{"id":4368,"date":"2021-01-06T20:55:12","date_gmt":"2021-01-06T19:55:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=4368"},"modified":"2021-04-12T00:52:38","modified_gmt":"2021-04-11T22:52:38","slug":"the-killing-of-jordan-b-peterson-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=4368","title":{"rendered":"The Killing of Jordan B. Peterson, Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4369\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-scaled.jpg 2560w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-2048x1536.jpg 2048w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-150x113.jpg 150w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2018-01-19-20.02.35-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele, viele Stunden habe ich schon mit Jordan Peterson verbracht: Er bei mir im Laptop, ich bei mir in der K\u00fcche. Ich m\u00f6chte nicht sagen, dass ich ein Fan bin, weil das l\u00e4cherlich klingt. Es ist ernst. Seine Art, die Welt zu sehen, bedeutet mir viel. Ich habe kleine Vortr\u00e4ge \u00fcber ihn gehalten, Beitr\u00e4ge geschrieben, habe ihn live erlebt und finde immer wieder \u2013 obwohl meine Peterson-Phase nun schon Jahre anh\u00e4lt \u2013 neue Anregungen in seinen Videos.<\/p>\n<p>Nun gibt es sein neues Buch auf Deutsch. O weh &#8230; schon der fl\u00fcchtige Blick auf das Cover entt\u00e4uscht: Der deutsche Titel lautet\u00a0<u><a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/12-Rules-For-Life\/Jordan-B-Peterson\/Goldmann\/e551561.rhd\">\u201e12 Rules For Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt\u201c<\/a><\/u>.\u00a0Warum kann man \u201e12 Rules For Life\u201c nicht \u00fcbersetzen? So schwer ist es nicht. Mein Vorschlag: 12 Lebensregeln. Und wieso hei\u00dft es im Untertitel \u201eOrdnung und Struktur\u201c? Reicht \u201eOrdnung\u201c nicht? Gibt es etwa einen Unterschied zwischen Ordnung und Struktur, den man in diesem Zusammenhang beachten muss, oder ist das nur pseudo-intellektuelles Getue, damit es irgendwie kompliziert wirkt?<\/p>\n<p>Was soll \u201eStruktur\u201c an der Stelle? Struktur ist ein \u00fcberstrapaziertes Angeber-Wort, das Ankl\u00e4nge an \u201estrukturelle Benachteiligung\u201c und \u201estrukturelle Gewalt\u201c mit sich bringt und mehr im Unklaren l\u00e4sst, als erkl\u00e4rt. Es geh\u00f6rt da nicht hin. Ich vermute stark, dass es zu den Begriffen geh\u00f6rt, die Peterson, der sehr penibel in seiner Wortwahl ist und eine ganze Liste von Begriffen hat, die er meidet, \u201eStruktur\u201c ebenfalls unpassend und st\u00f6rend finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im Original hei\u00dft das Buch:\u00a0<em>12 Rules For Life. An Antidote To Chaos.\u00a0<\/em>Damit sollen 12 Regeln dem Chaos gegen\u00fcbergestellt werden. Wenn man das Buch kennt, wei\u00df man, dass es um zwei Pole geht, die sich gegen\u00fcberliegen und dennoch aufeinander bezogen sind, wie in dem daoistischen Symbol von Yin und Yang. Die Gegen\u00fcberstellung wird durch das englische \u201e<em>antidote<\/em>\u201c ausgedr\u00fcckt. Im Deutschen steht sich nichts gegen\u00fcber, da haben wir stattdessen diese seltsame Doppelpackung \u201eOrdnung und Struktur\u201c, die wie eine Mogelpackung daherkommt und irgendwie in eine chaotische Welt eingebettet ist.