Günther Anders

Michael Schulte

 

Michael Schulte

„Ich freu mich schon auf die Hölle“

 

 

Michael Schulte ist am 20. Juni 2019 gestorben. In der „Zeit“ stand einst: „Über Michael Schulte brauchen wir nicht lange zu reden, ihn kennt jeder.“ Das stimmt nicht. Zwar hatte Michael Schulte zeitweise eine gewisse Bekanntheit, ich bin keinesfalls der einzige seiner hartnäckigen Leser – mir fallen aus alten Tagen noch Thommie Bayer und Thomas C. Breuer ein. Doch wir waren eine verschworene Minderheit. Wir fühlten uns wie Insider, die Zugang zu Geheimwissen hatten.

Michael Schulte war einer unserer lebenden Helden aus der Welt der Literatur, wie auch der (ebenfalls wegen seinem Humor unterschätze) Kurt Vonnegut, den Michael Schulte übersetzt hat. Das hat auch Harry Rowohlt getan. Beide waren nicht nur Vonnegut-Übersetzer, sie waren obendrein Vonnegut-Versteher, ja, sogar Vonnegut-Botschafter, und beide gehörten selber – wenn schon nicht zu den Schwergewichten so doch – zu den Mittelgewichten des Großen Humors.

 

„Der Humorist geht gleich dem Raubtier stets allein“

Was meine ich damit? Ich meine einen herzlichen Humor, der die Welt aus den Angeln hebt und uns einen Augenblick lang das Gefühl gibt, dass wir jederzeit auf Neustart gehen, noch einmal von vorne anfangen können – und dass alles auch ganz anders sein könnte. Es ist nicht nur irgendetwas falsch an den Zeitumständen, es ist eigentlich alles falsch. Die Welt passt nicht zu einem Humoristen, der – wie Sören Kierkegaard sagt – „stets allein geht“.

„Ein einsamer Cowboy, der durch Texas ritt und so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt war, dass er nicht auf den Weg achtete, fand sich plötzlich in einem Film wieder. Er blickte von der Leinwand in einen dicht besetzten Kinosaal. Offenbar handelte es sich um eine Pressevorführung, denn später sah er, wie ein Kritiker der New York Times folgende Bemerkung in seinen Notizblock schrieb: ‚Völlig unmotivierte Einführung einer neuen Hauptfigur.’“

Toll. Wir haben seine Bücher nicht nur bewundert, wir haben sie gern gehabt. Sie waren voller Übermut und Leichtsinn, sie machten Laune und ließen einen mit einem guten Gefühl zurück. Als wäre man frisch gebadet und könnte über den Zustand der Welt nur noch den Kopf schütteln. Seine Komik war eine Trumpfkarte, mit der man jede Bitterkeit ausstechen konnte. In der ‚Stuttgarter Zeitung‘ hieß es, dass man in den Büchern – es war sogar von einem „Schulte-Virus“ die Rede – „dem Glück begegnen“ könne.

„Ich will reich werden, möge es kosten, was es wolle. In Finnland bezahlt die Regierung, habe ich gehört, für jeden erlegten Wolf eine Prämie von ungerechnet 500 DM. Das wäre etwas – nach Finnland ziehen und heimlich eine Wolfszucht betreiben. Klein anfangen, an jedem Ersten im Monat seinen Wolf schießen und bei den entsprechenden Behörden abliefern. An Ideen mangelt es nicht …“ 

 

Nur Spaß ist mehr als nur Spaß

In der Tat: An Ideen mangelte es nicht, Michael Schulte war ein Ideen-Künstler, der stets einen unerwünschten Tipp auf Lager hatte. So schlägt er beispielsweise einen Preis für die originellste kriminelle Handlung vor: das „Goldene Gitter“. Oder er schlägt Briefmarken vor, die Prominente von der menschlichen Seite zeigen – Anregung: der Bundespräsident auf einem Gartenfest, wo er sich versehentlich die Hosen mit Rotwein bekleckert.

Elvis – jetzt kommt’s raus – hatte eine Tätowierung auf dem Bauch mit der Inschrift NEUSCHWANSTEIN, und nach seinem Tod kommt Elvis auf die Insel der Totgesagten, wo er den leicht vergreisten Adolf Hitler trifft, der ihn versehentlich mit „Erwin“ anredet.

Witzig? Ich finde ja. Oder wie wäre es damit? Eine historische Tragödie, 1. Akt in der Kapitänskajüte der Santa Maria. Der Offizier kommt erregt durch die Tür und meldet, dass die Mannschaft meutert. Kolumbus schlägt vor, der Offizier solle der Mannschaft doppelten Sold versprechen. Der Offizier sagt: „Okay!“ Kolumbus verwirrt: „Was?“

Auf dem Umschlag von dem Buch Stiefmuttertag wird extra gewarnt: „Ein schreckliches Buch. Es enthält garantiert keine Aussage. Es macht nur Spaß. Sonst nichts.“ Aber „nur Spaß“ ist eben mehr als einfach nur Spaß.

 

Die Spaßvögel sind tot

Mit ihm – so kommt es mir jedenfalls vor – ist zugleich eine Epoche zu Ende gegangen, in der die Humoristen noch frech wie Oskar waren. Heute ist uns der Spaß vergangen, den Comedians wurde schon an anderer Stelle ein Nachruf geschrieben, in den USA meiden die Spaßvögel die Universitäten, es ist für sie in Zeiten von political correctness zu gefährlich geworden. Sie halten lieber den Schnabel.

Da wir gerade von Vögeln reden: Im Englischen werden Komödianten und Narren gerne als canary in the coalmine bezeichnet. Kanarienvögel wurden früher mit in die Minen genommen, wenn sie tot umfielen, war es ein Alarmzeichen; es bedeutete, dass giftige Gase aufgetreten waren und die Arbeiter sofort an die frische Luft mussten. Die Vögel waren ein lebendes Frühwarnsystem. Erst starb der Vogel, dann der Arbeiter. Das gilt nicht nur für Bergmänner. Der Tod der Spaßvögel sagt etwas über den Zustand der Gesellschaft.

John Cleese von Monty Python oder Harald Schmidt klagen ohne jedes Augenzwinkern, dass sie es heute nicht mehr wagen würden, Scherze zu reißen, die sie früher noch problemlos machen konnten. Auch Michael Schulte gehört noch in die Zeit vor dem Euro, vor amazon und vor kindle – er gehört in eine Zeit, als ein Sternchen* noch auf eine Fußnote hingewiesen hat und nicht auf die Selbstdarstellung von Wichtigtuern, die zu den Sternen der moralischen Überheblichkeit greifen und mit ihren vorgetäuschten Empörungen und vorschnellen Verurteilungen die Luft verpesten und das Humor-Klima vergiften.

 

Die Entdeckung des Tiefsinns im Blödsinn

Michale Schulte, geboren 1941, war der schlechteste Mathematikschüler Bayers. Soviel ist sicher. Auf einer Liste im Kultusministerium in München rangierte die Schule, auf die der kleine Michael ging, an letzter Stelle und er war der Letzte in seiner Klasse. Er war ein schwieriger Schüler. Als er gefragt wurde, was er werden wollte, antwortete er: Cowboy. Ungewöhnlich für einen Bayern. Später ist er tatsächlich nach Amerika gegangen.

Man darf die frühen Einflüsse keinesfalls unterschätzen. Als Kind hatte ihn der geheimnisvolle Kindervers stark beeindruckt, der da lautet: „Der Elefant von Celebes/ hat hinten etwas Gelebes/ Der Elefant von Borneo/ der hat dasselbe vorneo“ – es hat ihn nicht mehr losgelassen. Er konnte nicht anders. Er musste eines Tages – Jahre später – nach Borneo und Celebes reisen und ein Buch darüber schreiben: Bambus Coca-Cola Bambus.

