Café Con Amore

Café con Amore

Die Geschichte des Buches

 

„I’ve never been to Africa, but it comes up in my dreams…“

adss01Ich war tatsächlich noch nie in Afrika gewesen, als ich Raphael Schell in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts – So lange ist das her! – bei einer off-documenta-Ausstellung in Kassel traf. Er hatte seine Erlebnisse auf großen Bildern festgehalten, aus dem Gedächtnis, auf Bauplatten, auf die er ein Stück Leinwand getuckert hatte.

Die Bilder hatten ein Geheimnis; es fehlten die Menschen. Es sah aus, als wären es Tatorte, von denen man hastig alle Leichen weggeschafft hat, um ja keine Spuren zu hinterlassen. Alle Bilder mussten noch erklärt – oder sagen wir mal: sie mussten noch illustriert werden, auch wenn sie schon bunt waren.

Raphael fing an zu erzählen:

Vor mehr als zwanzig Jahren war er Mitglied einer gewaltfreien Aktion, die verbotene Bücher auf einem Segelschiff nach Namibia bringen wollte, um so die Unterdrückung durch Zensur und Apartheid anzuprangern und letztlich zu Fall zu bringen. Er hatte ihm noch den Belegnagel von seinem geliebten Schiff, der Golden Harvest. Er hielt immer noch Nachtwachen.

 

Auch als er mir seine Erlebnisse auf etwa 40 Kassetten gesprochen hatte (was ich an dem Rand der psychischen Erschöpfung adss02brachte), war er lange nicht fertig. Er lebt in Kassel, aber ist immer noch in Afrika.

Weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte, hab ich ihm den Stoff abgekauft – richtig mit Vertrag und Geldüberweisung. Es hat nicht viel genützt. Ich konnte lange nichts darüber schreiben.

Weil Raphael immer noch nicht über Lagos, nicht über San Antonio hinweg war. Es war zu viel für ein einziges Leben. Dabei war er noch jung gewesen, voller power, love and energy, nicht mal volljährig. Er kommt aus dem Landesinneren und liebt das Meer- wie wir alle, mehr oder weniger. Bei ihm war es etwas mehr. In seiner Familie wurde schon gespottet, dass er ein Opfer der Schlager von Freddy Quinn geworden ist. So wurde er zum Jungen, der nicht so bald wiederkam.

 

Ich habe noch einen Überlebenden getroffen. Hans lebt in Berlin. Man kennt ihn vielleicht vom Sehen: Er stand immer nachts am Bahnhof Zoo mit der neuesten Ausgabe der „taz“. Hans spricht nicht so viel wie Raphael. Er hatte so viel erlebt, dass er nicht einfach adss03zurück nach Deutschland kommen konnte, nach allem was passiert war. Immerhin hatte er eine Kiste mit Briefen, Zeitungsartikeln und Protokollen aufgehoben.

Darin sind die siebziger Jahre protokolliert – es ist meine Zeit, ich war auch so jung wie die Helden damals. Ich erinnere mich noch sehr an all das politisch Denken und Träumen. Damals gab es das Wort „Gutmenschen“ noch nicht, aber „relevant“ und „Spätkapitalismus“. Ich bin auch Kriegsdienstverweigerer. Mit der Mappe von Hans war es nicht mehr nur die Geschichte von Raphael, sondern: talkin‘ about my generation.

Natürlich liebe ich Bücher – ich war sofort überzeugt von diesem book project und hätte da selber gerne mitgemacht, wenn ich es gewusst hätte. Es ist eine wunderbar poetische Idee: Auf einem Segelschiff reisen junge Menschen aus verschiedenen Nationen in Richtung Namibia – mit Büchern an Bord. Ein friedliches Bild. Doch die Bücher sind Sprengstoff.