<\/p>\n<p>Klar sind die Begriffe jedenfalls nicht. Das passt nicht zu Peterson. Die Ungenauigkeit, die zur Geschw\u00e4tzigkeit und letztlich zum Chaos f\u00fchrt, hat sich damit schon im Untertitel als bestimmende Kraft durchgesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Every cigarette kills<\/h1>\n<p>Dann folgt ein schlimmer Satz. Gleich vorne auf dem Umschlag: \u201eDieses Buch ver\u00e4ndert Ihr Leben!\u201c\u00a0\u201eEvery cigarette kills\u201c. So war es auf Zigarettenpackungen in Australien zu lesen \u2013 lang ist es her, es muss 1998 gewesen sein, als ich down under war. Es kam mir albern und \u00fcbertrieben vor. Jede Zigarette? Immer? M\u00fcssten dann nicht l\u00e4ngst alle Einwohner Australiens ausgerottet sein?<\/p>\n<p>Bei uns hie\u00df es zun\u00e4chst \u201eRauchen kann t\u00f6dlich sein\u201c, nun steht da: \u201eRauchen ist t\u00f6dlich\u201c. Kann man das so sagen? T\u00f6dlich f\u00fcr jeden? Sofort? Aus der M\u00f6glichkeit wurde unbemerkt die Tats\u00e4chlichkeit. Inzwischen ist auch aus der Formel, dass jeder Mann ein \u201epotenzieller Vergewaltiger\u201c sei, die Behauptung \u201eAlle M\u00e4nner sind Vergewaltiger\u201c geworden. Sie k\u00f6nnten es nicht nur sein, sie sind es. Auch die netten.<\/p>\n<p>Es gibt Ratgeberb\u00fccher, die Hilfestellungen anbieten, die eventuell angenommen werden. Es gibt Lekt\u00fcre, die uns gef\u00e4llt, vielleicht sehr gef\u00e4llt. Von manchen B\u00fcchern sagt man, dass sie dem einen oder anderen Leser geholfen h\u00e4tten, sein Leben zu verbessern, es zu \u00e4ndern. Dieser Leser w\u00e4re dann allerdings auch der Einzige, der so etwas verk\u00fcnden d\u00fcrfte. Und es w\u00e4re dann eine Aussage, die mehr \u00fcber diesen Leser als \u00fcber das Buch aussagt. Ein Buch wirkt auf jeden anders.<\/p>\n<p>Es gab mal eine Werbung f\u00fcr eine Seife, die von sich behauptete, dass sie auf jeder Haut einen anderen Duft entfalte. So ist das bei B\u00fcchern. Jedenfalls so \u00e4hnlich. Sie wirken nicht auf jeden in der gleichen Art. Deshalb gilt das Buch als das Massenmedium des Individuums. Darin liegt seine St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Wenn ein Leser sagt, dass ihm ein Buch gefallen habe, dann ist das f\u00fcr andere Leser uninteressant; die Wahrscheinlichkeit, dass es einem anderen ebenso gef\u00e4llt, ist gering. Es sei denn, die beiden kennen sich \u2013 und kennen sich gut. Der ber\u00fchmte Satz von Jean Paul, dass ein Buch ein langer Brief an Freunde ist, trifft es gut. Der Satz ber\u00fccksichtigt die Eigenheit des Einzelnen und den besonderen Charme der Vertrautheit, den B\u00fccher haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn es dagegen hei\u00dft: \u201eDieses Buch gef\u00e4llt allen\u201c oder \u201eDieses Buch wird Ihnen gefallen\u201c, bin ich verstimmt und denke: Wer sagt das? Kennt der mich \u00fcberhaupt? Ist es ein Freund von mir oder jemand, der mich betuppen will und dem ich nicht vertrauen sollte? Ich will nicht in dieser Art angesprochen werden. Auch wenn ich gesiezt werde, habe ich den Eindruck, dass ich hier \u00fcbervorteilt werden soll. Ich f\u00fchle mich nicht ernst genommen.