Als er einen Plattenspieler geschenkt kriegte, in der Absicht, ihn zur klassischen Musik zu führen, hört er sich Platten von Karl Valentin an. Seine Eltern konnten nicht ahnen, dass sich damit sein Schicksal vorzeichnete, sie lachten darüber, dass er lachte. Valentin selber fanden sie nicht komisch, sie fanden es nur komisch, dass ihr kleiner Michael diesen Valentin so komisch fand. Er selber sagt über die damalige Zeit: „Der Tiefsinn im Blödsinn war unbekannt, man hielt sich gnadenlos an den Blödsinn des Tiefsinns.“

Als er in Göttingen studierte, ging er in eine Buchhandlung, um endlich eine Karl-Valentin-Biografie zu erwerben. „Die gibt es nicht“, wurde ihm gesagt. „Macht nichts“, sagte er, „dann schreibe ich sie mir selbst“. Er bot den Plan dem Rowohlt-Verlag an und verliebte sich gleichzeitig in eine Buchhändlerin mit Brille, weil er Brillenfetischist war.

Das wusste sie aber nicht. Als sie zu ihm nach Hause kam, hatte sie sich zur Feier des Tages Kontaktlinsen gekauft. Es war sein Katastrophentag, schon am Vormittag des Tages hatte er eine Absage vom Rowohlt-Verlag erhalten. Drei Wochen später kriegte er wieder Post. Rowohlt hatte sich das anders überlegt, sie wollten nun doch, dass er sich an die Arbeit macht. Michael kam sich vor, als hätte er den Nobelpreis gewonnen, er rief die Buchhändlerin ohne Brille an und kaufte Sekt. Aber sie enttäuschte ihn. Sie war nicht beeindruckt. Sie hatte im Lexikon nachgeguckt und festgestellt, dass Karl Valentin nicht einmal im Lexikon verzeichnet war. „Dann ist eben das Lexikon Scheiße“, brüllte er.

Eine Welt, in der Karl Valentin keinen Ehrenplatz hatte, war nicht die richtige Welt. Also musste er ran. Christof Stählin – über den es hier ein kleines Porträt gibt – war sogar der Meinung, dass Valentin eine größere Bedeutung hätte als Brecht (aber das hatte er nur so dahingesagt und hing mit seiner Geringschätzung von Brecht zusammen, der seinerseits Valentin schätze), doch die Valentin-Verehrer waren damals tatsächlich noch gewisse Ausnahmeerscheinungen.

Nun googeln Sie mal: Wenn Sie nach „Michael Schulte“ suchen, drängelt sich sofort der Schlagersänger gleichen Namens vor, doch wenn sie den Suchbefehl „Michael Schulte Valentin“ eingeben, sehen Sie, dass der Humor von Künstlern, die in keine Schublade passen, nicht totzukriegen ist. Auch nicht in einer Zeit, in der die Kanarienvögel tot umfallen.

 

Die richtige Frau zur richtigen Zeit

Ich kannte ein paar Bücher von Michael Schulte und hatte ihn schon angeschrieben. Ich glaube, ich hatte auch eine Postkarte von ihm. Mehr nicht. Eines Tages klingelte das Telefon – Es war nicht „eines Tages“, es war genau gesagt Silvester, ich lebte damals in Hamburg. „Hier ist Michael Schulte“, hieß es am anderen Ende der Leitung, „ich bin gerade in Hamburg und telefoniere mein Adressenverzeichnis durch und bin beim Buchstaben L. Wenn du zufällig gerade eine Party hast, dann würde ich kommen.“ Ich hatte zufällig gerade eine Party. So lernten wir uns kennen. Michael wollte bei der Gelegenheit wissen, ob ich zufällig auch noch eine Freundin für ihn hätte.

Das war nicht nötig. Michael hatte Glück bei Frauen (abgesehen von seiner ersten Ehefrau, einer Amerikanerin, die ihn um „Hab, Gut und Geld“ brachte). Besonders mit einer Frau hatte er richtig Glück. Bei seinen Plänen mit Karl Valentin stieß er überall auf Hindernisse und kam nicht an das Material heran. Keiner, der etwas von Valentin hatte, wollte ihm das zur Verfügung stellen, alle wollten das selber ausschlachten. In seiner Verzweiflung rief er die Tochter von Karl Valentin an, die noch lebte. Er konnte sie begeistern – und sie gab ihm alles.

Auch mit Freunden hatte er Glück. Im „Froschkönig“ und im „Diener“ arrangierte er Treffen, zu denen einige Freunde extra von weit her nach Berlin anreisten. Er war auch mit toten Literaten befreundet und fragte in die Runde, welchen Schriftsteller man gerne zu Lebzeiten getroffen hätte, um womöglich mit ihm befreundet zu sein. Ich hatte mich spontan für Mark Twain entschieden. Er selber für Jean Paul, der bekanntlich ein Buch als „langen Brief an Freunde“ bezeichnet hat.

Wie mit Frauen, so auch mit Freunden. Michael hatte nicht nur Glück. In seinem wohl persönlichsten Buch Ich freu mich schon auf die Hölle erwähnt er seinen „besten Freund, der sich erhängt hat, wofür ich ihn heute noch umbringen könnte.“

 

Und hier noch von Ludwig Lugmeier ein …

Nachruf auf Michael Schulte

„Ich freu mich schon auf die Hölle“ – vor 14 Jahren brachte der Picus Verlag dieses autobiographische Buch auf den Markt, schön aufgemacht, ordentlich lektoriert, auf dem Cover ein anfangs der 50er Jahre geschossenes Foto: Familienbild mit Michael Schulte, einem blonden, schmalbrüstigen Jungen in gestreifter bis zum Nabel hochgezogener Wollbadehose. Mit 78 Jahren, am 20. Juni nachmittags 4 Uhr, ist er schließlich zur Hölle gefahren. Ich ruf ihm ein Farewell hinterher und: Sei so gut alter Freund, beleg für mich einen Platz, nicht zu nahe am Feuer, sonst verkohlt mir der Bauch, nicht zu fern, sonst vereist mir der Arsch, und so, bitteschön, dass ich die Beine ausstrecken kann. Die Ewigkeit zieht sich ja hin, aber, dessen warst Du Dir schon zu Lebzeiten gewiss, für unsereins in höllisch guter Gesellschaft. Die mit angefaulter Zunge im Maul: alle droben im Himmel – dem Teufel sei Dank! Im tiefsten Höllengrunde dagegen die pataphysische Zunft. Da hockt das Gespenst der Freiheit Luis Buñuel auf den Schultern. Da jagt Max Ernst die Welt in die Luft, denn auf den Kopf stellen lässt sie sich nicht, da sie keinen besitzt. Da zertrampelt Jean Genet seinen Heiligenschein, und der heiligen Musik sägt John Cage die Stimmbänder durch. Du kennst ihn ja aus New York. Und Marcel Duchamp und Man Ray und Eugène Iosnesco und Chico, Harpo, Gummo, Groucho und Zeppo – nun, die waren wiederum bei Dir zu Besuch, da oben an der dänischen Grenze, als Grenzgänger, als sprechende Schatten. Hoffentlich, Michael, hoffentlich wird’s nicht zu eng in der Hölle. Und hoffentlich hat Alfred Jarry seinen König Ubu einzuschleusen verstanden. Von Rechts wegen gehört der Drecksack zwar in den Himmel, zu den Königen und Kardinälen, zu den Pfaffen und Henkern, aber – Merdre und Schoiße! –, Alfred Jarry hat ihn schließlich mit seinem Odem belebt. Er würde uns fehlen, und zwar ganz gewaltig. Wenn er aber dort ist, wenn er sich im Kotkessel suhlt, wenn er säuft, frisst und ratzt, wenn er schnarcht, furzt und neben den Speibeutel kotzt, dann machen wir uns endlich her über die Komödie, die wir uns ausgedacht haben, da oben bei Dir, hinterm Haus auf der Helle im winddurchpfiffenen Garten: Die schröckliche Geschichte von König Ubus rotzgrünen Söhnen. 