 

Wenn Südafrika, das den Hafen von Walfish-Bay beanspruchte, diese Bücherspenden an Land ließe, wäre ihr Unterdrückungssystem von Kontrolle und Zensur eingebrochen wie ein Damm, der ein Leck hat. Wenn sie dagegen die Einfuhr verweigerten, was sie adss04eigentlich nicht könnten, zumal die Crew eine UN-permission hatte, würde sich Südafrika vor der Weltöffentlichkeit blamieren. Letztendlich könnte man die Menschen sowieso nicht davon abhalten, Bücher zu lesen.

So wie Donovan bekanntlich einen Aufkleber auf der Gitarre hatte THIS MACHINE KILLS (von Woody Guthrie abgeguckt, bei dem es der Zusatz FASCISTS gab); um die Gefährlichkeit solcher Lieder wie ‚Universal Soldier‘ zu betonen, so könnte so ein Sticker auch auf so manchem der Bücher geklebt haben (deren Besitz mit fünf Jahren Gefängnis bestraft wurde) – Bücher, die im Schafspelz einer non-violent action, Fahrt aufgenommen hatten Richtung Namibia.

Doch es genügt nicht, Bücher zu lesen. Sie verführen einen ja, selber etwas zu erleben und die Welt kennen zu lernen. Zuerst war ich in The Gambia. Mir war sofort klar, dass ich da noch mal hin muss. Da wieder diese Intensität wie von den Kassetten von Raphael – es war alles too much, mehr, als ich hätte träumen können: Es war zu heiß, alles ging viel zu langsam; die Menschen kamen einem zu nah, man musste sie einfach lieben und fürchten.

 

Als Schriftsteller hat man eine Einsamkeit, über die ich an dieser Stelle nicht lamentieren will – nur so viel: Wenn man versucht, in Afrika alleine zu reisen, kommt man nicht weit. Ich habe es versucht. Zuerst in Togo. Es war gerade Valentinstag. Ich freundete mich mit einem Mann an, der – zufällig – auch Valentin heißt. Mit ihm war ich im Hafen und bereiste Benin. Er braucht dringend Geld, er nimmt auch Gebrauchtwagen. Also, falls zufällig jemand …adss05

Es kam noch schlimmer. Lagos erreichte ich mit Verspätung gegen die dringende Empfehlung des ‚lonely planet‘-Reiseführers, der lapidar bemerkt: „Don’t arrive at night!“ Ich hatte mich vorbereitet und verschwiegen, dass ich Schriftsteller bin, aber ich hatte mir nicht vorgestellt, dass sie mich verhören würden wie ein Verbrecher. Mein Gepäck wurde nur deshalb nicht gefilzt, weil es gar nicht da war.

 

 

Ein Uniformierter brüllte mich an – (offenbar der normale Umgangston): „I give you one advice: go back now!“ Dann lauter, als wäre ich begriffs-stutzig: „I told you to go back now!“ Es gab Warnungen, dass man kein Trinkgeld geben dürfte (ich hatte extra Dollars in den Schuhen) – Defaulters will be arrested. Was nun? Meine erste Nacht verbrachte ich auf dem Sofa der Drogenfahndung. Am Morgen hatte ich neue Freunde, die mir versicherten, dass Jesus mich liebt.

Fela Anikulapo Kuti wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen und war wieder in den Schlagzeilen, wie damals, als das schwarze adss09Schiff in Apapa einlief. Ich habe seinen Laden aufgesucht und sein Buch ‚Why Blackmen Carry Shit‘ gekauft. Man durfte sich nicht setzen und nicht länger als 10 Minuten der Musik zuhören. Es war auch nicht gestattet, politische Diskussionen zu führen. Sein Shrine war nicht zugänglich, der ganze Compound war von Polizisten umstellt.