<\/p>\n<p>Das liegt schon daran, dass unklar bleibt, wer spricht, mit welcher Berechtigung er das tut und wer eigentlich angesprochen werden soll. Die pers\u00f6nliche Aussage eines einzelnen Lesers \u00fcber ein Buch ist unerheblich. Es sei denn, wir kennen ihn. Wenn im Namen aller Leser gesprochen und \u00fcber sie verf\u00fcgt wird, handelt es sich um einen Betrugsversuch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Fehlstart mit einer L\u00fcge<\/h1>\n<p>Es gibt B\u00fccher \u2013 zumindest eines f\u00e4llt mir ein \u2013, da finden wir die Aufforderung, das Leben zu \u00e4ndern, ausdr\u00fccklich im Titel formuliert: \u201eDu musst dein Leben \u00e4ndern\u201c von Peter Sloterdijk. Der Titel ist ein Zitat von Rilke. K\u00f6nnte man nun \u00fcber dieses Buch, das \u00fcbrigens empfehlenswert ist, sagen, dass es tats\u00e4chlich unser Leben ver\u00e4ndert? K\u00f6nnten wir uns vorstellen, dass das Buch im Untertitel hei\u00dft: \u201eDieses Buch ver\u00e4ndert Ihr Leben!\u201c?<\/p>\n<p>Nein.<\/p>\n<p>Vorne auf der deutschen Ausgabe von Jordan B. Petersons \u201eWeltbestseller\u201c steht es aber. Da hei\u00dft es tats\u00e4chlich an der Stelle, an der es im Original hei\u00dft:\u00a0<em>\u201eOne oft he most important thinkers to emerge on the world stage for many years. THE SPECTATOR\u201c\u00a0<\/em>auf Deutsch: \u201eDieses Buch ver\u00e4ndert Ihr Leben!\u201c<\/p>\n<p>Ein Fehlstart.<\/p>\n<p>Was stimmt hier nicht? Wir fassen damit das Buch an der falschen Stelle an. An der Stelle, an der im Original, wie es angemessen und sinnvoll ist, eine f\u00fcr den Leser interessante Aussage \u00fcber den Autor (<em>\u201eOne oft he most important thinkers \u2026\u201c<\/em>) zitiert und belegt wird, steht in der deutschen Ausgabe eine unbelegte und unwahrhaftige Aussage eines namenlosen Handelsvertreters \u00fcber die Wunderwirkung des Buches, von der wir alle wissen, dass es die gar nicht geben kann. Der Spruch ist eine L\u00fcge. Jordan Peterson wird uns als Quacksalber angepriesen.<\/p>\n<p>Die wichtigste Regel in seinem Buch \u2013 um das gleich zu verraten \u2013 ist, die Wahrheit zu sagen, zumindest nicht zu l\u00fcgen. Dazu geh\u00f6rt eine besondere Achtsamkeit gegen\u00fcber der Sprache. Das w\u00e4re zumindest ein guter Anfang, der ganz im Sinne Petersons w\u00e4re: Wir k\u00f6nnten uns abgew\u00f6hnen, Sachen zu sagen, die man so nicht sagen sollte, weil sie auch so nicht stimmen. Das ist es, was Peterson uns sagen will. Die Bewerbung seines Buches f\u00fcr den deutschen Markt verst\u00f6\u00dft von Anfang an dagegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Wer sagt was? Wer \u00e4ndert was?<\/h1>\n<p>Schauen wir mal, wie\u00a0<u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nassim_Nicholas_Taleb\">Nassim Nicholas Taleb<\/a><\/u>\u00a0beworben wird. Da hei\u00dft es: \u201e\u201aTaleb hat meinen Blick auf die Welt ver\u00e4ndert.&#8216; Daniel Kahneman\u201c. Hier fand auch eine Ver\u00e4nderung statt. Bei wem? Bei einem namentlich genannten einzelnen Leser, einem Leser von Rang, bei dem Nobelpreistr\u00e4ger Daniel Kahneman, der dem Satz Golddeckung verliehen hat, so dass ihn andere interessierte Leser ernst nehmen k\u00f6nnen. Die Ver\u00e4nderung, von der Kahneman spricht, ist au\u00dferdem wohldosiert: Ver\u00e4ndert hat sich sein Blick auf die Welt, nicht sein ganzes Leben.<\/p>\n<p>Wenn man es noch genauer fassen will, m\u00fcsste man sagen, dass Kahneman die Ver\u00e4nderung nicht nur zugelassen, sondern willentlich selbst herbeigef\u00fchrt hat, und ihm die B\u00fccher von Taleb dabei eine Hilfe waren. So ist es richtig.