{"id":603,"date":"2014-09-22T18:59:34","date_gmt":"2014-09-22T16:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=603"},"modified":"2020-12-17T18:09:03","modified_gmt":"2020-12-17T17:09:03","slug":"anders-mut-zur-angst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/?p=603","title":{"rendered":"Mut zur Angst"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Aber zur richtigen<\/strong><\/h3>\n<p>\u201aMut zur Angst\u2019 \u2013 so lautet eine ber\u00fchmte Formel von G\u00fcnther Anders.<\/p>\n<p>Die Gefahr der Vernichtung unserer Zukunft durch Atomwaffen ist so gro\u00df, dass wir es uns nicht leisten k\u00f6nnen, uns die vorzustellen. Deshalb tun wir es gar nicht erst. Die Gefahr ist \u00fcbergro\u00df. Die Impulse, die eine Angst bei uns ausl\u00f6sen und uns dazu bringen k\u00f6nnte, angemessen zu reagieren, sind nicht etwa \u201eunterschwellig\u201c, also zu klein, um wahrgenommen zu werden, sondern \u201e\u00fcberschwellig\u201c, also zu gro\u00df.<\/p>\n<p>So wird uns Zeitgenossen (er nennt es \u201eInternationale der Generationen\u201c) und uns \u201eRaumgenossen\u201c (dazu werden wir durch die Universalit\u00e4t der Bedrohung) der Mut zur Angst so schwer macht. Er spricht von \u201eApokalypse-Blindheit\u201c, von \u201eVerbiederung\u201c (sein Gegenentwurf zum Begriff \u201eEntfremdung\u201c), von falschen Begriffen wie \u201eAtomwaffe\u201c (er erkl\u00e4rt, warum man das nicht mehr als \u201eWaffe\u201c bezeichnen kann) und f\u00fchrt uns zu ontologischen Fragen und dem Problem, dass wir uns das Nichts nicht vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich hatte schon nach Fukushima etwas \u00fcber seine Texte geschrieben, die f\u00fcr meine \u201eWeltanschauung\u201c so eine bedeutende Rolle gespielt haben, noch eh ich ahnen konnte, dass das \u201aG\u00fcnther Anders Lesebuch\u2019 \u2013 fast zwanzig Jahre nach seinem Tod \u2013 noch mal aufgelegt werden w\u00fcrde und inzwischen unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Zerst%C3%B6rung-unserer-Zukunft-Lesebuch\/dp\/3257241666\/ref=sr_1_21?ie=UTF8&amp;qid=1310044237&amp;sr=8-21\"><strong>\u201aDie Zerst\u00f6rung unserer Zukunft\u2019<\/strong><\/a> neu erschienen ist.<\/p>\n<p>G\u00fcnther <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCnther_Anders\"><strong>Anders<\/strong><\/a> stand unter dem Eindruck von totalit\u00e4ren Systemen, er hatte noch die alten Propaganda- und Manipulationstechniken kennengelernt, war aber besonders interessiert an den neuen, den \u201el\u00fcgenhaften Formen der heutigen L\u00fcgen\u201c. So hat er zum Beispiel dar\u00fcber spekuliert, wie die Erfindung des Farbfernsehens einen sp\u00e4ten Wahlsieg von Richard Nixon erm\u00f6glicht und welche Bedeutung Spielautomaten f\u00fcr die Seele (er spricht tats\u00e4chlich von \u201eSeele\u201c) der Menschen hat.