 

 

 

Später war ich in Cape Town – im ehemaligen Feindesland. Hier gibt es inzwischen so eine Bibliothek mit Büchern zur wahren Geschichte, mit true african thinking, black heritage – Bücher, die dem neuen Afrika zur eigenen Identität verhelfen können. So wie es Fela Kuti gefordert hat und vor ihm schon Dr. Kwame Nkrumah. Hier war genau so eine Freiheitsbibliothek, wie sie die Friedenspiraten so gerne schon in den 70er Jahren errichtet hätten.

In einem Internet-Café habe ich gleich nach den beiden peace-ships suchen lassen, nach ‚Golden Harvest‘ und ‚Fri‘ (die auch vor Mururoa kreuzte und schon in den 30er Jahren Juden aus Deutschland raus brachte). Die Schiffe waren schließlich Vorkämpfer so einer Freiheitsbibliothek. Dann habe ich mich in die kleine Karoo-Wüste zurückgezogen zu Jans Rautenbach, einem Filmemacher, der an vielen Dokumentationen zur Geschichte Afrikas gearbeitet hat.

 

Es ist noch eine Geschichte aus einer Zeit, in der das Herrschaftswissen (wie man damals sagte) noch in Buchform transportiert werden musste. Da war Zensur noch möglich. Da galt auch das Buch noch etwas.

adss11Das Buchprojekt der Operation Namibia auf den beiden peace ships ‚Golden Harvest‘ und ‚Fri‘ war noch eines der letzten großen Auftritte in der Geschichte des Buches so wie wir es kennen …

Ich habe versucht, weitere Überlebenden aufzuspüren. Neuseeland ist klein. Die zweite Stimme am Telefon war die von Anna. Im Buch werden Babyfotos von ihr rumgereicht. Die große Anna hat ihre Poster von der Decke genommen, um für mich ein Moskitonetz überm Bett anzubringen. Sie hat ihren Eltern das Leben gerettet, weil sie ihretwegen die ‚Rainbow Warrior‘ verlassen hatte, eh sie vom Geheimdienst in die Luft gesprengt wurde. Ihretwegen hatten sie auch die ‚Golden Harvest‘ verlassen. Auch rechtzeitig.

 

adss12Ich war – nach fast sieben Jahren – so gut wie fertig mit dem Manuskript, da kam die Nachricht, dass Kris tot ist. Er hätte das Buch schreiben müssen. Er war der „responsible officer für press and public relation“ (zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, wie man auf deutsch sagt). Er hatte mir noch gefaxt, dass er immer noch davon träumt, so ein Buch zu schreiben, wenn er nicht Wichtigeres zu tun hätte – nämlich den Regenwald zu retten.

Es gab ein meeting REMEMBER KRIS in London. Da kamen sie noch mal alle zusammen. Es war sehr aufregend – und auch ein bisschen gruselig – für mich, all die Figuren aus dem Buch als richtige Menschen zu treffen (aber das gehört wieder zum Thema Einsamkeit des Schriftstellers). Erst wenig später habe ich mich in Tränen aufgelöst.

 

Das Treffen selber war recht nett: Es gab Nudeln, Weine aus Südafrika, wir haben seine Lieblingssongs aufgelegt, Fotos rumgehen lassen und Videos von Regenwald-Aktionen angeguckt. Es war wie bei einem Kamikaze Bodenpersonal reunion meeting. Ich kriegte das Logbuch der ‚Golden Harvest‘ zum Kopieren; ich habe Jude umarmt, und Barry hat mir vorgeführt, wie leicht er seine fünften Zähne rausnehmen kann (die dritten und vierten adss14hat er in Afrika eingebüßt).

 

Barry ist übrigens sicher, dass Kris ermordet wurde. Er will demnächst nach Südafrika. Da will er erforschen, ob nicht doch der Geheimdienst bei dem Buchprojekt mitgemischt hat. Denn Operation Namibia – wenn man sich das recht überlegt – konnte eigentlich nicht scheitern. Nun ist jedenfalls ein Buch daraus geworden. So wie ein Buch sein muss: ein Abenteuerroman mit richtigen Menschen.