<\/p>\n<p>Eine Person \u2013 es muss ja nicht gleich ein Nobelpreistr\u00e4ger sein \u2013, die von sich sagen k\u00f6nnte, dass Petersons Buch ihr Leben ver\u00e4ndert h\u00e4tte und sie es deshalb anderen empfehle, gibt es nicht. Es kann so eine Person auch nicht geben. Wer Peterson gelesen hat, w\u00fcrde anschlie\u00dfend nicht mehr so daherreden. Wer Peterson verstanden hat, wei\u00df, dass Ver\u00e4nderungen durch eine freiwillige \u00dcbernahme von Verantwortung f\u00fcr das eigene Leben erfolgen und dass man sie nicht anderen verabreichen kann.<\/p>\n<p>\u201eDieses Buch ver\u00e4ndert Ihr Leben!\u201c Der Satz ist nicht nur in der Sache falsch \u2013 mega-falsch, besser gesagt \u2013, er steht auch im falschen Kontext. Stellen wir uns einen Hausbesetzer vor, der sich in die Belle Etage eingeschlichen hat, keine Miete zahlt und laute Musik spielt, auf dass das ganze Haus wackelt. So ist der Satz.<\/p>\n<p>Verr\u00e4terisch sind die fehlenden G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen, die an der Stelle nicht fehlen d\u00fcrften, denn sie weisen einen Satz als Zitat aus und versichern, dass es einen Urheber gibt; einen, der die Verantwortung \u00fcbernimmt, der \u2013 mit Taleb gesprochen \u2013\u00a0selber\u00a0<em>skin in the game\u00a0<\/em>hat und f\u00fcr sein Wort einsteht. F\u00fcr so jemanden ist ein Platz in der Hierarchie des Covers reserviert.<\/p>\n<p>Auf einem Cover ist die Reihenfolge der Namensnennungen so wichtig wie beim Abspann eines Films. Wer da einen oberen Platz einnimmt, beansprucht durch seine Position eine wichtige Rolle beim Auftritt des Buches. Der Satz \u201eDieses Buch ver\u00e4ndert Ihr Leben!\u201c steht, um das noch einmal zu unterstreichen, nicht etwa auf einer abnehmbaren Banderole, nicht auf einem Beiblatt, sondern vorne drauf, als w\u00fcrde er zum Titel geh\u00f6ren oder w\u00e4re ein wichtiges Zitat.<\/p>\n<p>Das Verschweigen von Urheberschaft und Zust\u00e4ndigkeit bedeutet zugleich eine Vertuschung von Machtstrukturen. Erwischt! Nun habe ich selber \u201eStrukturen\u201c erw\u00e4hnt, was nicht n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, ich h\u00e4tte auch \u201eMachtverh\u00e4ltnisse\u201c sagen k\u00f6nnen oder einfach nur \u201eMacht\u201c.<\/p>\n<p>Peterson wird ein Bein gestellt. Schon bei seinem ersten Schritt in Deutschland muss er stolpern. Er ist mit seiner Forderung \u201eSpeak the truth!\u201c international bekannt geworden als F\u00fcrsprecher der freien Rede. In Deutschland wird er bekannt als jemand, dem man eine L\u00fcge auf das Cover gedruckt hat.\u00a0Eine L\u00fcge, die es in der Originalausgabe nicht gibt. Es handelt sich um eine deutsche Besonderheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Viele kleine L\u00fcgen schaffen ein gro\u00dfes totalit\u00e4res System<\/h1>\n<p>Der Mensch hat nicht nur ein Sprachverm\u00f6gen \u2013 was schon erstaunlich genug ist: Wenn man Kinder beobachtet, die sich Sprache aneignen, dann ist das immer wieder wunderbar \u2013, wir haben dar\u00fcber hinaus auch eine moralische Empfindlichkeit und ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die L\u00fcge.