{"id":484,"date":"2014-04-24T00:51:29","date_gmt":"2014-04-23T22:51:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=484"},"modified":"2014-08-28T16:49:20","modified_gmt":"2014-08-28T14:49:20","slug":"das-geheimnis-von-urs-widmer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=484","title":{"rendered":"Das Geheimnis von Urs Widmer"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal brauche ich ein bisschen l\u00e4nger. Andere haben wom\u00f6glich ihre Nachrufe schon in der Schublade und warten nur noch auf die Todesmeldung. Ich nicht. Meine kleine Trauerpostkarte kommt also ein wenig versp\u00e4tet. Ich bin geknickt und \u2013 ehrlich gesagt \u2013 fasse ich es immer noch nicht. Bei Urs Widmer habe ich \u00fcberhaupt nicht damit gerechnet, dass er jemals stirbt.<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klingt jetzt so, als s\u00e4he ich in ihm den ewig jungen Schriftsteller, der gerade angefangen hat zu schreiben und als h\u00e4tte ich ein Verh\u00e4ltnis zu ihm wie zu den Eltern, von denen man auch irgendwie annimmt, dass sie niemals sterben. So ist es auch. Es kommt noch etwas hinzu. Ich kenne sein Geheimnis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe tats\u00e4chlich seine fr\u00fchen Sachen gelesen, alle. Ich habe gesammelt, was ich kriegen konnte. Er war wirklich ein junger Autor, weil er nicht so schrieb wie einer, der schon mit der Welt fertig ist. Im Gegenteil! Er hatte eine \u201eunschuldige\u201c, eine \u201enaive\u201c, eine \u201eeinfachen\u201c Art. Ihm konnte ich mich getrost anvertrauen, ihn wollte ich gerne auf seiner \u201aForschungsreise\u2019 (so der Titel eines seiner B\u00fccher) begleiten. Er war ein neugieriger, f\u00fcr \u00dcberraschungen offener Begleiter bei einer Reise, die gerade erst losging.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er geh\u00f6rte zu meinen ernsthaften Vorbildern aus dem richtigen Leben. Ich habe mir oft im Stillen gesagt: So will ich einmal werden, wenn ich gro\u00df bin. Nach den \u201agelben M\u00e4nnern\u2019 habe ich gleich die \u201alila K\u00fche\u2019 geschrieben \u2013 es kommt mir heute jedenfalls so vor. Wenn ich in seinen B\u00fccher las, war es immer auch ein Aperitif zum Schreiben. Er hat einem Lust und Laune gemacht. Lust auf Literatur. Lust auf das Leben. Lust auf mehr. Er geh\u00f6rte zu den wenigen Autoren, die man nicht nur bewundert, sondern gern hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Club Voltaire habe ich Anfang der achtziger Jahre kleine Konzerte von Folks\u00e4ngern und Liedermachern organisiert. Die Lesung, die ich mit Urs Widmer plante, war einer der ersten \u2013 m\u00f6glicherweise sogar die erste \u2013 Veranstaltung ohne Musik und ohne Politik drumherum. Ich hatte dazu Geld besorgt vom Deutsch-Amerikanischen-Institut, die den als links geltenden Club Voltaire nicht direkt unterst\u00fctzen konnten, aber einen Zuschuss gew\u00e4hren wollten, wenn es so aussah, als w\u00e4re er f\u00fcr Gitarrenkurse. Ich kam mir ungeheuer schlau vor und dachte, dass ich nun die Irrwege der Politik durchschaut h\u00e4tte. So lief das also. Ich hatte jedenfalls Geld besorgt und ein Zimmer im Hotel Hospiz in der Altstadt reserviert. Dann habe ich in einer Nachtaktion zusammen mit einer Freundin, die mich verwundert und auch ein wenig mitleidig dabei beobachtete, den B\u00fchnenbereich mit Plakaten neu tapeziert. Extra f\u00fcr ihn. Ich dachte: vielleicht n\u00fctzt es irgendwie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Tag der Lesung sprach mich ein freundlicher Schweizer auf der Stra\u00dfe an (T\u00fcbingen ist nun mal klein) und fragte, wo dieses merkw\u00fcrdige Hospiz w\u00e4re, das er f\u00fcr irgendeine christliche Einrichtung hielt. Da war er also. Es war die erste Begegnung. Die letzte war bei den zehnten Literatur-Tagen in Lauf an der Pegnitz. Adolf Muschg war gekommen, Inge und Walter Jens, Eva Menasse, Thomas Brussig, Norbert Bl\u00fcm, Stoppok &#8230; und eben auch Urs Widmer, der jedenfalls in meinen Augen nicht etwa \u201eimmer noch der Alte\u201c, sondern \u201eimmer noch der Junge\u201c geblieben war. Als wir uns in der Hotelbar zun\u00e4chst ein wenig \u00fcber unsere Kinder unterhalten hatten, verriet er mir sein Geheimnis: Er hatte Mick Jagger ber\u00fchrt. Er war allerdings nicht sicher, ob es wirklich Mick Jagger oder ein anderer von den Rolling Stones war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht dass er bei einem ihrer Konzerte gewesen