<\/p>\n<p>Er war ein besonderer Menschenversteher. Deswegen hat man ihn richtig gern und bewundert ihn nicht nur. Er war aber auch \u2013 das klingt jetzt etwas merkw\u00fcrdig \u2013 ein Maschinenversteher. Er dachte \u00fcber das \u201eWesen\u201c der Bombe nach, forderte eine \u201eDingpsychologie\u201c und thematisierte die \u201ePhantomisierung\u201c \u2013 bleiben wir doch mit unseren seelischen Konflikten nicht mehr unter uns im Kreise der realen Menschen. Wir befinden uns l\u00e4ngst im Kreis von realen Menschen gemischt mit Phantomen, die durch die \u201eSynchronisierung des Bildes mit dem Abgebildeten\u201c entstehen \u2013 er meint Fernsehbilder, die zunehmend unsere Gef\u00fchle beeinflussen. So berichtet er von echter Babyw\u00e4sche, die an die Sender geschickt wurde f\u00fcr fiktive Babys aus Vorabendserien. (Wer zuf\u00e4llig das Buch von Jonathan Schell \u201aDas Schicksal der Erde\u2019 kennt oder von Neil Postman \u201aWir am\u00fcsieren uns zu Tode\u2019 \u2013 da steht drin, was schon bei G\u00fcnther Anders zu lesen war).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-669\" src=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/stopneu.jpg\" alt=\"stopneu\" width=\"401\" height=\"147\" srcset=\"http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/stopneu.jpg 300w, http:\/\/www.bernhard-lassahn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/stopneu-150x55.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er stand ebenfalls unter dem Eindruck des hei\u00dfen und des kalten Krieges. Er sah allein schon in dem Umstand, dass sich Sozialismus und Kapitalismus im Wettbewerb gegen\u00fcberstehen, eine Niederlage des Sozialismus. Ich vermute, dass er sich den Zusammenbruch des Sozialismus nicht vorstellen konnte, auch nicht die Abr\u00fcstung und die Vernichtung von Atomwaffen (\u201e-waffen\u201c ist eigentlich falsch, s.o.).<\/p>\n<p>Er stand vor allem stark unter dem Eindruck der Atomtest \u2013 wobei er schon das Wort \u201eTest\u201c monierte (seine Sprachbetrachtungen sind eine Freude: Immer wieder \u201ehorcht\u201c er in die \u201eWorte hinein\u201c und bringt uns dazu, sie in neuem Licht zu sehen. Also: Es ist n\u00e4mlich kein \u201eTest\u201c, sondern ein \u201eErnstfall\u201c). Er war von der Unausweichlichkeit eines atomaren Schlagabtausches \u00fcberzeugt. Das w\u00e4re dann das \u201eletzte Gefecht\u201c.<\/p>\n<p>Es kam anders.<\/p>\n<p>Hiroshima war ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen. Als ich selber in Hiroshima war, war ich dankbar, dass ich durch ihn nicht mehr alleine war mit meinen Eindr\u00fccken. Und nun? K\u00f6nnen uns seine Texte auch Fukushima erkl\u00e4ren \u2013 den Wendepunkt unserer Energiepolitik? F\u00fchrt etwa eine direkte Linie von einem dieser japanischen Schreckensnamen zum anderen \u2013 ein Shinkansen von Hiroshima nach Fukushima? Zu seinen Lebzeiten h\u00e4tte man vermutlich die Frage (die man so nachtr\u00e4glich nat\u00fcrlich gar nicht stellen kann) mit Ja beantwortet. Seine Parole \u201aHiroshima ist \u00fcberall\u2019 wurde zu \u201aGorleben ist \u00fcberall\u2019 umgewandelt. Es gab auch \u201aSeveso ist \u00fcberall\u2019. Das war ganz in seinem Sinne. Damals hatte die \u201efriedliche\u201c Nutzung der Atomkraft noch den Hintergedanken, auch f\u00fcr den \u201eErnstfall\u201c n\u00fctzlich zu sein. Ein Gedanke, der weiterlebt in der Vorstellung, dass ein Atommeiler von Terroristen als Waffe der besonderen Art umfunktioniert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und wie steht es mit der Angst? Hat sich die ver\u00e4ndert seit 1959? Wie liest sich das Motto \u201aMut zur Angst\u2019 heute? Muss heute jemand besonders mutig sein, wenn er seine Angst zum Ausdruck bringen will? Haben wir es nicht vielmehr mit einem Konsens in Sachen Angst zu tun? Einem Gruppenzwang gar? Erfordert es heute nicht viel mehr Mut zu sagen: Ich teile die Angst nicht? Oder: Ich will erstmal die Berechtigung der Angst \u00fcberpr\u00fcfen?