{"id":598,"date":"2014-09-26T18:51:00","date_gmt":"2014-09-26T16:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=598"},"modified":"2020-12-17T18:04:33","modified_gmt":"2020-12-17T17:04:33","slug":"anders-die-haende-in-unschuld-waschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=598","title":{"rendered":"Die H\u00e4nde in Unschuld waschen"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Die H\u00e4nde in Unschuld waschen<\/strong><\/h3>\n<p>Der Philosoph G\u00fcnther Anders, der eigentlich Stern hei\u00dft, wurde bekannt durch den Briefwechsel mit Claude Eatherly. Darin erkl\u00e4rt er dem so genannten Wetter-Piloten, der in Hiroshima vorangeflogen war und \u201enur\u201c das Signal zum Abwurf geben musste, was er damit angerichtet hatte, und dass sein Leiden \u2013 Eatherly war inzwischen in einem Sanatorium \u2013 eine menschliche Regung war, die ihn auszeichnet. Anders wollte ihn f\u00fcr die Anti-Atom-Bewegung gewinnen, der Eatherly dann auch symbolisch voranfliegen sollte. In dem Briefwechsel \u201aOff limits f\u00fcr das Gewissen\u2019 erkl\u00e4rt er ihm in einfachen Worten die philosophische Dimension der Bombe.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war das eine Erleichterung. Ein Gl\u00fcck. In G\u00fcnther Anders hatte ich eine Vertrauensperson gefunden, der mir meine Eindr\u00fccke von Hiroshima erkl\u00e4ren konnte, und ich hatte einen gro\u00dfartigen Schriftsteller entdeckt. Das gilt nicht so sehr f\u00fcr erz\u00e4hlende Texte wie \u201aKosmologische Humoreske\u2019 oder den \u201aHungermarsch\u2019, er glaubt sogar selber, dass f\u00fcr das Schreiben von Prosa eine gewisse \u201eUnterbegabung\u201c erforderlich ist; seine St\u00e4rke liegt in der Sprachbetrachtung. Darin ist er hochbegabt: Es gelingt ihm, in die Worte \u201ehinein zu horchen\u201c, wie er es nennt, und eine Sprachkritik, die in diesem Fall nicht \u2013 wie sonst \u2013 konservativ ist, in den Dienst seines Engagements f\u00fcr den Frieden zu stellen und auch philosophisch nicht gebildete Leser mit sprachlichen Hilfsmitteln auszustatten, zu verbl\u00fcffen und zu erfreuen. Man k\u00f6nnte gut ein kleines W\u00f6rterbuch mit G\u00fcnter-Anders-Stichworten herausbringen, man h\u00e4tte dann einen Werkzeugkasten griffbereit und k\u00f6nnte bei vielen schief laufenden Diskussionen sofort die notwendigen Reparaturen vornehmen.<\/p>\n<p>Er spricht etwa von der \u201eApokalypse-Blindheit\u201c, mit der wir geschlagen sind, denn wir sehen nicht die Gefahr, in der wir stehen; und er ermutigt uns zum \u201eMut zur Angst\u201c. Die Impulse, die uns erreichen, wirken nicht etwa \u201eunterschwellig\u201c \u2013 das w\u00e4re so, wenn sie zu klein w\u00e4ren, um eine sp\u00fcrbare Wirkung zu erzielen -, vielmehr sind sie \u201e\u00fcberschwellig\u201c, also zu gro\u00df. Mit solchen Verschiebungen in den Dimensionen k\u00f6nnen wir nicht umgehen. Arbeiter, die in einer Waffenfabrik bei beschwingter Musik arbeitsteilig irgendwelche Handgriffe erledigen, sind f\u00fcr ihn \u201eLustm\u00f6rder\u201c \u2013 schlie\u00dflich haben sie Spa\u00df bei dem, was sie tun \u2013 auch wenn sie die Effekte ihres Tuns nicht \u00fcberblicken. So erkl\u00e4rt er unsere Defizite aus den Produktionsbedingungen, denn \u201ewir stellen mehr her als vor.\u201c Diese Differenz ist sein Thema. Um die Kluft zu \u00fcberwinden, m\u00fcssten wir verst\u00e4rkt die Fantasie anstrengen.<\/p>\n<p>Dem g\u00e4ngigen Begriff der \u201eEntfremdung\u201c stellt er die \u201eVerbiederung\u201c entgegen, die skandal\u00f6sen Verkleinerung, der unsere Medien folgen, die uns ein Bild der Welt liefern, das auf neue Art verlogen ist und eine falsche Vertrautheit herstellt: Sie zeigen uns etwa den Pr\u00e4sidenten im Kreis der Familie vor dem Kamin. Und immer sind es die Medien, die mit \u201edem Duzen anfangen\u201c. Man findet bei ihm \u2013 besonders in den B\u00e4nden \u201aDie Antiquiertheit des Menschen\u2019 \u2013 erstaunliche Abhandlungen \u00fcber Spielautomaten, \u00fcber unsere \u201eIkonomanie\u201c (Bildsucht) und unserer Unterlegenheitsgef\u00fchl gegen\u00fcber Popstars, die noch tiefer als wir in die vermeintlich \u201eh\u00f6here Sph\u00e4re der Serienprodukte\u201c eingedrungen sind, und wir finden immer wieder Wortsch\u00f6pfungen wie \u201eDingpsychologie\u201c oder \u201enegative Protzerei\u201c.