 

 

Student’s documentary Bernhard Lassahn

 

Portrait

This is a portrait documentary, directed by Anna-Karin Nilsson. Crew: Joseph Madata Biseko (camera), Victoria Parkinson (sound), Daphne Callies (support). Special thanks to Rick Minnich and Florian Aigner.

Songs included „Bananenbiegerlied“ (Bernhard Lassahn/Matias Lück) „Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh“ (Thommie Bayer/Bernhard Lassahn)

 

The pirat’s view of the world

About the book ‚Auf dem schwarzen Schiff‘

 

 

Die Golden Harvest heute in französisch Guayana

 

 

 

                                            “I’ve never been to Africa but it comes up in my dreams …”

 

The story of the book

 

I had never actually been to Africa when I first met Raphael Schell at an alternative exhibition over ten years ago. He had chosen to portray his experiences, from memory, on pieces of canvas he had tacked onto large building slabs. There was something mysterious about those pictures. They were entirely devoid of people, like the scene of a crime where the murderer has deposed of the bodies to cover his tracks. The pictures needed explaining, or rather they needed illustrating, even though they weren’t lacking in colour. Then Raphael began telling his story.

 

 

More than twenty years earlier he had been a member of a non-violent group intent on openly importing banned books into Namibia by sailing ship. Their aim was to denounce repression in South Africa, as embodied by censorship and Apartheid, and eventually to bring about the fall of the country’s Apartheid regime. Raphael still keeps a belaying pin, a souvenir of his beloved ship, the SS Golden Harvest. And he still holds nightwatch.

At my request, Raphael recorded his memories onto 40 tapes, an exercise which brought him close to a state of nervous exhaustion but never threatened to free him of his past. He may now be living in Kassel, in central Germany, but to all intents and purpose, he has never left Africa. Unsure of how to go about things, I decided to buy the tapes. We kept it very business-like. But it didn’t help.

 

For a long time, I felt I couldn’t use the material for my book because Raphael didn’t yet got over Lagos and San Antonio. It had been too much for one lifetime. He had been very young, not even eighteen, and brimming with energy, passion and love. Although he comes from a town far from the coast, he loves the sea, as we all do one way or the other. But with him it was something special.

 

 

I’ve met another of the survivors – Hans. He lives in Berlin. He used to be a familiar figure at the big train station, Bahnhof Zoo, where he was a newspaper salesman for the “taz” at night. Hans doesn’t talk as much as Raphael, nor as willingly. He couldn’t go back to his old life in Germany just like that, not after everything that had happened over there. He did manage to safe a box though, full of letters, newspaper articles and transcripts.

 

The content of the box are a record of the seventies, which was my era. I was the same age as the heroes then. I remember well the political thought and dreams of the time. We didn’t have the german word “Gutmenschen” (good people – patronising term, used to discredit the peace movement) yet. Instead our talk was of “relevant” and “post-capitalism”. For me, Hans’ files didn’t just catalogue Raphael’s story, they were “talkin’ ‘bout my generation”.

 

 

 

I love books, of course. I was all for the Namibian project and would very willingly have taken part myself. What a wonderfully poetic idea – young people from all over the world on board a sailing ship bound for Namibia with a cargo of nothing but books. It sounds like a peacefull idea, but the books – literary donations from universities and bookshops – were pure dynamite

 

If the South African authorities laying claim to the port at Walvis Bay allowed the books to enter the country their repressive system of surveillance and cencorship would come crashing down about their ears, like a dam which has sprung a leak. If they refused the ship entry, which they could hardly do, given that the crew had gained permission from the UN to dock, South Africa would be exposed to ridicule in the eyes of the international community.

 

 

But reading books isn’t enough, especially when they are adventure stories telling tales of the real world. Everyone wants to have their go in their own adventures. I was no different. My first stop was The Gambia. I knew straight away I would have to go back. There was the intensity I had heard on Raphael’s tapes. It was too hot, everything took too long to happen. People were too familiar – I couldn’t help loving them, but I was afraid of them as well.

 

I was late getting into Lagos, against the express wishes of my wife and in spite of a succinct warning in the Lonely Planet travel guide: “Don’t arrive at night!” Of course, I had prepared myself for what was to come and didn’t admit to be an author, but I hadn’t expected to be interrogated like a criminal. The only reason they didn’t rifle through my luggage was because I didn’t have any (it was lost).

 

 

 

One official yelled at me (apparently the usual tone of address): “I give you one advice: go back now!” Then he said it again, only even louder, as if he thought I was a bit slow: “I told you to go back now!” maybe he was right about me being slow – I didn’t get it. There were signs up on the walls which stated that visitors should avoid giving a tip (I had stuffed dollars into my socks for this very reason) and that defaulters would be arrested.

What was I going to do? To cut a long story short, I spend my first night in Nigeria curled up on the couch at the drugs enforcement agency, denied entry into the country, so they said, for my own personal safety. By the next morning, I had made new friends who assured me that Jesus loved me. The news was: Fela Anikulapo Kuti had just been released from prison. He had made the headlines again, just as he had done when the “black ship” docked in Apapa.

 

 

 

 

 

I searched out his shop, where I bought a copy of his book “Why Blackmen Carry Shit”. People were not allowed to sit down and listen to Fela’s music for more than ten minutes. It was prohibited to play it in public. Political discussions were likewise illegal. No-one could get near Fela’s “shrine” – in the wake of his release the whole compound was surrounded by police. Fela has since died of AIDS, at least that’s what they say.

In Cape Town, in the land of old enemy, they have at last achieved their goal. They now have a wonderful library, just as the crew of the Golden Harvest might have imagened it. The library is full of books documenting the true history of South Africa, true African thinking and black heritage, books which will help the new Africa define its own identity, just as Fela Kuti demanded, and before him Dr. Kwame Nkrumah.

 

 

 

 

 

I headed for an Internet café and straight away started a search for the two peace ships, the SS Golden Harvest and the SS Fri. The latter had also seen action around Mururoa, and in the thirties had helped to ship fleeting Jews out of Germany. They had been, after all, pioneers in the fight for such a freedom library. I then took refuge at the home of Jans Rautenbach, a filmmaker, whose work includes a documentary film on the history of Africa.

The internet search was a dead loss. No wonder, really. The expedition took place at a time when the political theories of the day still had to be propagated by the printed word. Nowadays censorship, like Apartheid, is a thing of the past. The Golden Harvest and Fri book project, launched under the name “Operation Namibia”, is one of the last great adventures in the history of the book.

 

 

 

 

So I had another go. New Zealand is a small country and the second voice to pick up the phone belonged to Anna. My book describes people handing round photos of her as a new born baby. She had saved her parents’ lives – they had left the Rainbow Warrior to check up on her just before the French secret services blew it up. She was also the reason they had left the Golden Harvest, having met for the first time on the trip. That, too, just in time

The shock came later. After years of preparation, the manuscript was nearly ready. Then came the news that Kris was dead. He could have written the book himself – he had been the group’s press and public relations officer. He had even send me a fax telling me how he still dreamed of writing a Golden Harvest book, when he no longer had more important things to do, like saving the rainforest. A memorial gathering was held. They all came back for that.

 

 

 

 

The meeting in London was pleasant enough. There was pasta and South African wine. We played his favourite songs, passed around photos and watched videos of some of his rainforest escapades. It was like a reunion of kamikaze ground support personnel. Someone said Morishta, the Japanese monk, had been spotted again in America, so he is probably still alive. On the other hand, no-one knew what had become of Momo.

They gave me the Golden Harvest log to copy. Barry, by the way, is convinced that Kris was murdered. He is also planning a trip to South Africa. He wants to do some investigative work to find out if the secret services were involved. Because if you really think about it, “Operation Namibia” couldn’t fail. And now the operation has turned into a book, just like a book should be – an adventure story with real protagonists.

