{"id":564,"date":"2014-09-30T02:31:09","date_gmt":"2014-09-30T00:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=564"},"modified":"2020-12-17T17:59:30","modified_gmt":"2020-12-17T16:59:30","slug":"anders-die-zerstoerung-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=564","title":{"rendered":"Das Ungen\u00fcgen der Anschauung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Geschichte des G\u00fcnther-Anders-Lesebuches, das nun unter dem Titel &#8218;Die Zerst\u00f6rung unserer Zukunft&#8216; neu erschienen ist, beginnt 1977 in Hiroshima, wo ich sah, dass ich nichts sah &#8211; oder besser gesagt: nicht genug sah.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIn Europa ist alles so gro\u00df, so gro\u00df, und in Japan ist alles so klein &#8230;\u201c, so klang das Lied in mir nach. Das Mahnmal wirkte unangemessen klein, so r\u00fchrend. Es war geschm\u00fcckt mit bunten, aus Papier gefalteten Friedenszeichen, Mahnungen, Gebeten, Meditationen, Gr\u00fc\u00dfen. Es sah aus wie ein Kindergeburtstag, der aus irgendeinem Grund ganz furchtbar traurig war.<\/p>\n<p>Es war so unspektakul\u00e4r. Das Museum, das an den Atombombenabwurf erinnerte, kam mir vor wie eine einzige hilflose Geste. Da waren Schauk\u00e4sten, die von \u00dcberlebenden gestaltet waren, die zeigten Figuren wie aus einem Wachsfigurenkabinett, die eine Puppe durch eine Feuerkulisse trugen, mit Kleidern, die ihnen in Fetzen herunterhingen. In dem Liederbuch mit \u201aSongs of Hiroshima\u2019 hatten Kinder geschrieben: \u201eGive back my father. Give back myself.\u201c Ich guckte mir alles an und kaufte mir an B\u00fcchern und Brosch\u00fcren alles, was ich kriegen konnte, um das in Ruhe nachzulesen und dann vielleicht zu verstehen. Es sollte noch lange nachwirken und dazu f\u00fchren, dass ich Jahre sp\u00e4ter die B\u00fccher von G\u00fcnther Anders lesen und ein Lesebuch mit seinen Texten herausgeben sollte.<\/p>\n<p>Wir hatten Tr\u00e4nen in den Augen. Auch bei unseren japanischen Begleitern glitzerte es hinter der Brille. Jeder schrieb still Postkarten mit einfachen S\u00e4tzen, als h\u00e4tte sich der Stil der Hiroshima-Lieder \u00fcbertragen. Wir wollten dringend etwas loswerden, das wir immer schon mal gesagt haben wollten, doch bisher hatten wir jede Gelegenheit verstreichen lassen: \u201eNie wieder Krieg!\u201c Meine Eltern schrieben an ehemalige Nachbarn und Verwandte aus der DDR; ich an Kommilitonen. Meine Mutter erz\u00e4hlte von der Zerst\u00f6rung von Zerbst, als Napalm eingesetzt wurde und Menschen auf die Gr\u00f6\u00dfe einer Puppe zusammenschmolzen. Da war ich noch nicht geboren. Und was ich hier zu sehen kriegte, zeigte mir das Leiden eines Krieges, das ich nicht unterscheiden konnte von dem Leiden, das speziell durch eine Atombombe ausgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Meine Wahrnehmung hatte einen merkw\u00fcrdig doppelten Boden. Ich sah etwas. Ich fasste es an. Ich trank Wein aus der Region &#8211; und gleichzeitig dachte ich, dass das alles nicht sein kann, dass es unwirklich ist. Hiroshima m\u00fcsste doch auf ewig verstrahlt sein, die Gegend ein einziges Sperrgebiet, das man nicht betreten darf. So eine Vorstellung hatte ich von den Meldungen \u00fcber Atomversuche, eine Strahlung, die \u201eheller als tausend Sonnen\u201c ist, verdirbt einen Ort f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Meine Anschauung passte nicht dazu. Wieso konnte ich hier frei herumlaufen? In einer freundlichen Stadt voll junger Menschen. Man sah keine Kriegsfolgen \u2013 nicht so wie etwa in Berlin. Das lag wohl daran, dass St\u00e4dte in Japan sowieso irgendwie provisorisch wirken. Und selbst wenn man Folgesch\u00e4den nicht sehen kann, hei\u00dft es nicht, dass sie nicht gibt.<\/p>\n<p>Dann erwischte es mich doch, ungekannte Angstgef\u00fchle durchfluteten mich. Im Gedr\u00e4nge in der Stra\u00dfenbahn geriet ich in die N\u00e4he einer Frau, die so alt war, dass sie den Abwurf \u00fcberlebt haben k\u00f6nnte \u2013 falls sie von hier war. Ich wich ihr instinktiv aus. War sie verstrahlt? War das ansteckend? W\u00fcrde ich jetzt auch krank werden? Oder wurde ich langsam wunderlich? Ich versuchte, eine Ber\u00fchrung \u2013 und sei sie noch so fl\u00fcchtig \u2013 auf jeden Fall zu vermeiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/peace.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-658\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/peace.jpg\" alt=\"peace\" width=\"576\" height=\"288\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/peace.jpg 800w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/peace-300x150.jpg 300w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/peace-150x75.jpg 150w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/peace-400x200.