 

Du hast noch 1 Jahr Garantie

In diesem Buch aus dem Jahre 1978 kommen Texte vor wie die ‚Gebrauchsanweisung zum Rolltreppenfahren‘, der ‚Traum von der Zeitmaschine‘ und ein Bericht von der ersten Liebe: ‚Ich wollte treu sein, sobald ich konnte‘ – so fängt es an:

„Liebe ist, wenn man nicht mehr fragt, ob es Liebe ist“. So antwortete damals Dr. Sauer auf die Frage von Bravo-Leserinnen. Diese Probleme hatte ich nicht, ich wußte es genau: meine große Liebe hieß Ilse (Name geändert). Wenn Ilse nur am Horizont auftauchte, wurde ich kribbelig und der Horizont war weit weg in dieser flachen Gegend, wo wir mit unseren Fahrrädern stramm gegen den Wind anstrampeln mußten. Wenn ich Ilse, Ilse nur am Horizont sah, lief ich auf mein Zimmer und warf mich aufs Bett. So verliebt war ich. Allerdings kam es mir auch etwas übertrieben vor.

In der Zeit kam „Tired of Waiting“ im Radio. Wir hatten das Radio oft im Garten stehen mit Verlängerungsschnur durchs Badezimmer … 

Über die Bücher

 

 

Romane

 

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Auf dem schwarzen Schiff (Goldmann, 2000)

zum Buch

über das Buch

ist ein umfangreicher Tatsachenroman, nicht bloß ein Schmöker, der auf hoher See spielt, sondern ein umfangreicher Generationsroman, der einst von der FAZ als „’Animal Farm’ der Friedensbewegung“ bezeichnet wurde: In einer sowohl künstlerischen als auch politischen Aktion, die symbolisch und konkret zugleich sein sollte, werden verbotene Bücher auf einem Segelschiff nach Afrika gebracht.

 

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Land mit lila Kühen (Diogenes, 1981)

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über das Buch

war mein erster Roman: In einer realistischen Rahmenhandlung werden – als würden zwischendurch Videos eingelegt – fantastische Geschichten erzählt, bei denen etwas Echtes durch etwas Modellhaftes ersetzt wird.

 

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Die Schönheit der Frauen (Goldmann, 2001),

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über das Buch

das ursprünglich ‚Die Schönheit der Frauen aus dem Radio’ heißen sollte, hat gar keine Rahmenhandlung mehr, nur noch Parabeln. So gesehen sind beide Romane Versuche, die Welt in Fabeln zu erklären.

 

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Ab in die Tropen (Diogenes, 1984)

zum Buch

über das Buch

hat nur eine realistische Rahmenhandlung von einem jungen Mann, der aussteigen will und sich zum falschen Zeitpunkt verliebt. Es ist eine durchgehende kleine Winter-Erzählung.

 

Sammlungen 

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Der Untergang der Kowalski

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über das Buch

 

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Der Bonsai will das

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Liebe in den großen Städten

zum Buch

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Du hast noch 1 Jahr Garantie

zum Buch

über das Buch

 

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In der Stadt soll es Mädchen geben, die nur Vornamen haben

zum Buch

über das Buch

 

Bücher zu Hörspielen

 

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Zuckerhut und Flitzebogen

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über das Buch

 

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Das Europäische Gefühl

zum Buch

über das Buch

 

Gedichte

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Ohnmacht und Größenwahn

zum Buch

über das Buch

 

Als Herausgeber:

 

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Dorn im Ohr

zum Buch

über das Buch

 

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Das Günther Anders Lesebuch

zum Buch (s.o.)

über das Buch (s.o.)

Land mit lila Kühen

In dem Buch finden wir die Geschichte vom Märtyrertor. Eine Geschichte aus der Zeit von Not und Pest. Auch aus der Zeit von Corona?