 

 

 

 

 

Du hast noch 1 Jahr Garantie

In diesem Buch aus dem Jahre 1978 kommen Texte vor wie die ‚Gebrauchsanweisung zum Rolltreppenfahren‘, der ‚Traum von der Zeitmaschine‘ und ein Bericht von der ersten Liebe: ‚Ich wollte treu sein, sobald ich konnte‘ – so fängt es an:

„Liebe ist, wenn man nicht mehr fragt, ob es Liebe ist“. So antwortete damals Dr. Sauer auf die Frage von Bravo-Leserinnen. Diese Probleme hatte ich nicht, ich wußte es genau: meine große Liebe hieß Ilse (Name geändert). Wenn Ilse nur am Horizont auftauchte, wurde ich kribbelig und der Horizont war weit weg in dieser flachen Gegend, wo wir mit unseren Fahrrädern stramm gegen den Wind anstrampeln mußten. Wenn ich Ilse, Ilse nur am Horizont sah, lief ich auf mein Zimmer und warf mich aufs Bett. So verliebt war ich. Allerdings kam es mir auch etwas übertrieben vor.

In der Zeit kam „Tired of Waiting“ im Radio. Wir hatten das Radio oft im Garten stehen mit Verlängerungsschnur durchs Badezimmer … 

Peter Handke im Wald

Wie sollen wir leben? Was ist das Glück?

Zusammen mit dem Schriftsteller Ludwig Lugmeier war ich in dem neuen Dokumentarfilm von Corinna Belz über Peter Handke. Wir waren neugierig. Was würde uns erwarten? Würden wir etwa einen Showdown virtuoser Formulierungskünstler erleben, als würde ein Herausforderer wie Michael Krüger gegen Peter Handke antreten, um sich einen Kampf der Wortgiganten zu liefern, bei dem sich noch in der neunten Runde nur ein knapper Sieg nach Punkten abzeichnet und immer noch keiner den anderen k.o.-gequatscht hat?

Die Eintrittskarte wirkte verdächtig. Der vollständige Titel ‚Peter Handke – bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte’, war nicht in voller Länge ausgedruckt, der Titel ist zu lang, er passt nicht in eine Zeile und mitten in „bin im Wald“ hörte die Zeile auf und ließ nur das „i“ aus dem „im“ zurück, so dass auf der Eintrittskarte der Film auf gut Bayrisch hieß: „Peter Handke bin i“ – und damit zu Befürchtungen Anlass gab, dass wir es mit einer Beweihräucherung zu tun haben würden, die das abgehobene Ego eines Großschriftstellers in den Mittelpunkt stellt.

So war es nicht. Ganz und gar nicht. Es war ein bewegender Film zu der großen Frage: Wie sollen wir leben? Ich will nicht allzu viel verraten; ich will nur einen Teil der Fragestellung aufgreifen, die Frage eingrenzen und etwas umformulieren: Mit wem sollen wir leben?

Zwar wusste ich schon, dass Handke mit seiner Tochter – wie wir heute sagen würden – als „Alleinerziehender“ gelebt hatte, doch ich hatte es glatt wieder vergessen, nun konnte ich Handke wiederentdecken als jemanden, für den das Leben mit einem Kind zu einer bedeutenden Selbstverständlichkeit gehört.

Sein Buch mit dem unscheinbaren Titel Kindergeschichte war sein letzter Bestseller, jedenfalls fand es sich auf entsprechenden Listen – das war, lang ist es her, im Jahre 1981. Da war er als „Heranwachsender“ mit seinem Kind zusammen.

Peter Handke spricht auch heute noch – auch im Film – über sich in der dritten Person, er tut es offenbar gerne, so wie ich es früher auch getan habe, als ich als Kind Indianer gespielt und mich als großen Häuptling Spitze Feder gesehen habe. Es heißt in der Kindergeschichte:

„Ein Zukunftsgedanke des Heranwachsenden war es, später mit einem Kind zu leben. Dazu gehörte die Vorstellung von einer wortlosen Gemeinschaftlichkeit, von kurzen Blickwechseln, einem Sich-dazu-Hocken, einem unregelmäßigen Scheitel im Haar, eine Nähe und Weite in glücklicher Einheit.“

Schon beim ersten Anblick des Kindes spürt der Heranwachsende, dass er nun ein für alle Mal mit dem Kind eine verschworene Gruppe bilden wird, die ihm zur „einzig gültige Wirklichkeit“ wird. Er nimmt es der Mutter übel, dass sie das Berufsleben vorzieht und sich nicht der unbedingten Notwendigkeit stellt und er verachtet all diejenigen, die ihm eine andere Lebensweise aufreden wollen. Er spürt deutlich, dass er den gesamten Zeitgeist gegen sich hat und dass ihn die Dringlichkeit des politischen Lebens immer wieder herausruft aus der Enge und Gefangenschaft des Häuslichen mit dem bequemen Glück der Zweisamkeit.

Es ist kein reines Glück. Es ist nicht immer nur das Anwehen des Paradieses zu spüren, das sowieso nur unauffällig und beiläufig auftritt, es ergeben sich genauso tiefe Momente des Versagens, des Ungenügens und Momente einer Schuld, die so heftig sind, dass er das Gefühlt hat, als würde er – um es ausnahmsweise in meinen Worten zu sagen – vor der höchstmöglichen Instanz in Ungnade fallen. Als Peter Handke sein Kind in einem Zornesanfall schlägt, schreibt er (wieder über sich in der dritten Person):

„Das Entsetzen des Täters war fast gleichzeitig. Er trug das weinende Kind, selber bitter ermangelnd der Tränen, in den Räumen umher, wo überall die Tore des Gerichts offenstanden, mit den schalltoten Hitzestößen der Posaunen …“

Die Formulierung von den „schalltoten Hitzestößen der Posaunen“, fand ich damals schon übertrieben, ja geradezu lächerlich, das war 1981, als ich, selber noch kinderlos, das Buch zum ersten Mal gelesen hatte. Ich dachte nur: Geht’s vielleicht auch ne Nummer kleiner? Doch womöglich war es gerade die Übergröße der Formulierung, die bewirkt hatte, dass mir der Wortlaut bis heute in Erinnerung geblieben ist. Weiter heißt es über die erwähnte dritte Person, also über den Täter:

„Erstmal sah sich der Erwachsene da als einen schlechten Menschen; nicht bloß ein Bösewicht war er, sondern ein Verworfener; und seine Tat konnte durch keine weltliche Strafe gesühnt werden. Er hatte das einzige zerstört, das ihm je das Hochgefühl von etwas dauerhaft Wirklichem gegeben hatte, das einzige verraten, das er je zu verewigen und zu verherrlichen wünschte. Als Verdammter hockt er sich zu dem Kind und redet es an …“

Ludwig, der selber keine Kinder hat, erzählte mir, als wir wenig später bei Rotwein und Tapas den Film verdauten, dass er vor vielen Jahren einer Frau ins Gesicht geschlagen und dass es das Widerwärtigste gewesen wäre, das er jemals getan hätte. Zwar wäre er besoffen gewesen, doch das könne keine Entschuldigung sein. Ich wiederum weiß von einer Frau, die vor über zwanzig Jahren ihren Dreijährigen verprügelt hatte, die es immer noch bereut, ihn schon mehrfach um Verzeihung gebeten hat und es immer noch tut. Von einer anderen Frau, die sich inzwischen in Frömmigkeit geflüchtet hat, weiß ich, dass auch sie eine unselige Zeit mit ihrem Kleinkind hatte und dass sie dann, wie sie es nannte, „den anderen Weg“ gegangen ist.

Wir haben viel geredet. Über Peter Handke, über Edmund Husserl und seine Methode, einzelne Phänomene aus Zusammenhängen zu lösen, aber eben auch über private, über sehr intime Dinge. Ich erwähne das, um erneut zu unterstreichen, dass dies kein Literatur-Fuzzi-Film ist. Es geht nicht um Papierkram. Der Film löst große Gefühle aus. Wer hätte das gedacht? Man erwartet von Peter Handke, dass er andersgelbe Nudeln in Einzelheiten beschreibt und jedes Blatt, das vom Baum gefallen ist, zweimal umwendet, ehe er es wieder beiseitelegt und dass er sich im Kleinen und Klitzekleinen verliert.

