{"id":390,"date":"2014-04-23T13:05:01","date_gmt":"2014-04-23T11:05:01","guid":{"rendered":"http:\/\/bernhard-lassahn.de\/BERNHARD-LASSAHN\/?p=390"},"modified":"2014-08-28T16:48:26","modified_gmt":"2014-08-28T14:48:26","slug":"kleines-lied-fuer-christa-wolf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=390","title":{"rendered":"Kleines Lied f\u00fcr Christa Wolf"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christa Wolf ist gestorben. Ich habe sie noch bei einer Lesung im Literarischen Colloquium am Wannsee erlebt. Sie wirkte entspannt, souver\u00e4n und sympathisch. Sie hatte das Publikum von Anfang an auf ihrer Seite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hatte keine Vorurteile \u2013 dachte ich zumindest.<!--more--> Ich kannte sie ja kaum. Dabei bin ich als halber Ossi ein treuherziger Freund der DDR-Literatur (gewesen): Barbara Honigmann mag ich besonders und nat\u00fcrlich Jurek Becker. Insgesamt gesehen verliert diese Sonderform der Literatur jedoch viel von ihrem Glanz, wenn man sie nicht mehr mit gutwilligem Blick betrachtet. Ich war jedenfalls gespannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie las aus ihrem neuen Buch <i>Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud<\/i>, das in Los Angeles spielt. Die Sorgen der alten Welt verfolgen sie bis dahin, sie leidet darunter, dass sie mit einer Stasi-Vergangenheit beh\u00e4ngt wird &#8211; und wie sich nun im fernen Deutschland die Medien und ihre Bekannten dazu verhalten. In der Stunde schwerer Not f\u00e4ngt sie \u00fcberraschenderweise an, alte deutsche Lieder zu singen, bis sie erl\u00f6st wird, als am fr\u00fchen Morgen ein Vogel zu ihr kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mich vorgedr\u00e4ngelt und nachgefragt, welche Lieder sie da gesungen hat. Den Gefallen tat sie mir auch so. Es folgte eine nicht enden wollende Liste von Kinder- Kampf- und Kirchenliedern \u2013 und gleichzeitig sp\u00fcrte man, wie sich im Publikum etwas tat. Es gluckerte und brodelte. Mich hatte sie damit auch gewonnen. Christa Wolf sch\u00f6pfte mit vollem Eimer aus einem verloren geglaubten Fundus, als g\u00e4be es eine gesamtdeutsche Musikbox, und man m\u00fcsste nur die Titel vorlesen, und schon summt und brummt es \u00fcberall in den Hinterk\u00f6pfen. War es vorher ein wenig dr\u00f6ge gewesen (die Luft war auch so schlecht, und es war rappelvoll), so kam nun fast so etwas wie Stimmung auf. Hier und da f\u00fchlte sich jemand erinnert und reagierte mit einem Schmunzeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Vater behauptet, dass er tausend Lieder kennt. Er meint es ernst. Er h\u00e4lt die Zahl nicht f\u00fcr hoch gegriffen. Freunde haben mir erz\u00e4hlt, dass sie in den letzten Stunden vor dem Tod von nahen Verwandten, mit ihnen gemeinsam Lieder gesungen h\u00e4tten und sich dabei auch gewundert hatten, wie viele sie noch kannten. Mir fiel Herta M\u00fcller ein, der ich hoch anrechne, dass sie mal gesagt hat, wir sollten \u201eden Kitsch neu bewerten\u201c, in Gefangenschaft haben die Leute <i>La Paloma<\/i> gesungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch bei der Gelegenheit fiel mir auch auf, wieweit die beiden Autorinnen auseinander liegen. Herta M\u00fcller hat eine wunderbare Sprache voller \u00dcberraschungen, Christa Wolf meidet Ausschl\u00e4ge nach oben und unten. Sie hat es bei einer anschlie\u00dfenden Aussprache erkl\u00e4rt: In der DDR war alles \u201eunerw\u00fcnscht\u201c, was \u201e\u00fcberm\u00e4\u00dfig individualistisch\u201c war. Das ist ein Tiefschlag