Hier stelle ich das Buch in einemm kurzem Video vor:


Es war mein erster Roman, der im Diogenes-Verlag erschienen ist und nun noch einmal neu, diesmal mit Zeichnungen von Uli Gleis. Man merkt, dass ich noch jung und unbefangen bin. 

In der Rahmenhandlung wird eine Reise durch Deutschland unternommen, durch die BRD, besser gesagt, denn Deutschland ist noch geteilt. Man merkt auch deutlich die Stimmung der achtziger Jahre. Aber die wüsten Geschichten, die sich im Kopf des Reisenden abspielen, sind zeitlos und gehen an das Eingemachte: an die Träume und Ängste.

 

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Ein Kritiker hatte bemängelt, dass so etwas kein Roman sei, sondern lediglich eine Aneinanderreihung von wüsten Geschichten. Ja. Schon. Aber die gehören zusammen und ergeben ein Ganzes. 

Die Vorbilder waren für mich Die gelben Männer von Urs Widmer, Frühstück für starke Männer von Kurt Vonnegut und Tante Julia und der Kunstschreiber von Mario Vargas Llossa. Da ist es auch so. So ähnlich jedenfalls.

Ich habe damals die modernste Technik genutzt, die mir zur Verfügung stand: eine IBM Kugelkopfmaschine mit zwei auswechselbaren Schriftköpfen. Und mit Korrekturband.

Mit dem Courier-Kopf habe ich die Rahmenhandlung beschrieben: eine Reise durch das Land mit den lila Kühen von einem, der günstig mit einem Tramper-Monatsticket reist.

 

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In den Gesprächen im Zugabteil geht es noch um solche Fragen wie die, ob die DDR zu Deutschland gehört und ob es die Götter extra so eingerichtet haben, dass die Liebenden ein paar Stationen voneinander entfernt leben.

Leider, leider, leider muss der Reisende beobachten, wie die Städte immer gesichtsloser und verwechselbarer werden als würden sie völlig hinter den Werbeplakaten verschwinden. Schlimm genug.

 

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Mit dem Italic-Kopf habe ich dann zehn Geschichten als Kommentare eingeschoben, als hätte der liebe Leser – und unser Reisende – ein Kino im Kopf.

 

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Da geht es um Entdecker, die im Weltall herumfliegen und das Echte nicht mehr vom Surrogat unterscheiden können, um einen Liebhaber, der sich eine ideale Frau aus verschiedenen Einzelteilen zusammenbaut.

 

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Es geht um einen Trickbetrüger, der den Zufall verkaufen will und um die Verfilmung einer Liebesgeschichte, bei der die Liebenden durch Doppelgänger ersetzt sind.

Da wird von einem Ludel-Dichter berichtet, der unverstanden bleiben will, aber gerade deshalb zu einer Kultfigur wird.

 

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Es gibt eine einmalige Hamlet-Ausführung, bei der zum Schluss der Theaterkritiker dran glauben muss.

 

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Es geht um einen einsamen Mann, der die Götter herausfordert, weil er alle schöne Frauen küssen will; es geht um zwei Computer, die sich bekämpfen, um die Rache der Gummistiefelmörder und um weitere fantastische Geschichten – auch alles schlimm genug irgendwie, aber da hat das Schrieben noch richtig Spaß gemacht.

 

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Man merkt aber schon, dass da immer wieder ein Gefühl von Heimatlosigkeit durchschimmert, dass es um den Verlust von etwas geht, das man als „echt“ bezeichnen möchte.

 

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Das Buch stammt schließlich aus der Zeit, als sich das Wort wie ein Virus verbreitete und man das Gefühl hatte, man müsse es mit „ä“ schreiben (wie in „Ätsch Bätsch“) und ein Fragezeichen anhängen: ächt?

 

Ja!