<\/p>\n<p>Was hat sich inzwischen ge\u00e4ndert? Die Gr\u00fcnen brachten uns als zweites, gleichwertiges Thema neben ihrem Anti-AKW-Fundamentalismus den Feminismus, den sie mit Quoten fest verankert haben, so dass in dieser Frage keine kritische Infragestellung mehr m\u00f6glich ist. Die 70er Jahre kannten sowohl die Parole \u201aAtomkraft Nein Danke\u2019 als auch den Spruch \u201aDie Zukunft ist weiblich\u2019. So kam es auch. Frauen geben heute den Ton an; sie sind einerseits gleich, andererseits anders. Sie bringen einen anderen Umgangston, soziale Kompetenzen, Empathie und letztlich den Frieden. Das kann man so sehen.<\/p>\n<p>Man kann es auch so sehen, dass Frauen ein Mehr an Angst mit sich gebracht haben. Ihre Geb\u00e4rf\u00e4higkeit macht sie schutzw\u00fcrdig \u2013 und liebensw\u00fcrdig! -, und das \u00e4ndert sich nicht pl\u00f6tzlich, wenn die Geburtenrate langsam sinkt. Die Themen der Frauen sind daher: Angst vor M\u00e4nnern (alle M\u00e4nner sind Gewaltt\u00e4ter), Angst vor Technik (Technik zerst\u00f6rt die Natur, die Natur ist weiblich und gut), Angst vor Ver\u00e4nderungen (am besten wird in der Verfassung festgeschrieben, dass sich nichts mehr \u00e4ndern darf). Angst ist der gemeinsame Nenner. Und so fordern sie: Sicherheiten, Sicherheiten, Sicherheiten; Schutz, Schutz, Schutz. Ihr Zentralorgan ist die Sensationspresse, die \u00c4ngste stets neu befeuert. Und ihre Politik f\u00f6rdert einen grundfalschen Umgang mit der Angst, wie er sich etwa an den Frauenparkpl\u00e4tzen zeigt, die Angst-Aufladestationen sind, und der Frau am Steuer das signalisieren, was die Klamauk-Gruppe \u201aErste Allgemeine Verunsicherung\u2019 so zusammengefasst hat: \u201eDas B\u00f6se ist immer und \u00fcberall\u201c.<\/p>\n<p>Frauen sind nicht gleich. Manche sind so \u00e4ngstlich, dass man ihnen tats\u00e4chlich empfehlen sollte, nur in Begleitung in die \u00d6ffentlichkeit zu gehen. Es gibt f\u00fcr solche F\u00e4lle aufblasbare Beifahrer-Puppen, die m\u00f6gliche Angreifer abschrecken. Anderen Frauen ist das alles nicht nur schnuppe \u2013 sie finden inzwischen das Theater um Frauenparkpl\u00e4tze und Schutzr\u00e4ume f\u00fcr Frauen nur noch peinlich. Doch da nun das Private politisch geworden ist, ist eine Norm entstanden. Ein Angst-Standard. Der wird weder den tats\u00e4chlichen Gef\u00fchlen der Frauen noch der tats\u00e4chlichen Bedrohung gerecht. Doch so wird eine diffuse Angst zementiert.<\/p>\n<p>Schon Jean Paul stelle fest, dass Frauen generell \u00e4ngstlicher sind. Er empfahl deshalb, dass sie sich nicht zu lange mit der Kindererziehung befassen sollten. Solange die Kleinen klein sind \u2013 klar. Je gr\u00f6\u00dfer sie werden, umso weniger tut ihnen eine Erziehung zur Angst gut. Zumal es eine Angst ist, die sich so auswirkt, dass sie die Frauen \u201eselbstiger\u201c macht \u2013 damit meinte er: selbstbezogen. Es gibt also verschiedene \u00c4ngste. Und die k\u00f6nnen in verschiedene Richtungen wirken.