<\/p>\n<p>Die ist sozusagen serienm\u00e4\u00dfig bei uns eingebaut. Wir sp\u00fcren, wenn wir uns selbst und zugleich alle anderen mit unserer Ausdrucksweise betr\u00fcgen und uns was in die Hosen- oder Handtasche l\u00fcgen. Wir sind l\u00e4ngst nicht so unaufmerksam und abgebr\u00fcht, wie uns nachgesagt wird. Wir bemerken einen Schwindel. Jeder merkt, dass da was faul ist und dass man so nicht reden sollte: \u201eRauchen ist t\u00f6dlich\u201c, \u201eAlle M\u00e4nner sind Vergewaltiger\u201c, \u201eDieses Buch ver\u00e4ndert Ihr Leben!\u201c Wir f\u00fchlen uns nicht wohl im Umfeld solcher Spr\u00fcche. Da tickt eine innere Alarmanlage.<\/p>\n<p>Die grandiose Sprache ist ein b\u00f6sartiger Virus, der sich immer weiter ausbreitet und uns in die Epoche eines neuen Totalitarismus begleitet, \u00fcber die wir im Nachhinein sagen werden: \u201eWir haben alle gelogen. Jeder ein bisschen. Und wir haben es gewusst.\u201c So haben es V\u00e1clav Havel und Alexander Solschenizyn r\u00fcckblickend zusammengefasst. B\u00fccher aus meinem Regal \u00fcber das Leben unter dem Hakenkreuz haben beispielsweise Titel wie \u201eBetrug war alles, Lug und Schein \u2026\u201c oder \u201eLebensl\u00fcge Hitler-Jugend\u201c. Alles L\u00fcge. Alle haben mitgemacht.<\/p>\n<p>Die Gef\u00e4hrlichkeit der L\u00fcge liegt in der Verallgemeinerung, sie liegt in dem Fehlen von Zwischent\u00f6nen und Mittellagen und damit auch in dem Fehlen von Kompromiss- und Friedensm\u00f6glichkeiten. Die Abstufungen sind jedoch entscheidend. Totalit\u00e4re Systeme bauen sich Schritt-f\u00fcr-Schritt-f\u00fcr-Schritt auf, durch kleine und kleinste Grenz\u00fcberschreitungen, die st\u00e4ndig nachverhandelt werden. Als klinischer Psychologe wei\u00df Peterson, dass man ebenfalls kleine Schritte unternehmen muss, um da wieder raus zu kommen. Daher sind seine Ratschl\u00e4ge einerseits weitschweifig theoretisch begr\u00fcndet, andererseits praktisch umsetzbar und wirken auf den ersten Blick banal \u2013 wie etwa die Tipps, das Zimmer aufzur\u00e4umen oder Katzen zu streicheln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Literarischer Hochleistungssport<\/h1>\n<p>Die genaue Wortwahl ist wichtig. An seinem ersten Buch\u00a0<em>Maps Of Meaning<\/em>, das inzwischen auf Deutsch unter dem Titel \u201eWarum wir denken, was wir denken\u201c erh\u00e4ltlich ist, hat Peterson f\u00fcnfzehn Jahre gearbeitet. Er hatte sich dazu eine Disziplin auferlegt, die er von Hemingway \u00fcbernommen hatte \u2013 fr\u00fch aufstehen, schreiben, schreiben, schreiben, mindestens drei Stunden lang, t\u00e4glich, keine Ablenkungen dulden \u2013, nur dass Peterson bei der Gelegenheit auch noch darauf verzichtet hat zu rauchen und zu trinken. Er hat jeden Satz f\u00fcnfzig Mal \u00fcberarbeitet.<\/p>\n<p>Eine Interviewpartnerin hatte sich davon schwer beeindruckt gezeigt und mochte es kaum glauben: Oha, ganze f\u00fcnfzehn Mal h\u00e4tte er also seine S\u00e4tze \u00fcberarbeitet \u2026 Peterson unterbrach sie sofort: Er habe gesagt f\u00fcnfzig Mal, nicht f\u00fcnfzehn. Bei seinem zweiten Buch seien es allerdings weniger Durchg\u00e4nge gewesen.