 

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Hier noch ein kleiner Ausschnitt

 

„Ich will dir mal eine Geschichte erzählen“, sagte der Mann, obwohl er gar nicht wußte, ob er das gut konnte, aber das war eine gute Gelegenheit, also los:

„Es war einmal ein Planet, auf dem hatten die Götter alles wunderbar fertig aufgebaut. Schöne Häuser; grüne Wiesen, über die wilde Pferde hinweggaloppierten; große Flüsse. Alles war fertig, sogar den Fahrplan für die Zugverbindungen hatten die Götter schon ausklamüsert. Alles war schön geworden, und auf jedem Baum, auf jeder Blume, überall stand das Zeichen: Copyright by the Gods. Nur die Menschen waren noch nicht fertig. Die lagen zwar alle schon vorbereitet in Kühlboxen und konnten jederzeit aufgetaut werden, doch denen fehlte noch die Programmschaltung für Liebe, und da konnten sich die Götter einfach nicht einig werden, nach welchem Programm sich die Menschen lieben sollten. Der eine Gott wollte, dass immer je zwei Menschen in Liebe zusammenpassen, und wollte dazu ein System einbauen wie bei BKS-Schlüsseln, wo immer nur der richtige Schlüssel ins richtige Schlüsselloch paßt. Andere Götter fanden das langweilig und wollten lieber Kombinationsstecker und Steckdosen, die man beliebig zusammenstecken konnte. Andere Götter fanden es schon mal gar nicht gut, dass immer zwei sich auf Gegenseitigkeit lieben sollten, und machten den Vorschlag, dass immer je sieben Männer ein und dieselbe Frau lieben sollten, damit auch ordentlich was los wäre auf dem Planeten. Ein Gott machte sogar den Vorschlag, dass alle Männer nur eine einzige Frau lieben sollten, und die eine Frau wollte er in der Kühlbox lassen, so dass alle Männer vergeblich lieben würden. Andere Götter waren für mehr Ernsthaftigkeit und brachten ein Weggefährten-Modell in die Debatte, danach sollten sich immer Paare finden gemäß ihrer jeweiligen Arbeit. Andere Götter waren völlig gegen Paare und wollten stattdessen, dass sich die Menschen in lockeren Gruppen zusammentun. Ein Gott wollte sogar alle Menschen auf Einzelwesen programmieren. Kurz, es herrschte keine Einigkeit. Die Götter konnten sich nicht mal darüber einigen, ob es mehr Eifersucht oder mehr Liebe auf dem Planeten geben sollte, ein Gott wollte sogar überhaupt keine Liebe, nur Sehnsucht …“

„Die stimmt aber nicht, die Geschichte“, freute sich die Frau plötzlich.

„Die denke ich mir doch nur aus.“

„Das ja, aber du denkst sie falsch aus.“

„Wieso?“

„Der Planet kann nicht schon ohne Liebe fertig sein. Das geht nicht. Die Welt prägt die Liebe und läßt nicht jede Art von Liebe zu: So wie die Welt ist, so ist auch die Liebe in der Welt. Zum Beispiel hast du gesagt, dass die Häuser schon fertig sind – sind das denn Einfamilienhäuser? Häuser mit Gemeinschaftsräumen? Oder Leuchttürme für Einzelwesen?“

„Ist schwierig“, mußte der Mann zugeben, „stimmt, ist ganz schön schwierig.“

„Ja, es ist schwer.“

Die beiden schwiegen ein bisschen.

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Auf dem schwarzen Schiff

 

Es gibt dazu auch einen Text in englischer Sprache

 

Auf dem schwarzen Schiff

ist ein Taschenroman über „Operation Namibia“, bei der auf einem Segelschiff Bücher nach Afrika gebracht werden sollten – eine symbolische und zugleich konkrete Aktion, in der wir sofort den Geist der 70er Jahre erkennen, als John Lennon noch lebte. Ich wollte immer schon mal eine richtigen Schmöker schreiben, so was in der Art wie „Meuterei auf der Bounty“. Als mir Raphael Schell eines Tages von seinen Abenteuern an Bord der ‚Golden Harvest‘ erzählt hat, war ich so verzaubert, dass ich selber einige Tatorte in Afrika aufgesucht und Überlebende in London und Aukland befragt habe. Zunächst hatte ich mit dem Titel „Friedenspiraten“ geliebäugelt, Raphael dagegen mit „Blues der Bücher“ – beides stimmt. Es ist ein Beitrag zur Friedensbewegung und eine Liebeserklärung an das Buch.