Doch er schreibt über die großen Tatsachen des Lebens, die erst erkennbar werden, wenn wir uns ungeschützt ausliefern, wenn das Gerümpel des Vorgestanzten und Vorgemeinten beiseite geräumt ist und die eigengesetzliche Lebenswelt mit seiner ganzen Wucht wirksam wird. Dann erscheinen uns auch seine übergroßen Worte, die ins Subjekt gegossenen Gedenksteine aus den persönlichen Weltkriegen, am rechten Platz.

Er erklärt ausführlich seine Gegnerschaft zu den Kinderlosen, zu den „Wustmenschen“, zu denen, die die Kulissen der Aktualität für die allein gültige Wirklichkeit halten und lässt den großen Häuptling, der bekanntlich niemals mit gespaltener Zunge spricht, ausführlich zu Wort kommen:

„Später sollte er es noch des öfteren mit weit ärgeren überzeugt-Kinderlosen zu tun bekommen, einzeln oder in Paaren. In der Regel hatten sie einen scharfen Blick und wussten auch, selber in furchtbarer Schuldlosigkeit dahinlebend, im Expertisendeutsch zu sagen, was an einem Erwachsenen-Kind-Verhältnis falsch war; manche von ihnen übten solchen Scharfsinn sogar als ihren Beruf aus.“

Der Heranwachsende, der inzwischen unmerklich zum Erwachsenen und zum Täter geworden ist, der Schuldbeladene, der Alleinerziehende lebte im ständigen Zerwürfnis mit den Besserwissern und ihren wohlfeilen Naseweisheiten, die selber nur in die eigene Kindheit und in das eigene fortgesetzte Kindsein vernarrt waren und sich in der Nähe als ausgewachsene Monstren erwiesen. Es gab – damals schon – die für ihn so bezeichnende Konstellation: Peter Handke gegen den Rest der Welt. Einer gegen alle.

Mir wurde sofort klar, warum ich von der Prosa schon damals so tief beeindruckt war: Peter Handke meidet gewöhnliche Ausdrücke. Er bemüht sich, Sätze zu finden, die einem wie Uraufführungen vorkommen; Sätze, die man so noch nie gelesen oder gehört hat und die einen die Welt so sehen lassen, als sähe man sie zum ersten Mal, auch wenn da gelegentlich die Posaunen erklingen. Und noch etwas: Ich habe dahinter stets das Bemühen um Aufrichtigkeit gesehen. Wie soll ich sagen? Um Ehrlichkeit? Wahrhaftigkeit? Dass Handke hart und hemmungslos gegen sich selbst sein kann und dass er seine Wunden vorzeigt, hat mich ermutigt, das auch im Umgang mit mir selbst zu probieren und mich besser kennen zu lernen.

Ich habe die Kindergeschichte gleich noch mal gelesen. Diesmal als jemand, der inzwischen mit einem kleinen Kind gelebt hat. Es hat mich – um es in einem gewöhnlichen Satz zu sagen – stark berührt. Deshalb will ich ihm das letzte Wort erteilen, aber vorher noch einmal darauf hinweisen, dass das Zusammensein mit einem Kind nur eine Szene aus dem Film ist, über den Ludwig zusammenfassend gesagt hat, dass es darin nichts gäbe, das ihm nicht gefallen hätte. Hier also noch etwas aus der Kindergeschichte:

„Er verfluchte diese selbstgerechten kleinlichen Propheten als den Auswurf der modernen Zeiten, hob vor ihnen das Haupt und schwor ihnen die ewige Unversöhnlichkeit. Bei dem antiken Dramatiker fand er den ihnen gebührenden Bannfluch: Sind Kinder allen Menschen doch die Seele. Wer dies nicht erfuhr, der leidet zwar geringer, doch sein Wohlsein ist verfehltes Glück.“

 

 

Trailer zu Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

 

Schreibende – keine Angst. Die tun nichts!

 

Was ist los mit den Schriftstellern in Deutschland? Haben sie sich inzwischen aus der Politik verabschiedet und ihren Beruf an den Nagel gehängt? Es sieht ganz danach aus. Manche hatten es schon geahnt: Schriftsteller! Ach, die nun wieder. Die haben doch sowieso nichts zu sagen. Schriftsteller ist auch kein richtiger Beruf.

 

Nun ist es passiert. Der Berufsverband der Schriftsteller VS hat sich aufgelöst und in seine Bestandteile zerlegt. Nein. So kann man das nicht sagen. Der Verband hat sich umbenannt und sich von der Berufsbezeichnung „Schriftsteller“ verabschiedet.

 

Warum? Einige der Schriftsteller leiden unter einer neuen Unverträglichkeit; sie leiden unter einer Art von Allergie gegen ihre Berufsbezeichnung, die sie früher gemocht haben und auf die einige sogar stolz waren. Doch der Stolz ist dem Leiden gewichten und heute gilt: Wer leidet, hat recht – und so versuchen die bedauernswerten Rechthaber die inzwischen lästig gewordene Bezeichnung „Schriftsteller“ zu meiden. In der neuen Broschüre des ehemaligen „Verbandes der Schriftsteller VS“ heißt es ersatzweise: „Der VS ist der Berufsverband für Schreibende

 

Ich könnte also, wenn ich nächstes Mal nach meinem Beruf gefragt werde, antworten: „Ich bin Schreibender!“ Ich fürchte jedoch, dass das dann erst recht nicht als Beruf angesehen wird. Nebenbei hat sich der Schreibende damit auch aus der aktuellen Diskussion um das Urheberrecht verabschiedet. Die findet ohne ihn statt. Der Schreibende braucht keinen Schutz des Urheberrechts. Noch nicht.

 

Der Berufsverband hat noch einen zweiten Namen. „Berufsverband für Schreibende“ nennt er sich auf den ersten Blick, der auf das obere Ende der ersten Seite der neuen Broschüre fällt. Am unteren Ende, wohin der zweiter Blick fällt, steht: „VS Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di“. Dann wäre also jemand, der früher „Schriftsteller“ genannt wurde, heutzutage ein „Schreibender im Verband der Deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller“. Was sollen wir uns darunter vorstellen?

 

VS

 

Das sehen wir im Mittelteil der erwähnten Broschüre. Da finden wir hübsch gestaltete Stichworte, die uns erste Hinweise geben, was wir uns unter den „Schreibenden“ von heute und unter denjenigen, die sich neuerdings als Teil des Zweierpacks „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ sehen wollen, vorstellen mögen – nämlich:

 

Performer – Schriftsteller – Schriftstellerinnen – Autorinnen – Übersetzerinnen – poetry slammer – Übersetzer – BloggerX – Wortstellerinnen – Drehbuchautoren – TV Film – Wortsteller – Romanciers – Geschichtenerzähler – Sachbuch-Hörspiel-Autoren – Essayisten – Rhapsoden – Lyrikerinnen – Lyriker – Wortwerker

 

Zunächst fällt auf, dass die Vermeidung der ungeliebten „männlichen Form“ – wie bei „Schriftsteller“ – nicht konsequent durchgehalten wird, obwohl es doch gerade das Anliegen der Initiative zur Umbenennung war, diese Form, die man neuerdings „generisches Maskulinum“ nennt, zu meiden.

 

Der erste Begriff auf der bunten Spielwiese (die vermutlich zeigen soll, wie fantasievoll die Schreibenden heutzutage sind) lautet „Performer“, der letzte „Wortwerker“. Es heißt nicht etwa, wie man erwarten kann, „Performende“ oder „Performerinnen und Performer“, es heißt auch nicht „Wortwerkende“ oder „Wortwerkerinnen und Wortwerker“.

 

Warum eigentlich nicht?

