Beine ausstrecken kann. Die Ewigkeit zieht sich ja hin, aber, dessen warst Du Dir schon zu Lebzeiten gewiss, f\u00fcr unsereins in h\u00f6llisch guter Gesellschaft. Die mit angefaulter Zunge im Maul: alle droben im Himmel \u2013 dem Teufel sei Dank! Im tiefsten H\u00f6llengrunde dagegen die pataphysische Zunft. Da hockt das Gespenst der Freiheit Luis Bu\u00f1uel auf den Schultern. Da jagt Max Ernst die Welt in die Luft, denn auf den Kopf stellen l\u00e4sst sie sich nicht, da sie keinen besitzt. Da zertrampelt Jean Genet seinen Heiligenschein, und der heiligen Musik s\u00e4gt John Cage die Stimmb\u00e4nder durch. Du kennst ihn ja aus New York. Und Marcel Duchamp und Man Ray und Eug\u00e8ne Iosnesco und Chico, Harpo, Gummo, Groucho und Zeppo \u2013 nun, die waren wiederum bei Dir zu Besuch, da oben an der d\u00e4nischen Grenze, als Grenzg\u00e4nger, als sprechende Schatten. Hoffentlich, Michael, hoffentlich wird\u2019s nicht zu eng in der H\u00f6lle. Und hoffentlich hat Alfred Jarry seinen K\u00f6nig Ubu einzuschleusen verstanden. Von Rechts wegen geh\u00f6rt der Drecksack zwar in den Himmel, zu den K\u00f6nigen und Kardin\u00e4len, zu den Pfaffen und Henkern, aber \u2013 Merdre und Schoi\u00dfe! \u2013,\u00a0Alfred Jarry hat ihn schlie\u00dflich mit seinem Odem belebt. Er w\u00fcrde uns fehlen, und zwar ganz gewaltig. Wenn er aber dort ist, wenn er sich im Kotkessel suhlt, wenn er s\u00e4uft, frisst und ratzt, wenn er schnarcht, furzt und neben den Speibeutel kotzt, dann machen wir uns endlich her \u00fcber die Kom\u00f6die, die wir uns ausgedacht haben, da oben bei Dir, hinterm Haus auf der Helle im winddurchpfiffenen Garten: Die schr\u00f6ckliche Geschichte von K\u00f6nig Ubus rotzgr\u00fcnen S\u00f6hnen.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p> Michael Schulte \u201eIch freu mich schon auf die H\u00f6lle\u201c <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Michael Schulte ist am 20. Juni 2019 gestorben. In der \u201eZeit\u201c stand einst: \u201e\u00dcber Michael Schulte brauchen wir nicht lange zu reden, ihn kennt jeder.\u201c Das stimmt nicht. 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