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nagasaki liegt auf H\u00fcgeln verteilt, was die Wirkung der Bombe eingeschr\u00e4nkt hatte. Schon der Name \u201eNagasaki\u201c klingt nicht so dramatisch wie \u201eHiroshima\u201c. Das Ungl\u00fcck von Nagasaki liegt im Windschatten. G\u00fcnther Anders spricht in dem Zusammenhang von der \u201eSingularit\u00e4t von Nagasaki\u201c &#8211; in Anlehnung an die Singularit\u00e4t von Auschwitz, um hervorzuheben, dass die Massenvernichtung durch einen technischen Apparat auf einer neuen Stufe angekommen war: Die \u201eNotwendigkeit\u201c des Abwurfs begr\u00fcndete sich allein aus dem Wunsch, eine Bombe auf Plutonium-Basis &#8211; statt auf Neutronen-Basis wie in Hiroshima \u2013 auszuprobieren. Nagasaki ist eine Stadt mit s\u00fcdl\u00e4ndischem Flair. Eine Gedenkst\u00e4tte gab es da auch \u2013 die lie\u00df ich aus. Von Folgesch\u00e4den des Krieges und eines Atombombenabwurfes war f\u00fcr einen durchreisenden Touristen nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Ich schlief im Krankenhaus. Nicht weil ich mich pl\u00f6tzlich unwohl gef\u00fchlt h\u00e4tte, es lag einfach daran, dass meine japanischen Freunde praktisch veranlagt waren und eine besonders g\u00fcnstige \u00dcbernachtung organisiert hatten \u2013 wann hat man schon mal ein Bett mit Sauerstoffanschluss?! Der Service w\u00fcrde dann eben an anderer Stelle besser sein. Eine der Nonnen, die da arbeiteten, kam aus dem M\u00fcnsterland und erz\u00e4hlte am n\u00e4chsten Morgen von ihren \u00dcberlegungen und ihrer Antwort auf die Frage, die sie sich oft gestellt hat: Warum ausgerechnet Nagasaki? Da lebten doch so viele Christen. Ihre Antwort: Ein Christ ist besser auf den Tod vorbereitet.<\/p>\n<p>Und ich dachte, es w\u00e4re umgekehrt \u2013 wenn man schon verallgemeinert, dann w\u00e4re meine Vorstellung, dass Japaner gelassen mit dem Tod umgehen, die sitzen doch st\u00e4ndig auf dem Pulverfass und trotzen den Naturgewalten, den vier Monstern: Vulkanausbr\u00fcchen, Taifunen, \u00dcberschwemmungen, Erdbeben. Ich sagte nichts, ich hatte eine andere Frage: Wieso war das Krankenhaus unterbelegt? Wo waren all die Kranken, die an den Langzeitsch\u00e4den litten? Gab es f\u00fcr diese Kranken etwa gesonderte Lazarette? Oder wurden die in ihren H\u00e4usern versorgt? Oder gab es die nicht?<\/p>\n<p>Anschauung reicht nicht. Stichproben aus der Wirklichkeit geben kein g\u00fcltiges Bild. Erfahrung macht dumm. Man sieht nicht mal das, was man wei\u00df. Da muss noch etwas hinzukommen. Es reicht nicht, vor Ort zu sein, Notizen zu machen und zu gucken.<\/p>\n<p>Die Unmittelbarkeit t\u00e4uscht. Also wagen wir einen Blick hinter die Kulissen des Sichtbaren und begeben wir uns in die Welt der Abstraktion, die allerdings auch ihre T\u00fccken hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geschichte des G\u00fcnther-Anders-Lesebuches, das nun unter dem Titel &#8218;Die Zerst\u00f6rung unserer Zukunft&#8216; neu erschienen ist, beginnt 1977 in Hiroshima, wo ich sah, dass ich nichts sah &#8211; oder besser gesagt: nicht genug sah.<\/p>\n<p>\u201eIn Europa ist alles so gro\u00df, so gro\u00df, und in Japan ist alles so klein &#8230;\u201c, so klang das Lied [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"qubely_global_settings":"","qubely_interactions":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[41,20],"tags":[],"class_list":["post-564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anders-die-zerstoerung-unserer-zukunft-das-buch","category-buecher","odd"],"acf":[],"qubely_featured_image_url":null,"qubely_author":{"display_name":"Bernhard Lassahn","author_link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?author=1"},"qubely_comment":0,"qubely_category":"<a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?cat=41\" rel=\"category\">Das Ungen\u00fcgen der Anschauung<\/a> <a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?cat=20\" rel=\"category\">B\u00fccher<\/a>","qubely_excerpt":"&nbsp; Die Geschichte des G\u00fcnther-Anders-Lesebuches, das nun unter dem Titel &#8218;Die Zerst\u00f6rung unserer Zukunft&#8216; neu erschienen ist, beginnt 1977 in Hiroshima, wo ich sah, dass ich nichts sah &#8211; oder besser gesagt: nicht genug sah. \u201eIn Europa ist alles so gro\u00df, so gro\u00df, und in Japan ist alles so klein &#8230;\u201c, so klang das Lied&hellip;","jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=564"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}