{"id":60,"date":"2014-02-24T20:49:10","date_gmt":"2014-02-24T19:49:10","guid":{"rendered":"http:\/\/bernhard-lassahn.de\/BERNHARD-LASSAHN\/?p=60"},"modified":"2015-10-17T00:36:47","modified_gmt":"2015-10-16T22:36:47","slug":"3-artikel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=60","title":{"rendered":"Vietnam: Der Traum vom Frieden"},"content":{"rendered":"<p>Es schneit wie in einem Sch\u00fcttelglas, als ich nach Vietnam aufbreche. Ich habe sofort die Melodie von <i>I\u2019m dreaming of a white Christmas<\/i> vor meinem geistigen Ohr. Auch wenn Weihnachten schon vorbei ist, ich sp\u00fcre doch etwas von der frohen Erwartung eines Kindes vor dem Fest. Ich freue mich auf ein <i>White Christmas<\/i> in Vietnam.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/1winter.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-771\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/1winter-150x150.jpg\" alt=\"1winter\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit diesem Lied wurde der Krieg beendet. Es war das verabredete Geheimzeichen:<!--more--> Als st\u00e4ndig <i>White Christmas<\/i> im Soldatensender lief, wusste jeder GI, dass der Krieg vorbei ist, es war das Signal zum R\u00fcckzug. Es passte so gar nicht zum sonstigen Musikprogramm und zur gr\u00fcnen H\u00f6lle, in der die Soldaten steckten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-761\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/vvcrossing-150x150.jpg\" alt=\"vvcrossing\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Weihnachten wieder zu Hause zu sein, war ein Wunsch, der lange unerf\u00fcllt bleiben musste. Auch wenn sie zu Hause inst\u00e4ndig darum baten und immer dringlicher forderten: \u201eBring the boys home for Christmas.\u201c Der Traum, einen Frieden oder zumindest einen Waffenstillstand rechtzeitig zu Weihnachten zu erreichen, war ein Traum, der nur von einer Seite getr\u00e4umt wurde. Die andere Seite hatte wom\u00f6glich \u00e4hnliche Tr\u00e4ume, aber andere Termine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-772\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/2imersten-150x150.jpg\" alt=\"2imersten\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Im Ersten Weltkrieg gab es auch nur an der Westfront eine Waffenrufe. Da wurde Heilig Abend nicht geschossen, das musste nicht abgesprochen oder ausgehandelt werden, das war einfach so, da schwiegen die Waffen, als w\u00e4re das von einer h\u00f6heren Instanz angeordnet, so wie auch in Abtreibungskliniken an Weihnachten grunds\u00e4tzlich nicht gearbeitet wird. An der Ostfront dagegen wurde geschossen. Auch in Vietnam. Da wird nicht Weihnachten gefeiert, sondern das TET-Fest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-774\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/3dietet-150x150.jpg\" alt=\"3dietet\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Danach ist die ber\u00fchmte TET-Offensive benannt, die am 30. Januar 1968 startete, und zwar milit\u00e4risch ein Misserfolg war, bei dem die Kommunisten bis zu 100 000 Mann verloren, aber dennoch eine Wende brachte mit einer im wahrsten Sinne \u201ebrennenden Botschaft\u201c. Als live aus Saigon berichtet werden sollte, dass die Lage stabil ist, sah man im Hintergrund das Botschaftsgeb\u00e4ude brennen. Die Stimmung im Lande kippte. Damals war ich als Austauschsch\u00fcler in den USA und habe f\u00fcr die Soldaten gebetet und haben ihnen zur Aufmunterung und als Zeichen meiner Solidarit\u00e4t Kaugummis geschickt. In der Nachbarschaft von Hartford, Michigan lebte eine Familie, die, wie es hie\u00df, einen Sohn in Vietnam verloren hatten. Immer wenn wir in unserem Pontiac