f\u00fcr die Literatur. Das hat schlimme Folgen. Damit zieht man der Kunst den Stecker raus. Auch f\u00fcr das Gesamtbild einer Gesellschaft wirkt es ern\u00fcchternd und lieblos. Wenn keine pers\u00f6nlichen Vorlieben mehr erlaubt sind, verk\u00fcmmert mit der Vorliebe auch die Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So ist dieser Grauschleier entstanden, an dem man die DDR zuverl\u00e4ssig erkennen konnte, dieser halblaute Ton, der pflichtschuldig und prophylaktisch resigniert von den \u201eM\u00fchen der Ebene\u201c und der \u201eAnkunft im Alltag\u201c berichtet &#8211; immer mit einem Fu\u00df auf der Bremse. Beleidigt, geduckt und l\u00e4tschig. Stets mit Vorw\u00fcrfen und Unterstellungen gegen die b\u00f6sen Feinde, die \u00fcberall lauern. Selten ist da ein echter Ausdruck von Freude &#8211; nur aufgesetzter Optimismus &#8211; selten ein wirklicher Ausdruck von Schmerz, denn der w\u00fcrde ja &#8211; so wie jede auch nur halbherzige Kritik am Sozialismus &#8211; letztlich nur dem politischen Gegner n\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist auch der Grund, weshalb in der DDR die Rockmusik, die im Westen oft schon nicht mehr richtig ernst genommen wurde, f\u00fcr die Jugend im Sozialismus so unwiderstehlich war. Da gab es das alles: tief sitzendes Leid und himmelhoch jauchzende Euphorie, ohne Angst, etwas falsch zu machen oder jemandem nicht \u201egerecht\u201c zu werden. Christa Wolf macht es recht. Christa Wolf rockt nicht. Es ist keine Frage des Alters. Herta M\u00fcller rockt schon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen ohne Freiheit, ihre Individualit\u00e4t auszuleben, haben wir auch an anderen Stellen in der Welt der DDR getroffen. Das war normal. Im Roman <i>Der fremde Freund. Drachenblut<\/i> von Christoph Hein fragt sich der Held, was eigentlich ein \u201epers\u00f6nliches\u201c Geschenk sein soll, ob es das \u00fcberhaupt gibt. Egal. Es geht auch so. Der sozialistische Einheitsmensch ist \u201eohne Eigenschaften\u201c, \u201eohne besondere Kennzeichen\u201c, er ist vor allem Tr\u00e4ger von einer Idee, Individualit\u00e4t gibt es da nur als unerw\u00fcnschte Abweichung. Nicht etwa als Bereicherung. Die Literatur strebt nicht nach Kunst, sondern nach Konsens. Sie ist nicht umgetrieben von der Suche nach Wahrheit, sondern von der Suche nach dem Mittelweg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stopp! Okay &#8230; ich muss aufpassen, ich will nicht ungerecht werden, ich wei\u00df selber, warum mich dieses DDR-feeling nerv\u00f6s macht. Ich f\u00fcrchte, dass wir dabei sind, uns unter der Dunstglocke der polischen Korrektheit eine ebenso betreute und \u00fcberwachte Kulturlandschaft zu erschaffen &#8211; als DDR 2.0.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immerhin: Ich habe mir ihr Buch allein schon wegen der Lieder-Liste besorgt, und ich habe darin ein Zitat gefunden, das ich gerne weitersage:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eFalsche Empfindungen kann man bedauern, vielleicht sogar verfluchen, aber nicht zensieren oder \u00e4ndern. Jedenfalls dauert es Jahre, Jahrzehnte, ehe eine ehemals falsche Empfindung nur noch falsch und keine Empfindung mehr ist. Und vielleicht hei\u00dft eben das sich ver\u00e4ndern. Aber man kann seine falschen Empfindungen nat\u00fcrlich auch h\u00e4tscheln.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christa Wolf ist gestorben. Ich habe sie noch bei einer Lesung im Literarischen Colloquium am Wannsee erlebt. 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