w\u00e4re. Sie kamen zu ihm. Er lebte damals in Frankfurt und sa\u00df noch sp\u00e4t in einer Pizzeria, die gerade dicht machte, als die Rolling Stones kamen. Eigentlich h\u00e4tte die Pizzeria leer sein sollen, aber wenn da noch einer drin sa\u00df, dann sa\u00df halt noch einer drin. In Berlin kann einem so etwas auch passieren. Mit Politikern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urs Widmer wollte kein Autogramm. Ich bin auch nicht sicher, ob er \u00fcberhaupt in der Lage gewesen w\u00e4re, einen Song der Rolling Stones von einem anderen zu unterscheiden. F\u00fcr ihn waren das nicht Musiker, die er bewunderte, sondern Fabelwesen, moderne Heilige mit magischen Kr\u00e4ften. Also hat er beim Herausgehen darauf geachtet, sie zu ber\u00fchren. Wie beim Handauflegen. Nur dass in dem Fall die Wirkung nicht von einem Wunderheiler auf einen Kranken, sondern von Mick Jagger (oder von dem, den er f\u00fcr Mick Jagger hielt) auf ihn \u00fcbergehen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich nicht so, dass Urs Widmer wirklich an so ein Mirakel geglaubt h\u00e4tte und meinte, damit w\u00e4re er ein geheilter, ein besserer \u2013 wom\u00f6glich unsterblicher \u2013 Mensch geworden. Doch er mochte es auch nicht ausschlie\u00dfen, er wollte einfach mal ausprobieren, ob man mit den G\u00f6ttern oder Halbg\u00f6ttern nicht doch irgendwie in Kontakt treten und mit ihnen verhandeln k\u00f6nnte. Wenn nicht, dann w\u00e4re es auch nicht so schlimm. Er hat es sowieso nur aus Spa\u00df gemacht. Den Rolling Stones hat es jedenfalls nicht wehgetan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es hat gewirkt. Die Wirkung zeigte sich allein schon in dem selbstironischen L\u00e4cheln, mit denen er solche Geschichten erz\u00e4hlt. So hat er auch seine B\u00fccher geschrieben. Sie lachen \u2013 besser gesagt: sie schmunzeln \u2013 einen an. In ihnen ruht eine stille Heiterkeit, eine Gelassenheit, die es sonst in der neuen Literatur nicht (oder fast gar nicht) gibt (zumal in der deutschen nicht). Da herrscht aufgesetzte Ernsthaftigkeit und D\u00fcsternis, da sind humorferne Finsterlinge an Werkt, die angestrengt versuchen, sich im Negativen zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo bleibt das Positive? Das hatte man schon Erich K\u00e4stner gefragt. Wei\u00df der Teufel, wo es bleibt, hatte der geantwortet und uns damit auf die falsche Spur geschickt: Der Teufel wei\u00df es n\u00e4mlich auch nicht, und selbst wenn er es w\u00fcsste, w\u00fcrde er es uns nicht verraten. Extra nicht. Nur um uns zu \u00e4rgern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo m\u00fcssten wir denn nach dem Positiven suchen?<\/p>\n<p>In der Haltung, die ein Autor einnimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Klar, es gibt Ungl\u00fcck. Urs Widmer, der das auch wei\u00df, schreibt davon, wie er das \u201eGef\u00e4ngnis\u201c seines \u201eDaseins\u201c verfluchte; ja, er \u201e &#8230; f\u00fchlte zwei drei Male jene Schreie der Sinne, die das Fl\u00fcstern des Herzens und des Hirns \u00fcbert\u00f6nen\u201c. Davon wei\u00df er also auch ein Klagelied zu singen, und er war, genau so wie wir das aus unserem Leben kennen, \u201ezuweilen auch nur schlechter Laune.\u201c Doch er hat nicht darin gebadet. Er schreibt, dass diese schlechte Laune \u201edas einzige ist, was ich mir \u00fcbelnehme, denn die schlechte Laune ist der Todfeind der Poesie.\u201c Bei ihm triumphiert die Poesie. Die Kraft dazu stammt vielleicht von den Rolling Stones. Vielleicht auch nicht. Ich glaube eher nicht, ich glaube, er hatte einen ungew\u00f6hnlich gro\u00dfen Vorrat an Bordmitteln. Er h\u00e4tte sogar seinerseits die Rolling Stones zu ein paar guten Liedzeilen und einem weniger verbissenen Auftreten inspirieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Motto, das er der Erz\u00e4hlung \u201aLiebesnacht\u2019 vorangestellt hat, stammt von Maurice Ravel. Es h\u00e4tte auch von ihm selber sein k\u00f6nnen. Es ist sein Geheimnis: \u201eIch glaube fest, dass die Freude viel fruchtbarer als das Leiden ist.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal brauche ich ein bisschen l\u00e4nger. Andere haben wom\u00f6glich ihre Nachrufe schon in der Schublade und warten nur noch auf die Todesmeldung. Ich nicht. Meine kleine Trauerpostkarte kommt also ein wenig versp\u00e4tet. Ich bin geknickt und \u2013 ehrlich gesagt \u2013 fasse ich es immer noch nicht. 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