daran vorbeikamen, verstummten die Gespr\u00e4che und wir fuhren etwas langsamer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><iframe src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/0X4HzsiXyQk\" width=\"425\" height=\"350\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch ich geh\u00f6rte auch zur unruhigen und zur kritischen Jugend, auch wenn ich nicht durch die Stra\u00dfen lief und \u201eHo-, Ho-, Ho Chi Minh\u201c skandierte. Ich kaufte von meinem Geld, das ich auf der Obstplantage verdient hatte, die Platte von Simon and Garfunkel, auf der \u201aSilent Night\u2019 gesungen und eine Nachrichtenstimme im Hintergrund als provozierender Kontrast dazu immer lauter aufgedreht wurde. Zum Schluss hei\u00dft es, dass Nixon erkl\u00e4rt habe, dass die Opposition gegen den Vietnam-Krieg im eigenen Land zu den gef\u00e4hrlichsten Waffen geh\u00f6rte, die gegen die USA gerichtet sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-775\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/4einmalkam-150x150.jpg\" alt=\"4einmalkam\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Einmal kam ein Offizier zu uns in die Schulklasse, setzte sich l\u00e4ssig auf das Pult und erz\u00e4hlte, dass es in Wirklichkeit viel schlimmer sei als im Fernsehen. Es w\u00e4re ein verdammt harter Job, den es da zu erledigen g\u00e4be. Einmal dachte ich, er h\u00e4tte sich verplappert und Viet Cong und Viet Minh verwechselt, er musste selber zugeben, dass die Amerikaner nicht richtig zwischen Nordvietnamesen und S\u00fcdvietnamesen unterscheiden und sich kaum verst\u00e4ndigen konnten. Darauf kam es nicht an. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass die meisten Jungs am liebsten sofort mitgegangen w\u00e4ren, um den verdammt harten Job zu \u00fcbernehmen. Die Aussicht auf einen Heldentod schreckte sie nicht, sondern lockte sie. Ich wusste schon, wie sie redeten: \u201eSo what?!\u201c, sagten sie: Ich k\u00f6nnte auch morgen auf der Stra\u00dfe sterben. \u201eJust as well\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-776\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/5ichhatte-150x150.jpg\" alt=\"5ichhatte\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Ich habe Sergeant Barry Sadler gesehen \u2013 im Fernsehen, wie er in Unform auftrat und die Ballade von den Green Barretts sang. Am Ende des Liedes erh\u00e4lt die Ehefrau ein Schreiben, dass ihr Mann seinem Schicksal begegnet sei, sein letzter Wunsch ist es, seinen Sohn auch zu einem Elitesoldaten zu machen, zu einem von Amerikas Besten, zu einem der \u201efighting soldiers from the sky &#8230; they jump and die\u201c. Die Deutschen kannten das Lied nur von Freddy: \u201eHundert Mann und ein Befehl. Und ein Weg, den keiner will.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><iframe src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/m5WJJVSE_BE\" width=\"425\" height=\"350\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun war ich auf dem Weg nach Vietnam, das immer noch mit Schattenbildern aus meiner Jungend, mit Krieg, Hubschraubern, Protestsongs und Pazifismus verbunden ist. Ein Land, mit dem ich mich schicksalhaft verbunden f\u00fchle, auch wenn es nur ein d\u00fcnner Faden ist. \u201eVietnam\u201c war das Zauberwort meiner linken Vergangenheit, das Passwort zu einem kompletten Weltbild, in dem klar war, wer die Guten wer die B\u00f6sen sind. Auch als in den neunziger Jahren der Schlager <i>Ra-, Ra-, Rasputin<\/i> von Boney M im Radio lief, habe ich daraus noch weit entfernt \u201eHo-, Ho-, Ho Chi Minh\u201c herausgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><iframe