Anders: Die Hände in Unschuld waschen

Die Hände in Unschuld waschen

Der Philosoph Günther Anders, der eigentlich Stern heißt, wurde bekannt durch den Briefwechsel mit Claude Eatherly. Darin erklärt er dem so genannten Wetter-Piloten, der in Hiroshima vorangeflogen war und „nur“ das Signal zum Abwurf geben musste, was er damit angerichtet hatte, und dass sein Leiden – Eatherly war inzwischen in einem Sanatorium – eine menschliche Regung war, die ihn auszeichnet. Anders wollte ihn für die Anti-Atom-Bewegung gewinnen, der Eatherly dann auch symbolisch voranfliegen sollte. In dem Briefwechsel ‚Off limits für das Gewissen’ erklärt er ihm in einfachen Worten die philosophische Dimension der Bombe.

Für mich war das eine Erleichterung. Ein Glück. In Günther Anders hatte ich eine Vertrauensperson gefunden, der mir meine Eindrücke von Hiroshima erklären konnte, und ich hatte einen großartigen Schriftsteller entdeckt. Das gilt nicht so sehr für erzählende Texte wie ‚Kosmologische Humoreske’ oder den ‚Hungermarsch’, er glaubt sogar selber, dass für das Schreiben von Prosa eine gewisse „Unterbegabung“ erforderlich ist; seine Stärke liegt in der Sprachbetrachtung. Darin ist er hochbegabt: Es gelingt ihm, in die Worte „hinein zu horchen“, wie er es nennt, und eine Sprachkritik, die in diesem Fall nicht – wie sonst – konservativ ist, in den Dienst seines Engagements für den Frieden zu stellen und auch philosophisch nicht gebildete Leser mit sprachlichen Hilfsmitteln auszustatten, zu verblüffen und zu erfreuen. Man könnte gut ein kleines Wörterbuch mit Günter-Anders-Stichworten herausbringen, man hätte dann einen Werkzeugkasten griffbereit und könnte bei vielen schief laufenden Diskussionen sofort die notwendigen Reparaturen vornehmen.

Er spricht etwa von der „Apokalypse-Blindheit“, mit der wir geschlagen sind, denn wir sehen nicht die Gefahr, in der wir stehen; und er ermutigt uns zum „Mut zur Angst“. Die Impulse, die uns erreichen, wirken nicht etwa „unterschwellig“ – das wäre so, wenn sie zu klein wären, um eine spürbare Wirkung zu erzielen -, vielmehr sind sie „überschwellig“, also zu groß. Mit solchen Verschiebungen in den Dimensionen können wir nicht umgehen. Arbeiter, die in einer Waffenfabrik bei beschwingter Musik arbeitsteilig irgendwelche Handgriffe erledigen, sind für ihn „Lustmörder“ – schließlich haben sie Spaß bei dem, was sie tun – auch wenn sie die Effekte ihres Tuns nicht überblicken. So erklärt er unsere Defizite aus den Produktionsbedingungen, denn „wir stellen mehr her als vor.“ Diese Differenz ist sein Thema. Um die Kluft zu überwinden, müssten wir verstärkt die Fantasie anstrengen.

Dem gängigen Begriff der „Entfremdung“ stellt er die „Verbiederung“ entgegen, die skandalösen Verkleinerung, der unsere Medien folgen, die uns ein Bild der Welt liefern, das auf neue Art verlogen ist und eine falsche Vertrautheit herstellt: Sie zeigen uns etwa den Präsidenten im Kreis der Familie vor dem Kamin. Und immer sind es die Medien, die mit „dem Duzen anfangen“. Man findet bei ihm – besonders in den Bänden ‚Die Antiquiertheit des Menschen’ – erstaunliche Abhandlungen über Spielautomaten, über unsere „Ikonomanie“ (Bildsucht) und unserer Unterlegenheitsgefühl gegenüber Popstars, die noch tiefer als wir in die vermeintlich „höhere Sphäre der Serienprodukte“ eingedrungen sind, und wir finden immer wieder Wortschöpfungen wie „Dingpsychologie“ oder „negative Protzerei“.

Von ihm stammt der Titel ‚Hiroshima ist überall’, der dann übernommen und abgewandelt wurde zu „Gorleben ist überall“, „Seveso ist überall“, und nun zu „Fukushima ist überall“. Nach dem Störfall in Three Mile Island gab es den Song ‚Everbody Lives In Pennsylvania’, dem dieselbe Idee zugrunde liegt: Es geht uns alle an, es handelt sich bei der atomaren Gefahr um ein weltweites Problem.

Damals sprach noch niemand von Globalisierung. Es ging auch so. Bei ihm kommt der Blick auf die Totale einerseits aus dem philosophischen Vokabular und der damit verbundenen universellen Perspektive, andererseits aus den unmittelbaren Reaktionen auf die Atomversuche, die 1962 einen kritischen Höhepunkt erreicht hatten. Er bezeichnete diese Versuche nicht etwa als „Tests“, sondern zutreffend als „Ernstfälle“. Er hatte die Vorstellung, dass atomare Wolken um die Welt ziehen, wie es auch in dem Protestsong ‚What Have They Done To The Rain’ besungen wird.