 

Sehen wir mal ab von der Frage, ob „Performer“ und „Wortwerker“ geeignete Beispiele sind, um das Berufsbild der „Schreibenden“ zu erklären, es stellt sich ernsthaft folgende Frage: Warum stören sich die „Schreibenden“ beziehungsweise diejenigen, die zukünftig „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ genannt werden wollen, an diesen Stellen nicht an der sonst als so schädlich angesehenen „männlichen Form“?

 

Warum bestehen sie darauf, die Bezeichnung „Schriftsteller“ zu ersetzen oder zu ergänzen, nicht aber die von ihnen selbst neu in die Debatte geworfenen Bezeichnungen „Performer“ und „Wortwerker“, die sie obendrein prominent platziert haben? Sie trumpfen regelrecht damit auf, als wollten sie sagen: Seht her! Es geht auch ohne Doppelnennung, es geht auch ohne Partizip.

 

Wieso geht es? Da liegt doch dasselbe Problem vor.

 

Ich sehe es nicht als Problem. Aber wenn die empfindsamen Seelen von heute es als Problem sehen und zwar als eines, das ihnen dermaßen wichtig ist, dass sie – koste es, was es wolle – auf einer Umbenennung bestehen, dann sollen sie bitte erklären, warum sie in einem Fall ihre Auffassung vom ihrer Meinung nach richtigem Sprachgebrauch anwenden, in einem anderen Fall aber nicht. Mal so, mal so. Mir kommt es vor, als würde jemand ausrufen „Nieder mit dem Alkohol!“, um daraufhin demonstrativ zwei Schnäpse zu trinken.

 

Sehen wir uns die Bescherung näher an. Es geht gleich mit einem Eigentor los: Performer sind keine Schreibende. Schreibende sind keine Performer. Sie können auch keine sein. Ich vermute mal, dass die Schreibenden mit diesem unerwartetem Begriff sagen wollen, dass manche von ihnen gelegentlich aus ihren Büchern vorlesen und dass diese Lesungen keineswegs so langweilig sind, wie es viele in Erinnerung haben, so dass ihnen herkömmliche Bezeichnungen wie „Vorleser“ oder „Vorlesende“ nicht geeignet erschienen und sie eine Lesung lieber als etwas sehen wollten, das einer Kunst-Performance nahe kommt. Oder einem Ausdruckstanz. Mag sein. Doch es bleibt dabei: Performer und Schreibende – das passt nicht zusammen.

 

Es sei denn, es handelte sich bei dem Akt um eine Performance, die darin besteht, dass der Performer gerade schreibt. Dann stimmt es. Sonst nicht. Denn dem Performer geht es nicht um das Ergebnis seiner Performance, also in unserem Fall um das Produkt des Schreibens, sondern um die Performance selber, also allein um den Vorgang des Schreibens, der zunächst für niemanden außer für denjenigen, der gerade damit beschäftigt ist, von Interesse ist. Sicher: Urs Widmer hat einst in seinem Buch ‚Das Paradies des Vergessens’ geschrieben: „ … das Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch“. Aber: Das war ein Scherz!

 

Wer interessiert sich für Schreibende? Ich nicht. So ein Schreibender soll erst mal fertig werden. Dann soll er das Geschriebene noch mal in Ruhe durchlesen und das ganze einem Lektor anvertrauen. Wenn es irgendwann veröffentlicht wird, will ich gerne einen Blick darauf werfen. Aber vorher? Nur wenn es ein Freund von mir ist ­– oder gegen Geld, weil ich für die Lektoratstätigkeit bezahlt werde.

 

Was also sind Schreibende? Schreibende können von sich sagen, dass sie Leute sind, die keine Schriftsteller sind. Noch nicht. Sie sind noch nicht so weit. Die neue Parole des Verbandes lautet also: Gehe zurück auf Los, ziehe nicht 4000 Euro ein, fange von vorne an. Ganz von vorne. Mit dem nackten Akt des Schreibens, losgelöst von möglichen Folgen.

 

Der Schreibende ist wie das Vieh an den „Pflock der Gegenwart“ (Nietzsche) gekettet, er bleibt an der „Gegenwart kleben“ (Schopenhauer). Er wird schon noch merken, wie weit er kommt, wenn er immer nur im Präsens schreibt. Ein Schriftsteller von früher wusste, dass er damit nicht weit kommt. Ein Schriftsteller von früher wusste auch, dass ein Partizip stets einen Vorgang vor seiner Vollendung bezeichnet. Ein Schreibender hat nicht etwa „fertig“, wie man heute gerne sagt, er hat noch gar nicht richtig angefangen.

 

Man kann den Faktor Zeit nicht ausblenden und sich mit einer allumfassenden Gegenwart begnügen. Zeit spielt sowohl für das Schreiben selber (Erzählzeit und erzählte Zeit), als auch für die Berufstätigkeit eine zentrale Rolle. Der Schriftsteller von früher, der seine Tätigkeit als Beruf ansah, war ein Geschrieben-Habender (der Vorgang des Schreibens lag in der Vergangenheit). Er war jemand, der aus dem Umgang mit seinen fertigen und erfolgreich veröffentlichten Büchern und aus dem Handel mit den damit verbundenen Urheberrechten einen Beruf gemacht hat. Das Reflektierte stand dabei über dem Unmittelbaren. Das Geformte über dem Improvisierten. Das Geistige über dem Körperlichen.

 

Na gut, ich gebe zu, dass das Schreiben das eigentlich Schöne an dem Beruf ist, da hat Urs Widmer in gewisser Weise recht – vermutlich hat er es in dem Sinne gemeint. Es gibt viele von uns – und dazu gehöre ich auch –, die selbst dann noch schreiben würden, wenn sie keinen Beruf daraus machen können. Viele haben einen zweiten Beruf. Denn das Schreiben selber, so schön es ist, ist noch nicht gesellschaftlich vermittelt, mit dem Schreiben bleibt der Schreibende (jetzt habe ich den Begriff selber verwendet – und zwar mit Absicht) bei sich. Er tut etwas, das ihn glücklich macht. Er tut sich etwas Gutes. Schön. Das ist aber nur ein erster Schritt, der nicht für sich alleine stehen kann. Der Schreibende vergisst während des Schreibens – zumindest phasenweise –, dass er in einer Gesellschaft mit anderen lebt.

 

Doch die Welt wird nicht angehalten. Sie dreht sich weiter. Gerade ist die Aktion ‚Autoren helfen Flüchtlingen’ angelaufen. Da sind es Autoren. Nicht etwa Autorinnen und Autoren oder Autor-Seiende. Es sieht zwar stark nach einer Aktion aus, bei der es mehr um Selbstdarstellung als um echte Hilfe geht, aber – immerhin – da tut sich was. Es wird uns eindrucksvoll vorgeführt, wie schwer es nicht nur überforderten Politikern, sondern auch routinierten Autoren fällt, ihre aufrechte Gesinnung in Worte zu fassen, die nicht grottenpeinlich wirken. Es geschieht etwas, wenn Autoren die überflüssige und schädliche Trennung der Geschlechter einen Moment lang nicht in den Vordergrund stellen, wenn sie zusammenfinden und solidarisch als Gemeinschaft tätig werden. Autoren können dann vielleicht sogar anderen helfen.

 

Schreibende können nur schreiben.

 

 

Vietnam. Und der Traum von der Familie

Es fängt gut an. Ich mag die Leute, die hier vorübergehen, sie sind mir auf Anhieb sympathisch. Ich sitze etwa eine Stunde lang in Hanoi auf einer Bank am Hoan-Kiem-See – dem See des zurückgegebenen Schwertes – und gucke sie mir einfach nur an: junge Familien, die heiter und entspannt wirken und sich zwanglos berühren. Es liegt eine Stimmung in der Luft wie an einem Urlaubsort. Na, gut. Es ist ein zufälliger Blick, ein subjektiver Eindruck. Doch ich bin nicht allein damit. Auch Erich Wulff hat das so erlebt und beschreibt es in seinem Buch ‚Vietnamesische Versöhnung: Tagebuch einer Vietnam – Reise 2008 zu Buddhas und Ho Chi Minhs Geburtstag’. Er kennt den Unterschied. Er, der lange an der Universität in Hué lehrte, hatte auch ganz andere Stimmungen erlebt: Da trafen sich Paare am See, die noch mal ausgehen wollten, die sich verabschiedeten – und vielleicht nie wieder sehen würden.