 

Hier stelle ich das Buch in einem kurzen Video vor:

 

 

 

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Das Ungenügen der Anschauung

 

Die Geschichte des Günther-Anders-Lesebuches, das nun unter dem Titel ‚Die Zerstörung unserer Zukunft‘ neu erschienen ist, beginnt 1977 in Hiroshima, wo ich sah, dass ich nichts sah – oder besser gesagt: nicht genug sah.

„In Europa ist alles so groß, so groß, und in Japan ist alles so klein …“, so klang das Lied in mir nach. Das Mahnmal wirkte unangemessen klein, so rührend. Es war geschmückt mit bunten, aus Papier gefalteten Friedenszeichen, Mahnungen, Gebeten, Meditationen, Grüßen. Es sah aus wie ein Kindergeburtstag, der aus irgendeinem Grund ganz furchtbar traurig war.

Es war so unspektakulär. Das Museum, das an den Atombombenabwurf erinnerte, kam mir vor wie eine einzige hilflose Geste. Da waren Schaukästen, die von Überlebenden gestaltet waren, die zeigten Figuren wie aus einem Wachsfigurenkabinett, die eine Puppe durch eine Feuerkulisse trugen, mit Kleidern, die ihnen in Fetzen herunterhingen. In dem Liederbuch mit ‚Songs of Hiroshima’ hatten Kinder geschrieben: „Give back my father. Give back myself.“ Ich guckte mir alles an und kaufte mir an Büchern und Broschüren alles, was ich kriegen konnte, um das in Ruhe nachzulesen und dann vielleicht zu verstehen. Es sollte noch lange nachwirken und dazu führen, dass ich Jahre später die Bücher von Günther Anders lesen und ein Lesebuch mit seinen Texten herausgeben sollte.

Wir hatten Tränen in den Augen. Auch bei unseren japanischen Begleitern glitzerte es hinter der Brille. Jeder schrieb still Postkarten mit einfachen Sätzen, als hätte sich der Stil der Hiroshima-Lieder übertragen. Wir wollten dringend etwas loswerden, das wir immer schon mal gesagt haben wollten, doch bisher hatten wir jede Gelegenheit verstreichen lassen: „Nie wieder Krieg!“ Meine Eltern schrieben an ehemalige Nachbarn und Verwandte aus der DDR; ich an Kommilitonen. Meine Mutter erzählte von der Zerstörung von Zerbst, als Napalm eingesetzt wurde und Menschen auf die Größe einer Puppe zusammenschmolzen. Da war ich noch nicht geboren. Und was ich hier zu sehen kriegte, zeigte mir das Leiden eines Krieges, das ich nicht unterscheiden konnte von dem Leiden, das speziell durch eine Atombombe ausgelöst wird.

Meine Wahrnehmung hatte einen merkwürdig doppelten Boden. Ich sah etwas. Ich fasste es an. Ich trank Wein aus der Region – und gleichzeitig dachte ich, dass das alles nicht sein kann, dass es unwirklich ist. Hiroshima müsste doch auf ewig verstrahlt sein, die Gegend ein einziges Sperrgebiet, das man nicht betreten darf. So eine Vorstellung hatte ich von den Meldungen über Atomversuche, eine Strahlung, die „heller als tausend Sonnen“ ist, verdirbt einen Ort für immer.