Er glaubte nicht an eine „friedliche Nutzung“ von Atomenergie – er traute dem Frieden nicht. Er sah die Gefahr in einem atomaren Schlagabtausch; er steckte noch im Denken der verfeindeten Blöcke und hat den Zusammenbruch des Sozialismus nicht mehr erlebt. Er fürchtete ein letztes Gefecht, einen Atom-Krieg, der leichtfertig – oder versehentlich – ausgelöst wird und dann eine Dynamik entfaltet, die in der Logik der Technik selber liegt und zwangsläufig zur Apokalypse führt, die wir uns grundsätzlich nicht vorstellen können, weil wir uns „das Nichts nicht vorstellen können“.

Man hat ihm vorgeworfen, dass er Fehler gemacht hat und beispielsweise die Wirkung des Fallouts maßlos überschätzt hätte. Ich fand, dass er das durfte. Er war kein Naturwissenschaftler, er war Philosoph – und hatte trotzdem Recht. Die Kritik kam mir kleinlich vor. Was sind schon Zahlen?! Er gab uns mit seinen Beschreibungen eine notwendige Ergänzung zu den Texten der Technokraten. Für die hatte er auch ein passendes Wort: die „blutigen Experten“.

Damit stellt er – typisch für ihn – die Redensart von den „blutigen Laien“ auf den Kopf. Das hat mir gefallen – dennoch: Ein Laie wird damit nicht entschuldigt, auch er kann weiterhin Blut an seinen Händen haben und mit seinen Stümpereien Schäden anrichten. Und ein Experte war Günther Anders in gewisser Weise auch, er sah sich, wie er in den Tagebüchern schreibt, zugehörig zu einer „Avantgarde des Leidens“.

Er war umstritten – zumal er im Alter immer radikaler wurde und eine Gewalt-Diskussion aufflackern ließ, die im Buch: ‚Günther Anders. Gewalt Ja oder Nein. Eine notwendige Diskussion’ dokumentiert wird. Er wärmte noch mal den Spruch „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ auf und spekulierte in seinen ‚Ketzereien’ darüber, ob ein gezieltes Attentat auf Ronald Reagan moralisch gerechtfertigt ist.

Damit hatte ich keine Probleme – ich dachte: Man wird ja wohl mal fragen dürfen. Probleme hatte ich mit dem erwähnten Motto „Mut zur Angst“. Doch das kam erst zeitversetzt, nach und nach. Ich hatte ihn so verehrt, dass ich kaum Einwände zugelassen hätte. Das hätte mir nicht zugestanden, von einer kritischen Auseinandersetzung war ich weit entfernt. Als wir noch gut miteinander waren, hat er mich – scherzhaft natürlich – als seinen „Propagandaminister“ bezeichnet, ich gehörte in seinen Augen wohl zu der jungen Generation, deren Aufbegehren er mit Wohlwollen sah. Er glaubte an den Fortschritt. Die Erfindung der Atombombe ließ sich sowieso nicht mehr rückgängig machen. Er setzte auf neue, subversive Kräfte wie zum Beispiel Hacker. Und auf die neue Protestbewegung.

So wenig ich damals Helmut Kohl schätzte, so musste ich doch zugestehen, dass an dem Spruch „Angst ist ein schlechter Ratgeber“ – der sowieso nicht von ihm stammt – etwas dran ist. Angst rettet uns nicht. So wie Günther Anders sagt „Hunger reicht nicht, um Hunger darzustellen“, so kann man auch sagen: Angst reicht nicht, um Angst zu überwinden. Angst kann zu Panikreaktionen führen, zu einer Vollbremsung auf Glatteis.

Er selber hatte keine. Nicht nur dass er mutige Thesen wagte, seine ,Vita activa’ (um einen Titel seiner Ehefrau Hannah Ahrend zu zitieren) führte ihn zu einem ‚Besuch im Hades’ (‚Auschwitz und Breslau 1966. Nach „Holocaust“ 1979’) – in anderen Worten: Er sah sich den Schrecken aus der Nähe an. Er gehörte nicht zu denen, die weggucken und die Augen schließen, wenn es gruselig wird.

In seiner Fabel ‚Der Blick vom Turm’ beschreibt er eine Frau, die hinunterschauend einen Unfall beobachtet, bei dem ihr Kind zu Tode kommt. Sie weigert sich nun, vom Turm herabzusteigen; denn unten wäre sie „verzweifelt“. Doch was „phantomhaft“ bleibt, ängstigt umso mehr und vergrößert das Unglück. So fragt sich der Leser: Sollte sie nicht auch den „Mut zur Angst“ haben? Und die Angst überwinden, indem sie sich das aus der Nähe ansieht?

Angst ist nicht das Ziel. So ist das Motto nicht gemeint. Was aber kommt nach der Angst?

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