<\/p>\n<p>Von ihm stammt der Titel \u201aHiroshima ist \u00fcberall\u2019, der dann \u00fcbernommen und abgewandelt wurde zu \u201eGorleben ist \u00fcberall\u201c, \u201eSeveso ist \u00fcberall\u201c, und nun zu \u201eFukushima ist \u00fcberall\u201c. Nach dem St\u00f6rfall in Three Mile Island gab es den Song \u201aEverbody Lives In Pennsylvania\u2019, dem dieselbe Idee zugrunde liegt: Es geht uns alle an, es handelt sich bei der atomaren Gefahr um ein weltweites Problem.<\/p>\n<p>Damals sprach noch niemand von Globalisierung. Es ging auch so. Bei ihm kommt der Blick auf die Totale einerseits aus dem philosophischen Vokabular und der damit verbundenen universellen Perspektive, andererseits aus den unmittelbaren Reaktionen auf die Atomversuche, die 1962 einen kritischen H\u00f6hepunkt erreicht hatten. Er bezeichnete diese Versuche nicht etwa als \u201eTests\u201c, sondern zutreffend als \u201eErnstf\u00e4lle\u201c. Er hatte die Vorstellung, dass atomare Wolken um die Welt ziehen, wie es auch in dem Protestsong \u201aWhat Have They Done To The Rain\u2019 besungen wird.<\/p>\n<p>Er glaubte nicht an eine \u201efriedliche Nutzung\u201c von Atomenergie \u2013 er traute dem Frieden nicht. Er sah die Gefahr in einem atomaren Schlagabtausch; er steckte noch im Denken der verfeindeten Bl\u00f6cke und hat den Zusammenbruch des Sozialismus nicht mehr erlebt. Er f\u00fcrchtete ein letztes Gefecht, einen Atom-Krieg, der leichtfertig \u2013 oder versehentlich \u2013 ausgel\u00f6st wird und dann eine Dynamik entfaltet, die in der Logik der Technik selber liegt und zwangsl\u00e4ufig zur Apokalypse f\u00fchrt, die wir uns grunds\u00e4tzlich nicht vorstellen k\u00f6nnen, weil wir uns \u201edas Nichts nicht vorstellen k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p>Man hat ihm vorgeworfen, dass er Fehler gemacht hat und beispielsweise die Wirkung des Fallouts ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzt h\u00e4tte. Ich fand, dass er das durfte. Er war kein Naturwissenschaftler, er war Philosoph \u2013 und hatte trotzdem Recht. Die Kritik kam mir kleinlich vor. Was sind schon Zahlen?! Er gab uns mit seinen Beschreibungen eine notwendige Erg\u00e4nzung zu den Texten der Technokraten. F\u00fcr die hatte er auch ein passendes Wort: die \u201eblutigen Experten\u201c.<\/p>\n<p>Damit stellt er \u2013 typisch f\u00fcr ihn \u2013 die Redensart von den \u201eblutigen Laien\u201c auf den Kopf. Das hat mir gefallen \u2013 dennoch: Ein Laie wird damit nicht entschuldigt, auch er kann weiterhin Blut an seinen H\u00e4nden haben und mit seinen St\u00fcmpereien Sch\u00e4den anrichten. Und ein Experte war G\u00fcnther Anders in gewisser Weise auch, er sah sich, wie er in den Tageb\u00fcchern schreibt, zugeh\u00f6rig zu einer \u201eAvantgarde des Leidens\u201c.<\/p>\n<p>Er war umstritten \u2013 zumal er im Alter immer radikaler wurde und eine Gewalt-Diskussion aufflackern lie\u00df, die im Buch: \u201aG\u00fcnther Anders. Gewalt Ja oder Nein. Eine notwendige Diskussion\u2019 dokumentiert wird. Er w\u00e4rmte noch mal den Spruch \u201eMacht kaputt, was euch kaputt macht\u201c auf und spekulierte in seinen \u201aKetzereien\u2019 dar\u00fcber, ob ein gezieltes Attentat auf Ronald Reagan moralisch gerechtfertigt ist.