<\/p>\n<p>Effi Briest hat auch Angst. Es ist wom\u00f6glich ihre st\u00e4rkste Empfindung. Sie hat \u00c4ngste \u2013 um nur einige zu nennen \u2013 vor ihrem Mann, den sie noch nicht kennt; vor der \u201ewei\u00dfen Frau\u201c, die bei Nacht aus dem Bilderrahmen steigt und vor einem Chinesen, auch wenn der schon im Grab liegt. Sie hat allerdings auch eine gute Art, mit ihrer Angst umzugehen, selbst wenn das schreckliche Stichwort \u201eChinese\u201c f\u00e4llt: \u201eEffi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch Kraft genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe \u2026\u201c \u2013 Ja, sie fragt! Sie will es wissen \u2013 \u201e \u2026 Solange ich es nicht wei\u00df, bin ich, trotz aller guten Vors\u00e4tze, doch immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erz\u00e4hle mir das Wirkliche. Die Wirklichkeit kann mich nicht so qu\u00e4len wie meine Phantasie.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBravo!\u201c, sagt daraufhin ihr Mann, und \u201eBravo!\u201c m\u00f6chte man ihr noch nachtr\u00e4glich zurufen. Das war mutig, Effi. So sollte auch der \u201eMut zur Angst\u201c sein.<\/p>\n<p>G\u00fcnther Anders hat sich den Schrecken stets im Detail angesehen: Er reiste nach Hiroshima \u2013 sp\u00e4ter auch nach Auschwitz. Er wollte wissen, wie es da aussieht, auch wenn ihm klar war, dass die Anschauung nicht ausreicht, da half ihm dann seine \u201eGelegenheitsphilosophie\u201c weiter, mit der er mehr verstehen konnte, als man vor und hinter den Kulissen sieht. In der Fabel \u201aDer Blick vom Turm\u2019 erz\u00e4hlt er von einer Frau, die vom Turm herabblickend beobachtet, wie ihr Kind von einem Auto \u00fcberfahren wird. Es ist nur ein Spielzeugauto. Solange sie oben auf dem Turm bleibt. Sie will nicht herabsteigen; denn \u201eunten w\u00e4re sie verzweifelt\u201c. Sie bringt den Mut nicht auf.<\/p>\n<p>Wie steht es nun mit unserer Angst zum Stichwort \u201eFukushima\u201c? Versetzt uns die Erw\u00e4hnung des Namens auch einen Stich? Und wollen wir es wissen? Das Wirkliche? Fragen wir? Wollen wir wissen, wie gro\u00df der Schaden ist, vor dem wir uns f\u00fcrchten m\u00fcssen? Oder ziehen wir es vor, uns mit Phantasien zu qu\u00e4len?<\/p>\n<p>Als ich noch mal in dem Buch gebl\u00e4ttert habe, habe ich versucht mich zu erinnern: Gab es da nicht etwas \u00fcber den richtigen Umgang mit der Angst, wenn man soweit gekommen ist und den Mut aufgebracht hat, sie zuzulassen? Ja. Wenn wir unserer Angst \u201eerweitern\u201c sollen, dann nicht etwa die Art von Angst, die uns \u201eselbstiger\u201c macht, die dazu f\u00fchrt, dass wir darin baden und eine Selbstgerechtigkeit entfalten, die uns dazu verleitet, uns nicht nur f\u00fcr Gutmenschen, sondern sogar f\u00fcr Bessermenschen zu halten. \u201eFreilich mu\u00df diese, unsere Angst eine von ganz besonderer Art sein \u2026\u201c, schreibt er, \u201e \u2026 eine liebende Angst, die sich <em>um<\/em> die Welt \u00e4ngstigen soll, nicht nur <em>vor<\/em> dem, was uns zusto\u00dfen k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber zur richtigen <\/p>\n<p>\u201aMut zur Angst\u2019 \u2013 so lautet eine ber\u00fchmte Formel von G\u00fcnther Anders.<\/p>\n<p>Die Gefahr der Vernichtung unserer Zukunft durch Atomwaffen ist so gro\u00df, dass wir es uns nicht leisten k\u00f6nnen, uns die vorzustellen. Deshalb tun wir es gar nicht erst. Die Gefahr ist \u00fcbergro\u00df. 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