Postkarte aus Venedig

Nun bin ich zurück und kann einen Bellini von einem Tizian unterscheiden (kurz zusammengefasst: Bellini gut, Tizian nicht gut, Tintoretto geht gar nicht), ja ich differenziere sogar zwischen Bellini dem Älteren und Bellini dem Jüngeren. Bei der Kunst habe ich also einen gewissen ersten Überblick.

 

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Im Leben nicht. Wir haben uns oft verlaufen, denn Venedig sieht überall so aus wie Venedig. Thommie Bayer hatte zum Glück ein neues i-phone dabei, das uns immer bestätigen konnte, wenn wir uns verlaufen hatten. Sehr praktisch. So ein Teil kann sogar noch mehr. Es kann übersetzen und Musik identifizieren. Nur Mister Tambourine Man nicht, aber womöglich durchschaut das smarte Gerät, dass wir das selber wissen und nur einen überflüssigen Test machen wollen. Darauf lässt sich Apple natürlich nicht ein. Man kann es auch als Taschenlampe benutzen, wenn man gerade dringend das Kabel zum Aufladen sucht. Und so waren es schöne Tage im November (die wie die letzten schönen Tage des Lebens wirkten) mit nur wenig verdächtigen Gummistiefeln in Sicht und einem Aqua-alta-Alarm nur am allerletzten Tag (schade eigentlich).

 

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In diesen fadenscheinigen Tagen im Herbst senkt sich eine melancholische Lieblichkeit auf das Gemüt, wenn die Wärme wertvoll wird und kurz vor dem Dunkelwerden alle Farbtöne selten werden und wie eine Frau, die ihr Alter spürt, auszurufen scheinen: Sieh mich an! Sieh mich an! Künstlerisch geschulte sowie naiv staunende Augen gehen gleichermaßen verloren in der Gischt der Reizüberflutung von Schönheit, Zerrüttung und Glanz im Siechtum.

 

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Steht denn nicht alles Großes da als ein einziges „Trotzdem“: trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Körperschwäche, Laster, Leidenschaft und tausend anderen Hemmnissen?! Doch Anmut in der Qual bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein positiver Triumph, und so ist denn auch die Sebastian-Gestalt das schönste Sinnbild der Kunst – und in den Kirchen (die alle irgendwas mit „Santa“ heißen) konnten wir es auf uns wirken lassen, neben der ewig 17-jährigen Maria und der männlichen Helferfigur, die ein Kind durch Hochwasser trägt. Jesus konnte übrigens schon früh auf eigenen Füßen stehen und brauchte keine Pampers. Das Erstaunliche aber: Sebastian wird nicht etwa als Schmerzensmann dargestellt, sondern eher wie ein Lustknabe, und die Pfeile in seinem Körper wirken wie Scherzartikel.

 

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In einem Restaurant gab es „Tagliatelle mit Zoologie“, vielleicht der Grund, warum man so wenig Katzen und Hunde sah. Wenn man ins Internet will, muss man einfach nur „Berlusconi Merda“ eingeben, und so sieht man: Venedig findet immer wieder den Anschluss an die Moderne. Schön.

 

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Natürlich: Die Gondeln fahren zum Hades, der Touristenkitsch geht einem im ursprünglichen Sinn des Wortes auf den Zeiger. Der Blick vom Balkon zeigt das Ospidale, mal weiß, mal Nikotin-Gelb, je nach Tageszeit und Feinstaubmessung. Inzwischen gibt es auch eine Seufzer-Brücke für die kleinen Sünden und eine für Arme.

 

Derci!

Bernhard

 

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