 
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Vietnam hat den Krieg überstanden. Die Familie hat den Kommunismus überstanden. Vor jedem Haus – und auf jedem Schiff – sieht man eine rote Fahne, die ein Bekenntnis ablegt zu der großen Zugehörigkeit zum vereinten Vietnam. Doch auch die kleine Zugehörigkeit zur Familie ist stark. In Vietnam gibt es beides. Einen großen Zusammenhalt und einen kleinen.

 

Einmal hat sich ein Freund von mir, der die Sprache gelernt und sich in Hué niedergelassen hat, in eines der kleinen Cafés auf einen der kleinen Plastikstühle gesetzt und sich einen Kaffee mit süßer Kondensmilch bringen lassen und erst beim Bezahlen gemerkt, dass er gar nicht in einem Café war, sondern bei Leuten, die da wohnten und die – so wie alle anderen auch – ihre Stühle nach draußen gestellt hatten. Das private Leben mischt sich unmerklich mit dem öffentlichen.

 

Ein Bürgersteig ist nicht zum Flanieren für „Bürger“ gedacht. Er ist das „missing link“ zwischen außen und innen. Wer hier spazieren gehen will, muss sich auf einen Hindernislauf einstellen, auf ein Gedrängel zwischen Verkaufsständen und geparkten Motorrädern, auf denen die Vietnamesen morgens ihre Gymnastik machen und die sie am Mittag als Sofa für einen Schläfchen nutzen.

 

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Man hat den Eindruck, als stünden die Türen grundsätzlich offen, als ginge es ständig rein und raus, als schüttelten die Ventilatoren unablässig ihre Köpfe, um den frischen Lufthauch hinein- und wieder herauszupusten: Straßen, Gärten und Reisfelder gehen ohne Schwelle in die Privatwohnung über. Wenn es doch Treppenstufen gibt, dann gibt es auch kleine Rampen, damit das Motorrad bis in die Küche rollen kann. Und so stehen die Motorräder mit an der Bar, sie warten im Frisörsalon und übernachten in Schaufenstern von Schuhgeschäften. Ein Motorrad gehört mit zu einer möglichst kinderreichen Familie. Es passen allerdings nicht mehr als drei Kinder auf einen Motorroller, zugelassen sind nur zwei plus Eltern, doch solche Regeln werden eher als Vorschläge angesehen; es wird auch schon mal ein Schwein auf dem Motorrad transportiert.

 

Ab dem dritten Kind wird es teuer. Dann muss wie zur Strafe mehr Schulgeld bezahlt werden, den Beamten wird sogar das Gehalt gekürzt. Die Geburtenregelung ist streng, wenn auch nicht so drastisch wie beim großen Nachbarn China; da fehlt es nun aufgrund der Einkindpolitik vor allem an Mädchen.

 

Die Verständigung ist schwierig, aber die freundliche Frau versucht es, so gut sie kann. Sie will mir etwas mitteilen und legt die Hand aufs Herz: die Chinesen, will sie mir sagen, haben kein Herz. Sie fallen ins Land ein und rauben Mädchen. Den Chinesen – das kriegt man schnell mit – wird alles erdenklich Schlechte nachgesagt. Dass sie gezielt Mädchen entführen, höre ich mehrmals, so dass ich geneigt bin, es nicht als bloße Räuberpistole abzutun.

 

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Die junge Vietnamesin ist begehrt, sie ist eine „Traumfrau“. Sie ist ein beliebtes Motiv auf Postkarten und Umhängetaschen. Ich habe mir schließlich auch eine zarte Vietnamesin gekauft – als Lesezeichen. Junge Frauen fehlen inzwischen auch hier. Es gibt – wie in China – einen Überschuss an Jungs. Allerdings werden die Jungs ebenfalls gebraucht, sie übernehmen die Verantwortung für den Kontakt mit den Ahnen und führen Regie bei der Aufbereitung von Opfergaben. Sie ernähren die Familie und sorgen für ihr Wohlergehen. Der Sozialismus tut es nicht. Zwar haben sie in Vietnam – wie in Cuba ­– versucht, eine kostenlose Krankenversorgung einzuführen, doch die konnten sie nicht aufrechterhalten. Es gibt auch keine Altersversorgung. Die gibt es lediglich für die „Heldinnen des Krieges“, für Frauen also, die ihre Männer oder Söhne, von denen sie sonst versorgt würden, verloren haben. Der Staat bietet vor allem ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Sozialleistungen erbringt die Familie.

 

Nicht nur Chinesen, auch Amerikaner schwärmen von einer vietnamesischen Frau. Er jedenfalls. Er ist Maler und sagt als erstes, dass eine Frau aus Vietnam schon immer sein Traum gewesen sei. Er kommt aus Cleveland, Ohio, er ist knapp über sechzig und stellt uns stolz seine Frau vor, eine Vietnamesin, Anfang zwanzig, schwanger. Sie spricht kein Englisch. Den beiden steht nun ein jahrelanger Papierkrieg bevor, eh die junge Frau nach Amerika ausreisen und da mit ihm ein „Familienleben in der Fremde“ führen kann.

 

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Amerikaner sind erstaunlicherweise gern gesehen. Manche reisen mit ihren Kindern in die demilitarisierte Zone und führen die Lokalitäten vor, an denen sie einst gekämpft haben, andere kommen und wollen etwas wiedergutmachen. Das Politische ist die eine Seite. Das Private eine andere. Politisch haben die Amerikaner ein Verbrechen an den Vietnamesen begangen, sie sprechen selber offen von einem tragischen Fehler, privat helfen viele Amerikaner und unterstützen das neue Vietnam.

 

Georg W. Bush ist im Jahre 2006 wie ein Freund empfangen worden. Im Unterschied zu seinem vorangegangenen Besuch in Jarkata gab es in Hanoi keine Proteste. Er besuchte einen Gottesdienst und stieg im besten Hotel der Stadt ab – nicht im „Hanoi Hilton“, so nannten die Amerikaner in bitterer Ironie das Militärgefängnis –, er logierte, wie schon Charlie Chaplin, Graham Green und Jaques Chirac vor ihm im Hotel Metropole. Am selben Ort – wenn auch zu anderer Zeit – las Lea Rosh auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus den Gefängnistagebüchern von Rosa Luxemburg. Kommunismus und Kapitalismus finden hier nicht nur auf engem, sondern sogar im selben Raum statt. In Vietnam geht das. Konfuzius macht es möglich. Und ein Buddhismus, der den „happy Buddha“ verehrt, der auf einem dicken Geldsack sitzt und grinsend den Wohlstand herbeiwinkt. Geld ist keine Schande. Das Geld bleibt nach Möglichkeit in der Familie.

 

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Mit dem Namen „Tet“ verbinden wir die Tet-Offensive, die letztlich die Wende im Krieg brachte. Sie fand – völlig unerwartet – just an diesem Tet-Fest statt, dem traditionellen Neujahrsfest, zu dem Kinder neu eingekleidet und alte Schulden beglichen werden. Das Tet-Fest ist noch mehr, es ist ein Familienfest. Die Familien kommen aus allen Teilen des Landes zusammen, auch wenn ihnen eine lästige Bürokratie, die verlangt, alle Reisen anzumelden und zu dokumentieren, das Zusammenkommen erschwert. Alle kommen. Nun geht es. Als das Land noch geteilt war, wurde die Trennung, die in Vietnam viel gemeiner war als bei uns, gerade beim Tet-Fest schmerzlich empfunden. Nun ist es ein reines Freudenfest. Nun können sie alle zusammenkommen und können ein paar Tage unter sich sein. Wer nicht zur Familie gehört, darf in der Zeit das Haus nicht betreten.