<\/p>\n<p>Damit hatte ich keine Probleme \u2013 ich dachte: Man wird ja wohl mal fragen d\u00fcrfen. Probleme hatte ich mit dem erw\u00e4hnten Motto \u201eMut zur Angst\u201c. Doch das kam erst zeitversetzt, nach und nach. Ich hatte ihn so verehrt, dass ich kaum Einw\u00e4nde zugelassen h\u00e4tte. Das h\u00e4tte mir nicht zugestanden, von einer kritischen Auseinandersetzung war ich weit entfernt. Als wir noch gut miteinander waren, hat er mich \u2013 scherzhaft nat\u00fcrlich \u2013 als seinen \u201ePropagandaminister\u201c bezeichnet, ich geh\u00f6rte in seinen Augen wohl zu der jungen Generation, deren Aufbegehren er mit Wohlwollen sah. Er glaubte an den Fortschritt. Die Erfindung der Atombombe lie\u00df sich sowieso nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Er setzte auf neue, subversive Kr\u00e4fte wie zum Beispiel Hacker. Und auf die neue Protestbewegung.<\/p>\n<p>So wenig ich damals Helmut Kohl sch\u00e4tzte, so musste ich doch zugestehen, dass an dem Spruch \u201eAngst ist ein schlechter Ratgeber\u201c \u2013 der sowieso nicht von ihm stammt \u2013 etwas dran ist. Angst rettet uns nicht. So wie G\u00fcnther Anders sagt \u201eHunger reicht nicht, um Hunger darzustellen\u201c, so kann man auch sagen: Angst reicht nicht, um Angst zu \u00fcberwinden. Angst kann zu Panikreaktionen f\u00fchren, zu einer Vollbremsung auf Glatteis.<\/p>\n<p>Er selber hatte keine. Nicht nur dass er mutige Thesen wagte, seine ,Vita activa\u2019 (um einen Titel seiner Ehefrau Hannah Ahrend zu zitieren) f\u00fchrte ihn zu einem \u201aBesuch im Hades\u2019 (\u201aAuschwitz und Breslau 1966. Nach \u201eHolocaust\u201c 1979\u2019) \u2013 in anderen Worten: Er sah sich den Schrecken aus der N\u00e4he an. Er geh\u00f6rte nicht zu denen, die weggucken und die Augen schlie\u00dfen, wenn es gruselig wird.<\/p>\n<p>In seiner Fabel \u201aDer Blick vom Turm\u2019 beschreibt er eine Frau, die hinunterschauend einen Unfall beobachtet, bei dem ihr Kind zu Tode kommt. Sie weigert sich nun, vom Turm herabzusteigen; denn unten w\u00e4re sie \u201everzweifelt\u201c. Doch was \u201ephantomhaft\u201c bleibt, \u00e4ngstigt umso mehr und vergr\u00f6\u00dfert das Ungl\u00fcck. So fragt sich der Leser: Sollte sie nicht auch den \u201eMut zur Angst\u201c haben? Und die Angst \u00fcberwinden, indem sie sich das aus der N\u00e4he ansieht?<\/p>\n<p>Angst ist nicht das Ziel. So ist das Motto nicht gemeint. Was aber kommt nach der Angst?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die H\u00e4nde in Unschuld waschen <\/p>\n<p>Der Philosoph G\u00fcnther Anders, der eigentlich Stern hei\u00dft, wurde bekannt durch den Briefwechsel mit Claude Eatherly. Darin erkl\u00e4rt er dem so genannten Wetter-Piloten, der in Hiroshima vorangeflogen war und \u201enur\u201c das Signal zum Abwurf geben musste, was er damit angerichtet hatte, und dass sein Leiden \u2013 Eatherly war inzwischen in [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"qubely_global_settings":"","qubely_interactions":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[40],"tags":[],"class_list":["post-598","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anders-die-haende-in-unschuld-waschen","odd"],"acf":[],"qubely_featured_image_url":null,"qubely_author":{"display_name":"Bernhard Lassahn","author_link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?author=1"},"qubely_comment":0,"qubely_category":"<a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?cat=40\" rel=\"category\">Die H\u00e4nde in Unschuld waschen<\/a>","qubely_excerpt":"Die H\u00e4nde in Unschuld waschen Der Philosoph G\u00fcnther Anders, der eigentlich Stern hei\u00dft, wurde bekannt durch den Briefwechsel mit Claude Eatherly. Darin erkl\u00e4rt er dem so genannten Wetter-Piloten, der in Hiroshima vorangeflogen war und \u201enur\u201c das Signal zum Abwurf geben musste, was er damit angerichtet hatte, und dass sein Leiden \u2013 Eatherly war inzwischen in&hellip;","jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=598"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/598\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}