src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/oyr7P8VCPDg\" width=\"425\" height=\"350\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-777\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/6hochi-150x150.jpg\" alt=\"6hochi\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Ho Chi Ming City, wie Saigon heute hei\u00dft, hat circa 12 Millionen Einwohner; man hat den Eindruck, dass sie alle im Moment anwesend sind und neben dir stehen. Gut wenn man auf dem Hinflug einen Platz am Gang hatte und sich schon daran gew\u00f6hnen konnte, st\u00e4ndig angeschubst zu werden, man wird auch in Vietnam st\u00e4ndig get\u00e4tschelt und angefasst, wie man es bei uns nur aus Talkshows mit Michel Friedmann kennt. Man muss sich auch schnell an gro\u00dfe Zahlen gew\u00f6hnen, der Geldautomat gibt h\u00f6chsten 2 Millionen Dong heraus (das sind etwa 77 Euro). Vietnam hat heute etwa 90 Millionen Einwohner, bei einer umgedrehten Bev\u00f6lkerungspyramide, es gibt fast keine alten Leute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-778\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/7siekaemen-150x150.jpg\" alt=\"7siekaemen\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Sie k\u00e4men auch nicht \u00fcber die Stra\u00dfe. Wie in Fischschw\u00e4rmen bewegen sich die Motorradfahrer in einem st\u00e4ndigen Strom. Sie sehen so jung aus, dass man sich besorgt fragt, ob die \u00fcberhaupt einen F\u00fchrerschein haben. Viele tragen einen Mundschutz, so dass es so wirkt, als h\u00e4tte man es mit einem Geschwader von Terroristen zu tun. Wenn man auf die andere Stra\u00dfenseite will, muss man einfach losgehen und sich der Gemeinschaft anvertrauen und jedem Motorradfahrer die Chance geben, knapp hinter dir vorbeizufahren. Hier gilt das Wort von Wolf Biermann \u201eWarte nicht auf bessre Zeiten\u201c; es ist aussichtslos, der Strom wird nicht nachlassen, alles flie\u00dft, das Leben ist jetzt. Man muss einfach los. Es bleibt einem sowieso nichts walter ulbricht, wie man fr\u00fcher in der DDR sagte. Wie man an den oft fehlenden R\u00fcckspiegeln erkennen kann, gilt hier auch die Parole von Bob Dylan \u201eDon\u2019t look back!\u201c Es geht nach vorne, es geht voran. Seit 2008 ist Vietnam Schwellenland, im Jahre 2020 wollen sie eine Industrienation sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-765\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/vvlampions-150x150.jpg\" alt=\"vvlampions\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Wenn man etwas vom Krieg sehen will, muss man in die Museen. Im Kriegsmuseum werden die Fotografen gew\u00fcrdigt, die mit ihrer Berichterstattung dazu beigetragen haben, dass die Stimmung kippte und zur gr\u00f6\u00dften Waffe gegen die USA wurde. Das Ho-Chi-Minh-Museum verzichtet auf schockierende Fotos, als w\u00fcrden sie den Ratschlag von Roland Barth befolgen, der sich gegen solche Darstellungen ausgesprochen hat und meinte, dass die Vorstellungen, die man sich in seinem Kopf macht, sowieso immer schlimmer sind als jedes Bild. Das Museum macht einen freundlichen Eindruck. Wir sehen Fotos von Freudenfesten, wir sehen den Dirigierstab von Dr. Ho-Chi-Minh, seine Reisschale, und eine Nachbildung des Schiffes, auf dem er als junger Mann nach New York ins Ungewisse aufbrach, um sich zun\u00e4chst als Kellner durchzuschlagen, sp\u00e4ter nach Frankreich ging und 1919 an der Friedenskonferenz von Versailles teilnahm. Er hatte bis zu 50 verschiedene Pseudonyme und er war zweimal verheiratet &#8211; was zun\u00e4chst geheim gehalten wurde. Man kann ihm sicher vieles nachsagen, aber nicht, dass er ein Freund der Chinesen gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-779\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/8seinegie-150x150.jpg\" alt=\"8seinegie\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Seine Gie\u00dfkanne ist ausgestellt. Die sieht man auch auf einem der alten Propaganda-Poster, die hier als Souvenir verkauft werden: Onkel Ho gie\u00dft eine Pflanze, die nur im S\u00fcden w\u00e4chst, die nun aber bis in den Norden hineinragen soll, damit zusammenw\u00e4chst, was zusammengeh\u00f6rt. Die Teilung des Landes war h\u00e4rter als in Deutschland. Verwandtenbesuche gab es gar nicht, Postkarten nur unter Aufsicht des Roten Kreuzes. Die Trennung war eine alte Wunde, die Vereinigung ein alter Traum. Die letzte nicht gerade gl\u00fcckreiche Kaiserdynastie wurde extra in Hu\u00e9, das etwa auf halbem Weg zwischen Hanoi und Saigon liegt, errichtet, um damit ein Zeichen zu setzen und eine bis dahin geltende Teilung zu \u00fcberwinden. Ho Chi Minh war \u2013 so kommt es mir jedenfalls vor \u2013 in erster Linie Patriot, er liebte sein Vietnam mit seiner eigenwilligen Kultur. In der Bildung \u2013 hier glaube ich der Propaganda \u2013 sah der \u201egro\u00dfe Lehrer\u201c eine M\u00f6glichkeit zum Aufstieg f\u00fcr die Armen, und so war er nicht kunst- und nicht intellektuellenfeindlich. Im Unterschied zu Diktatoren wie Pol Pot. Wom\u00f6glich war der Wunsch nach Unabh\u00e4ngigkeit, nach Frieden und Wiedervereinigung die eigentlich Sehnsucht der Vietnamesen, st\u00e4rker als der Traum von einer kommunistischen Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-766\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/vvmotorhanoi-150x150.jpg\" alt=\"vvmotorhanoi\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Der Wiedervereinigungszug f\u00e4hrt nun durch \u2013 von Saigon \u00fcber Hu\u00e9 nach Hanoi. Allein von Saigon nach Hu\u00e9 sind es tausend Kilometer. Wir wollen zum Bahnhof in der unberechtigten Hoffnung, dass wir uns da Karten reservieren k\u00f6nnen und in dem naiven Glauben, dass wir den Bahnhof zu Fu\u00df erreichen und leicht finden. Dabei waren wir vorbereitet und hatten die Stadtpl\u00e4ne aus dem Reisef\u00fchrer gerupft. Doch nun standen wir fu\u00dfm\u00fcde und ratlos mitten im Gewimmel der Motorr\u00e4der. Wir sahen nicht mal ein Hinweisschild. Man sagt ja gerne, dass man \u201enur Bahnhof versteht\u201c, aber wir verstanden nicht mal, worum wir nicht mal den Bahnhof finden konnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-780\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/9mankann-150x150.jpg\" alt=\"9mankann\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Man kann nicht vietnamesisch radebrechen. \u00c4hnlich wie im Chinesischen, wo verschiedene T\u00f6ne gebildet werden, werden hier die einsilbigen Worte so unterschiedlich betont, dass der Fremde nicht mitreden kann. Die Buchstaben kommen einem auf dem ersten Blick bekannt vor, aber es bleibt ein R\u00e4tsel, in welchem Verh\u00e4ltnis das geschriebene Wort zum gesprochenen steht. Die Schrift wirkt seltsam unaufger\u00e4umt, eine Vielzahl von Akzenten und Querstrichen verzieren die Buchstaben am unteren Ende, in der Mitte und vor allem oben, um klar zu machen, dass hier jeder noch so kleine Raum genutzt wird. Vielleicht soll damit auch auf die Vielf\u00e4ltigkeit des Lebens auf den D\u00e4chern, mit all den Leuchtreklamen, Pflanzen und dem Federvieh, das da oben lebt, hingewiesen werden. Wir h\u00e4tten uns noch besser vorbereiten k\u00f6nnen, schlie\u00dflich gibt es eine Internetseite, auf der alle Besonderheiten des Schienenverkehrs behandelt werden, und auf der zu lesen ist, dass man den Bahnhof in Saigon tats\u00e4chlich schwer findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-781\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/10cao-150x150.jpg\" alt=\"10cao\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Wir hatten es schlie\u00dflich doch geschafft und sahen uns in Hu\u00e9 die bunte Kirche der Cao-Daisten an, die Jesus verehren, Konfuzius, Buddha und Victor Hugo, mit dem sie durch Seancen Kontakt aufgenommen hatten. Das mag l\u00e4cherlich klingen, aber Anfang 1900 in der Gr\u00fcndungszeit der Cao Daisten, wurden \u00e4hnliche Versuche auch in Europa gemacht, auch wenn daraus keine Religion hervorging. Victor Hugo gilt nicht nur als gro\u00dfer Menschenfreund, sondern auch als Theoretiker in Gottesfragen, als Deist. Die Franzosen hatten ihn nach Vietnam gebracht. Au\u00dferdem den Kaffe, Wein, Baguette, Kohlrabi und anderes Gem\u00fcse, sowie die Guillotine, die von den Amerikanern f\u00fcr mobile Standgerichte weiterverwendet wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-767\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/vvstreet-150x150.jpg\" alt=\"vvstreet\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Das Ideal vom guten Menschen, das Cao Daisten gebietet, nicht zu l\u00fcgen und nicht zu t\u00f6ten, untersagt es ihnen nicht nur, Tiere zu t\u00f6ten und Fleisch zu essen, sondern auch, sich am Krieg zu beteiligen. Doch das hatten sie leider schon getan, als sie auf der Seite der Franzosen gegen Ho Chi Minh gek\u00e4mpft hatten, nun war es f\u00fcr eine aus dem Glauben begr\u00fcndete Neutralit\u00e4t zu sp\u00e4t. Sie wollten selber nicht t\u00f6ten, mussten aber f\u00fcrchten, nach dem Sieg der Kommunisten get\u00f6tet zu werden. So kam es auch. Es gibt eben keinen Mittelweg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-782\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/11wiehaetten-150x150.jpg\" alt=\"11wiehaetten\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Wie h\u00e4tten wir uns entschieden? Wir waren drei M\u00e4nner, die da auf den Treppenstufen der Kirche hockten. Alle drei Kriegsdienstverweigerer und Pazifisten. Einer von uns Franzose, er hatte einen kontrollierten Selbstmordversuch unternommen, um der Einberufung zu entgehen &#8211; gut vorbereitet, es standen vier vollgetankte Autos in Bereitschaft, damit sichergestellt war, dass er zur rechten Zeit, im richtigen Krankenhaus beim richtigen behandelnden Arzt ankommen w\u00fcrde, der eingeweiht war und ihn wieder ins Leben zur\u00fcckbrache. Der Ossi von uns, der obendrein den Dienst in der so genannten Spatentruppe verweigert hatte, wurde zu eineinhalb Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt, die aber, wie man wissen muss, als reine Erziehungsma\u00dfnahme gedacht waren, den Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee h\u00e4tte er danach trotzdem antreten m\u00fcssen, oder weiter im Gef\u00e4ngnis bleiben, oder aber sich f\u00fcr die Einsatz bei der Baikal-Amur-Magistrale verpflichten \u2013 wenn es nicht alles ganz anders gekommen w\u00e4re. Der dritte war ich, bei mir war es besch\u00e4mend einfach, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Tr\u00fcgerisch einfach. So l\u00e4sst es sich gut vom Frieden tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-783\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/12derlied-150x150.jpg\" alt=\"12derlied\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Der Liedermacher Trinh Cong Son musste jahrelang in ein Umerziehungslager. Er gilt als der Bob Dylan von Vietnam. Was ihn vor allem von Bob Dylan unterscheidet ist sein fehlender Weltruhm. Ganz abwegig ist die Zuschreibung jedoch nicht. Er hinterlie\u00df neben seinen Politsongs auch zahlreiche Liebeslieder und obendrein