Meine Anschauung passte nicht dazu. Wieso konnte ich hier frei herumlaufen? In einer freundlichen Stadt voll junger Menschen. Man sah keine Kriegsfolgen – nicht so wie etwa in Berlin. Das lag wohl daran, dass Städte in Japan sowieso irgendwie provisorisch wirken. Und selbst wenn man Folgeschäden nicht sehen kann, heißt es nicht, dass sie nicht gibt.

Dann erwischte es mich doch, ungekannte Angstgefühle durchfluteten mich. Im Gedränge in der Straßenbahn geriet ich in die Nähe einer Frau, die so alt war, dass sie den Abwurf überlebt haben könnte – falls sie von hier war. Ich wich ihr instinktiv aus. War sie verstrahlt? War das ansteckend? Würde ich jetzt auch krank werden? Oder wurde ich langsam wunderlich? Ich versuchte, eine Berührung – und sei sie noch so flüchtig – auf jeden Fall zu vermeiden.

 

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Nagasaki liegt auf Hügeln verteilt, was die Wirkung der Bombe eingeschränkt hatte. Schon der Name „Nagasaki“ klingt nicht so dramatisch wie „Hiroshima“. Das Unglück von Nagasaki liegt im Windschatten. Günther Anders spricht in dem Zusammenhang von der „Singularität von Nagasaki“ – in Anlehnung an die Singularität von Auschwitz, um hervorzuheben, dass die Massenvernichtung durch einen technischen Apparat auf einer neuen Stufe angekommen war: Die „Notwendigkeit“ des Abwurfs begründete sich allein aus dem Wunsch, eine Bombe auf Plutonium-Basis – statt auf Neutronen-Basis wie in Hiroshima – auszuprobieren. Nagasaki ist eine Stadt mit südländischem Flair. Eine Gedenkstätte gab es da auch – die ließ ich aus. Von Folgeschäden des Krieges und eines Atombombenabwurfes war für einen durchreisenden Touristen nichts zu spüren.

Ich schlief im Krankenhaus. Nicht weil ich mich plötzlich unwohl gefühlt hätte, es lag einfach daran, dass meine japanischen Freunde praktisch veranlagt waren und eine besonders günstige Übernachtung organisiert hatten – wann hat man schon mal ein Bett mit Sauerstoffanschluss?! Der Service würde dann eben an anderer Stelle besser sein. Eine der Nonnen, die da arbeiteten, kam aus dem Münsterland und erzählte am nächsten Morgen von ihren Überlegungen und ihrer Antwort auf die Frage, die sie sich oft gestellt hat: Warum ausgerechnet Nagasaki? Da lebten doch so viele Christen. Ihre Antwort: Ein Christ ist besser auf den Tod vorbereitet.

Und ich dachte, es wäre umgekehrt – wenn man schon verallgemeinert, dann wäre meine Vorstellung, dass Japaner gelassen mit dem Tod umgehen, die sitzen doch ständig auf dem Pulverfass und trotzen den Naturgewalten, den vier Monstern: Vulkanausbrüchen, Taifunen, Überschwemmungen, Erdbeben. Ich sagte nichts, ich hatte eine andere Frage: Wieso war das Krankenhaus unterbelegt? Wo waren all die Kranken, die an den Langzeitschäden litten? Gab es für diese Kranken etwa gesonderte Lazarette? Oder wurden die in ihren Häusern versorgt? Oder gab es die nicht?

Anschauung reicht nicht. Stichproben aus der Wirklichkeit geben kein gültiges Bild. Erfahrung macht dumm. Man sieht nicht mal das, was man weiß. Da muss noch etwas hinzukommen. Es reicht nicht, vor Ort zu sein, Notizen zu machen und zu gucken.

Die Unmittelbarkeit täuscht. Also wagen wir einen Blick hinter die Kulissen des Sichtbaren und begeben wir uns in die Welt der Abstraktion, die allerdings auch ihre Tücken hat.