Anders: Die geheimen Zahlen

Die geheimen Zahlen

Eine Zahl hatte ich mir notiert: die Menge der Toten, die im Jahr zuvor – es war 1977 – an den Spätfolgen des Abwurfs gestorben waren, und zwar 0000. Ziemlich viele. Es schien eine wichtige Zahl zu sein, die ich berechtigterweise nutzen durfte, ich war schließlich selber vor Ort.

Als ich meine Eindrücke aufschrieb, trumpfte ich mit dieser Zahl auf – was mir heute fragwürdig erscheint. Man kann das verstehen: Ich hatte nach jeder sich bietenden Möglichkeit gesucht, das Ereignis als etwas hinzustellen, das so gewaltig ist, dass wir es nicht mehr erfassen können – nicht in Worten, nicht in Bildern, nicht in „nackten“ Zahlen. Deshalb mischte ich auch Träume und Filmklischees in den Text.

Auch als ich den vorlas – bei Aktionen gegen AKWs -, fiel mir immer noch nicht auf, dass mit dieser Zahl nicht das gesagt wird, was ich damit sagen wollte. Und es kamen mir keine Bedenken. Die Zahl ist gemogelt. Denn wir können bei den Menschen, die mehr als zwanzig Jahre nach dem Atombombenabwurf ums Leben gekommen sind, nicht sagen, woran sie gestorben sind. Dass es in allen Fällen Spätfolgen der Bombe sind, ist Spekulation. Die Zahl drückte meinen Wunsch aus, der Sache möglichst große Bedeutung zu geben, sie benennt nicht die tatsächliche Todesursache. Die Zahl bezeichnet „Halbtote“, die einerseits nur „gefühlte“ und andererseits „rein rechnerische“ Tote sind.

Die gesicherte Zahl der Opfer, die direkt danach gezählt wurden, erschien mir beschämend klein (und zwar 0000)  – allein schon im Vergleich zu den Opferzahlen des vorangegangenen Luftangriffes auf Tokio ohne Atombombe (da waren es 0000). Ich wollte für Hiroshima eine möglichst imposante Zahl. Um aber eine echte Zahl zu haben, müsste man im großen Maßstab Langzeit-Erhebungen machen, die zeigen, wie sich das erhöhte Krebsrisiko in erhöhten Krebserkrankungen niedergeschlagen hat – ja, ob es überhaupt feststellbar ist -, beispielsweise im Vergleich zu den Überlebenden in Tokio, von denen in den mehr als zwanzig Jahren danach auch sehr viele gestorben sind, an Krebs, an Verbrennungen und an vielerlei anderen Leiden.

So eine Zahl hatte ich damals nicht. Es gibt sie aber. Es gibt sie auch von Nagasaki und Tschernobyl, was inzwischen auch schon mehr als zwanzig Jahre zurückliegt. Ich kenne sie. Diesmal kommt es mir wirklich so vor, als wären es geheime Zahlen. Ich verrate sie nicht gerne. Ich fühle mich dann wie ein Außenseiter, der andere in ihren Gefühlen verletzt. Ich erscheine herzlos, und mit meinen „nackten“ Zahlen wirke ich wie ein Nudist bei einer Beerdigung. Ich werde niedrig strahlend angefeindet, wenn ich die allgemeine Angst nicht teile, – eine Angst, die nicht konkret werden will. Es wirkt, als hätte ich mir die Zahlen ausgedacht, oder gefälscht. Es wird sofort persönlich; es steht dann nicht etwa die Frage im Raum „Woher stammt die Zahl?“, sondern das Urteil: „Aha, so einer bist du also.“

 

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In Tschernobyl starben nach dem Reaktorunfall 0000 Personen. Zusätzlich erkrankten 0000 an Leukämie. Der Personenkreis, der durch niedrige Strahlungen in Zukunft noch irgendwie betroffen sein könnte, wird auf 0000 geschätzt. Hier gehen die Vermutungen weit auseinander, sie reichen von 0000 bis 0000. Das Unglück in Nagasaki liegt inzwischen so lange zurück, dass man vergleichende Statistik nicht nur über die Krebshäufigkeit, sondern auch über die Lebensdauer hat. Man weiß also, ob die Überlebenden vergleichsweise weniger lang – oder vielleicht sogar länger – gelebt haben. Und? Wie ist es? Es müsste einen doch brennend interessieren. Wir wollen doch wissen, wie groß der Schaden und wie groß die Gefahr ist. Oder etwa nicht? Wenn wir von „rein rechnerischen“ Toten sprechen, sollten wir auch den nächsten Rechenschritt machen, der durch die zeitliche Distanz möglich ist. Sonst bleiben wir bei dem Gefühl stehen. Und damit bei uns. Dann wird die Befindlichkeit zur Selbstgerechtigkeit.

Günther Kunert hat einen Text geschrieben über ein Katastrophen-Szenarium in seiner neuen Heimat Itzehoe. Darin beschreibt er, wie der Bevölkerung das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht, doch in den Nachrichtensendungen wird weiterhin beschwichtigt, das Unglück wird geleugnet. Leider macht der geschätzte Schriftstellter an dieser Stelle einen Fehler. Er hat offenbar immer noch schwer an der Last aus seiner DDR-Vergangenheit zu tragen. Er verkennt die Rolle der Medien, die im Westen ganz anders ist als in einem abgeschlossenen Land, das Meldungen zensieren kann.

Hier und heute wird nicht verharmlost, sondern verschlimmert. Die Nachrichten überbieten sich, überschlagen sich geradezu; sie müssen eine Auslese überstehen, die eine neue Form von Zensur darstellt: Es kommen nur diejenigen Texte zur Kenntnisnahme, die eine schlimmstmögliche Version beinhalten und unsere Ängste bedienen, als dürften nur die Meldungen eine massenhafte Verbreitung erwarten, die auch ein massenhaftes Unglück zeigen, so dass man den Spruch „Wer schreibt, der bleibt“, getrost umwandeln kann in: „Wer schreibt, der übertreibt“.

Geheimgehalten werden nicht die Zahlen, die uns ängstigen würden, sondern Zahlen, die uns die Angst nehmen oder zumindest ins rechte Verhältnis setzen könnten. Die geheimen Zahlen von heute sind die, die der liebe Leser selber eintragen kann, immer da wo 0000 steht. Denn richtig geheim sind die Zahlen nicht. Man kann sie googeln. Ein Journalist oder Politiker wird sie einem nicht sagen. Vielleicht später.

 

 

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