buddhistisch beeinflusste Kunstst\u00fcckchen \u00fcber das Schicksal und \u00fcber den Tod. Er war politisch, aber nicht politisch genug. Schon die Liebeslieder waren verd\u00e4chtig, die pazifistischen erst recht. Er hatte es sogar gewagt, den \u201eAmerikanischen Krieg\u201c als \u201eB\u00fcrgerkrieg\u201c zu bezeichnen, und so waren seine Lieder sowohl im Norden als auch im S\u00fcden verboten. Auch heute noch muss eine Veranstaltung, bei der seine Lieder pr\u00e4sentiert werden, von der Kulturpolizei genehmigt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-768\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/vvstreetbild-150x150.jpg\" alt=\"vvstreetbild\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Er wurde im Krankenhaus zum Liedermacher, er hatte einen Sportunfall, doch da bin ich nicht sicher. Wom\u00f6glich habe ich das nicht richtig verstanden, vielleicht hatte er sich auch selbst Verletzungen zugef\u00fcgt, um dem Krieg zu entgehen. Ich verstand von den Liedern auch nicht viel. Nur soviel, dass ich sagen kann, dass sie gut sind, sie sind anspruchsvoll und traurig. Es war gesteckt voll im \u201aSocial Club\u2019 in Hanoi, die meisten standen oder hockten auf dem Boden wie bei einer Kinderveranstaltung. Manche Lieder waren bekannt, manche hinterlie\u00dfen Stille. Es waren nur junge Leute da (jedenfalls kam ich mir alt vor); freundliche Vietnamesen, die den Krieg wahrscheinlich nur vom H\u00f6rensagen kannten und sich nun selbst und ihre Geschichte besser kennen lernen wollten. Anschlie\u00dfend wurde diskutiert, wie man das bei uns auch von politischen Veranstaltungen kennt, jedoch in einem ruhigen, angenehmen Ton, wie man ihn bei uns nicht kennt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-784\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/13vonden-150x150.jpg\" alt=\"13vonden\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Von den Texten, die nur zum Teil \u00fcbersetzt wurden, konnte ich nur Bruchst\u00fccke mitnehmen. Doch diese Bruchst\u00fccke sagten mir immerhin soviel, dass ich nicht sagen muss, dass ich nur \u201eBahnhof\u201c verstanden h\u00e4tte. Die Formulierung \u201eIch verstehe nur Bahnhof\u201c kommt \u00fcbrigens aus dem Ersten Weltkrieg. Mit \u201eBahnhof\u201c war der Befehl zum R\u00fcckzug gemeint. \u201eIch verstehe nur Bahnhof\u201c, wurde von Soldaten gesagt, die so verzweifelt waren, dass sie nur noch nach Hause wollten und damit ausdr\u00fcckten: Der einzige Befehl, den ich entgegennehme, m\u00fcsste lauten: \u201eBahnhof\u201c. Wenn man diese deutsche Sprachsch\u00f6pfung ins Englische \u00fcbersetzen wollte, k\u00f6nnte man vielleicht sagen: Sie hei\u00dft soviel wie: \u201eI am dreaming of a white Christmas.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-769\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/vvvogel-150x150.jpg\" alt=\"vvvogel\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es schneit wie in einem Sch\u00fcttelglas, als ich nach Vietnam aufbreche. Ich habe sofort die Melodie von I\u2019m dreaming of a white Christmas vor meinem geistigen Ohr. Auch wenn Weihnachten schon vorbei ist, ich sp\u00fcre doch etwas von der frohen Erwartung eines Kindes vor dem Fest. 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Ich freue mich auf ein White Christmas in Vietnam.&hellip;","jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=60"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/60\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=60"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=60"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=60"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}