 

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Für die Frauen bedeutet das Tet-Fest: kochen, kochen, kochen. Für die Männer: zahlen, zahlen, zahlen. Sie besorgen sich möglichst neue Geldscheine, die wie frisch gebügelt wirken, so dass die Banken, die gar nicht so viel neues Geld vorrätig haben, in Verlegenheit kommen, und dann beschenken sie die Kinder mit Geldpaketen. Später werden die dann für die Alten sorgen. Das tun sie hoffentlich gerne. Sie müssen es nämlich lange tun. Man wünscht sich beim Tet-Fest ein langes Leben. Vietnam scheint ein Land zu sein, in dem das Wünschen noch hilft. Die Lebenserwartung ist annähernd so hoch wie bei uns – und das bei einem Bruchteil der Kosten, die der Staat für das Gesundheitswesen aufwendet.

 

Schon in der Sprache zeigt sich die Verbundenheit zur Familie. Die korrekte Anrede unter Ehepaaren lautet nicht etwa „Schnuckiputzi“, „Schatzi“, „Bärchen“ oder „Hasilein“, sondern „meine kleine Schwester“ und „mein großer Bruder“. Ein Onkel ist zwar nur ein entfernter Verwandter, aber er gehört auch dazu. Onkel Ho, wie man Ho Chi Minh nennt, gehört also zur Familie. Dafür gehört ein Haustier wie etwa ein Hund nicht dazu. Hunde werden gegessen.

 

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Sie haben ansonsten keinen Wert. Das zeigt auch die Fabel von der klugen Frau, die ihrem törichten Ehemann eine Lektion erteilen will. Dieser Mann hat einen armen Bruder, den er jedoch nicht unterstützt, er gibt sein Geld lieber für Saufgelage mit seinen Freunden aus. So kann das nicht weitergehen. Also erschlägt die Frau einen Hund und wickelt den in ein Tuch. Dann erzählt sie ihrem Mann, ihr wäre ein furchtbares Missgeschick unterlaufen, sie hätte versehentlich ein Kind getötet und müsse das nun heimlich im Garten vergraben. Das soll er tun. Dazu benötigt er tatkräftige Hilfe (das ist eine Schwachstelle, volkstümliche Geschichten dieser Art haben oft eine kleine Macke. Denn wieso, so fragt man sich, kann er nicht alleine ein Loch graben? Wie auch immer …) Der Mann bittet seine Freunde um Mitarbeit, die lehnen alle ab. Nur der arme Bruder hilft ihm in der Not. Die Freunde verklagen den vermeintlichen Mordgesellen am nächsten Tag in der Hoffnung, dafür eine Prämie zu kriegen. Als der Mandarin kommt und keine Kinderleiche, sondern nur einen toten Hund exhumiert, sind die Freunde blamiert und der törichte Ehemann erkennt endlich den wahren Wert der Familie.

 

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Die Überwachung, die allgegenwärtig ist, bezieht sich zuallererst auf das Familienleben. Die Vietnamesen sind zutraulich und neugierig. Zuerst wollen sie wissen, wie viele Kinder man hat. Der erwähnte Freund kann nur deshalb in guter Nachbarschaft mit seiner Freundin in einem Haus zusammenleben, weil alle denken, dass sie schon lange verheiratet sind. Doch sie geben keine Ruhe, sie fragen weiter. Wie viele Kinder haben sie denn nun? Schließlich hat sich das seltsame Paar aus Deutschland zwei Töchter ausgedacht, die in Europa studieren und deshalb nur selten zu Hause sind. Zufrieden waren die Nachbarn immer noch nicht. Sie wollten wissen, wie die Kinder heißen. Sie wollten Fotos sehen. Zum „Glück“ war ihnen gerade der Computer geklaut worden mit all den Fotos auf der Festplatte.

 

Das Frauenmuseum in Hanoi ist vermutlich ein Ärgernis für eine Feministin aus dem weißen Westen. Es zeigt die „Frau in der Familie“, die „Frau bei Hochzeitsfeiern“ und die „Frau mit Kindern“. Das ist immer noch so. Es gibt kein anderes Frauenbild. Ich bin mit Mingh Mingh hier. Sie heißt eigentlich nur Mingh, aber die Verdoppellung verleiht ihrem Namen ein gewisses Südsee-Flair. Nicht nötig. Sie ist auch so schon bezaubernd. Sie hat einen Motorradhelm mit einer kleinen Ausbuchtung für die Steckfrisur und ein Lacoste-Krokodil auf ihrem Mundschutz. Sie hat mich für 300.000 Dong auf ihrem Motorrad mit zum Frauenmuseum genommen und zeigt mir in der Abteilung „Mode“, was ihr persönlich am besten gefällt. Sie will später auch Kinder haben, am liebsten drei: zwei Jungen, ein Mädchen. Sie mag mich. Sagt sie. Ich mag sie auch. Bis zu dem Moment, als sie will, dass ich ihr Ohrringe kaufe.

 

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Ehe ich mir nun überlege, was ich schlechter und was ich noch schlechter finde, möchte ich noch etwas zu unserem Mann aus Cleveland, Ohio sagen: Er ist kein Sextourist. Dafür ist Vietnam sowieso nicht die erste Adresse. Er will eine Familie. Er hatte schon mal eine in Cleveland, Ohio, doch seine geschiedene Frau verweigert ihm den Umgang mit den Kindern. Nun soll ihm seine Traumfrau aus Vietnam ein zweites Glück bescheren.

 

Auch Mingh Mingh ist nicht eine von denen. Sie bietet mir keine „Lady-Massage mit happy ending“ an, keine „Massage Bum!“ Es geht nur um die Randbereiche von Sex. Das Zentrum der Sehnsucht ist die Familie. Doch ich bin nicht ihr reicher Onkel, ich gehöre nicht dazu. Einige echte Onkel hat sie bestimmt, und ein Bild von Onkel Ho hängt, wie sie mir erzählt hat, in ihrem Elternhaus.

 

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Vietnam ist voller Sehnsuchtsbilder aus der Kindheit, als die Familie noch eine Selbstverständlichkeit war. Wenn man mit dem Nachtzug, der sich langsam aus der Stadt heraus schleicht und dicht an den gardinenlosen Fenstern vorbeifährt, und dabei Blicke auf das Privatleben erhascht und sieht, wie sie da auf der Erde rund um das Fernsehgerät hocken oder in Hängematten schaukeln, wird einem wehmütig. Immerhin kann man hier, so wie das früher auch bei uns möglich war, beim Zugfenster die Scheibe nach unten schieben. So können wir unsere Köpfe in den lauen Fahrtwind hängen und können gucken. Gucken und gucken.

 

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Wir sehen uns als Kinder, die in übergroßen Puppenhäusern Familie spielen und später, wenn sie groß sind, eine richtige Familie haben wollen. Die Plastikteller sind nur Spielzeug. Die Stäbchen kleine Äste. Die Millionenbeträge Dong wirken so, als wäre das nicht ernst gemeint, als wäre es nur ein Monopoli-Spiel. Man kommt sich vor wie in einem Montessori-Kindergarten. Maria Montessori wollte die große Welt auf die Maße der Kinder zuschneiden, in ihrem Heim wurden die Türklinken extra nach unten verlegt, damit die Kleinen heranreichen. Ein Stuhl musste so leicht sein, dass ein dreijähriges Kind ihn tragen könnte. Kein Problem in Vietnam.

 

Manchmal sieht da aus wie bei uns an einem Kindergeburtstag.

 

Schriftsteller, Gruppensex und Sprachmörder

 

william

Wissen deutsche Schriftsteller noch, wie sie heißen und was sie sind?

Wollen sie gleichgestellt werden?

Warum lügen Sexisten so gerne?

 

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