<\/p>\n<p>Von Hemingway hei\u00dft es, er h\u00e4tte \u201eDer alte Mann und das Meer\u201c vierzig Mal umgeschrieben; allein die erste Seite h\u00e4tte er 140 Mal abgetippt. Die \u00fcber tausend Seiten von \u201aKrieg und Frieden\u2018 wurden sieben Mal in voller L\u00e4nge\u00a0abgeschrieben. Von Hand. Das ist Literatur als Hochleistungssport f\u00fcr Langstreckenl\u00e4ufer. Das gilt auch f\u00fcr\u00a0<u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haruki_Murakami\">Haruki Murakami<\/a><\/u>. So ist Petersons Stil entstanden, sein Sound. Peterson ist gut trainiert. Er ist in Form. Er kann druckreif reden. Bei Interviews muss man ihn nur antippen, dann legt er los wie eine Sektflasche, die man gerade entkorkt hat. Auch das hat er lange ge\u00fcbt. Sonst k\u00f6nnten seine Vortr\u00e4ge nicht so spektakul\u00e4r sein.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte so eine unscharfe Doppelung wie \u201eOrdnung und Struktur\u201c nicht durchgehen lassen, schon gar nicht an so prominenter Stelle wie im Untertitel. Er h\u00e4tte sich auch einen Satz wie \u201eDieses Buch ver\u00e4ndert Ihr Leben!\u201c nicht verziehen, zumal er eine Bevormundung und Kollektivierung der Leserschaft enth\u00e4lt, die ihm zuwider ist. Da bin ich sicher, nach all dem, was ich von ihm gelesen und geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Vladimir Nabokov hatte einst die gesamte erste italienische Auflage von \u201eLolita\u201c einstampfen lassen, weil er mit Nuancen in der \u00dcbersetzung nicht einverstanden war.<\/p>\n<p>Wie ist die \u00dcbersetzung bei Peterson? Nicht schlecht. Dachte ich erst. Ich war zun\u00e4chst sogar angetan von Formulierungen wie \u201eDas geht gar nicht\u201c, weil es mir so vorkam, als wolle man absichtlich hin zu einem l\u00e4ssigen und weg von einem akademischen Stil. Doch irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe das Buch weggelegt und die Stellen mit dem Original verglichen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber schreibe ich morgen\u00a0im zweiten Teil, damit nicht zu viel auf einen Schlag kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele, viele Stunden habe ich schon mit Jordan Peterson verbracht: Er bei mir im Laptop, ich bei mir in der K\u00fcche. Ich m\u00f6chte nicht sagen, dass ich ein Fan bin, weil das l\u00e4cherlich klingt. Es ist ernst. Seine Art, die Welt zu sehen, bedeutet mir viel. Ich habe kleine Vortr\u00e4ge \u00fcber ihn gehalten, [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"qubely_global_settings":"","qubely_interactions":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4368","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jordan-peterson","odd"],"acf":[],"qubely_featured_image_url":null,"qubely_author":{"display_name":"Bernhard Lassahn","author_link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?author=1"},"qubely_comment":0,"qubely_category":"<a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?cat=1\" rel=\"category\">Jordan Peterson<\/a>","qubely_excerpt":"&nbsp; Viele, viele Stunden habe ich schon mit Jordan Peterson verbracht: Er bei mir im Laptop, ich bei mir in der K\u00fcche. Ich m\u00f6chte nicht sagen, dass ich ein Fan bin, weil das l\u00e4cherlich klingt. Es ist ernst. Seine Art, die Welt zu sehen, bedeutet mir viel. Ich habe kleine Vortr\u00e4ge \u00fcber ihn gehalten, [...]","jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4368","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4368"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4368\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}